Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 33. (15.8.1889)
- Date
- 1889-08-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jahre. XVIlf. Jüdisches Litteratur-Blatt. Z«r RcIeacfaUair •Her J«d«Btha1n «nd Jade■ betreffend«« lltterirliirhen Kr• «ehelnaacen aaf dem Gebiete der Phil״• ■ophle« Geschichte» Ethnographie, Theo• ogle! Orientalin, Kxegeee, HoniHetlh, Lltirgih Pida*0ffik. Heraasgegeben ▼on Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. 9TT.cnj9e6n.Kj, 15. Sluyust 1S89. RSehcr «lerelaHchMgige« liltteratar,welch der Hedert on mMudt werde■! linden 1■ diese« Blatte eingehende Besprechung Bel Elneendnsg ▼0■ sw et Becenelon*• Kxenplaren erfolgt einmalige karse 9ratIs*la>ertloa. Dm ^Jüdische Litteratur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ,Israelitischen Wochenschrift“, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Bnchhandlnngen 8 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 88 Pf. iür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden Buohh&ndler u. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten '25 fl Rabatt. Inhalt: Wis senschaftliehe Aufsätze: Lieber Erzählungen aus dem jüdischen Leben. Von Hermann Bec k e r. I. — Das Targum zu dem Buche Echah. Verhältnis des odirten Textes derselben zu dem eiues handschriftlichen Codex auf der Broslauer Stadtbibliothek, stammend aus dem 13. Jahrhundert. Von Rabbiner Dr. Jac. Re iss. (Schluss.) — Chronogramme. Litteraturbericht: Recension: Gestetner, Ad. Mafteach ha- Pijutim. Index zu Dr. Zunz’ Literaturgeschichte der synaogalen Poesie. Herausgegeben durch das Curatorium der unz-Stittung. In Commission bei J. Kauffinann. Litterarische Notizen. — Inserate._ Unbetugter wajimriick aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Ueber ״Erzählungen aus dem jüdischen Leben“. Von Hermann Becker. I. Der gesohätzte Leiter dieser Blätter gab mir vor Karzern den ehrenden Auftrag, einige Beiträge für die Unterhaltungsbeilage, anser ״Jüdisches Familienblattu za liefern. Ich hoffe indes seine Verzeihung and vielleicht auch die der geehrten Leser zu erlangen, wenn ich statt der gewünschten ״Erzählungen ans dem jüdischen Leben“ vorerst meine Gedanken über ״Erzählungen ans dem jüdischen Leben“ hier au8spreohe. — Die Agada erzählt: ״Rabbi Jochanan, der Sohn des Sakkai, gebrauchte oft die Redensart: Wehemir, wenn ich es sage; wehe mir, wenn ioh es nicht sage. Mit diesen Worten wollte er die Verlegenheit andeuten, in der sich jeder Gesetzlehrer befindet, wenn er — um vor Betrügereien und Täuschungen zu warnen — gewisse Arten derselben namentlich aufführen muss, andererseits aber Bedenken tragen muss, dieses zu thun, wegen des Missbrauches, der damit getrieben werden könnte. ״Soll ioh sie anführen“, sagte Rabbi Jochanan, ״dann gebe ioh vielleicht Veranlassung zu neuen Betrügereien, 8011 ich sie nicht anführen, so könnten die Betrüger denken, uns seien ihre Betrügereien unbekannt.“ Allein trotz dieser letzteren Bedenklichkeit entschloss er sich dennoch, mehrere Arten von Betrügereien und Kunstgriffen anzugeben, indem er sich mit den Worten Hosea’s (14.10) beruhigte: ״Gerade sind die Wege des Herrn, die Gerechten wandeln ungestört fort darauf, die Bösen hingegen stossen überall an.“ - An diese Erzählung ans der Agada erinnerte ioh mich, als ioh versnobte, meinen Gedanken, Ueber Erzählungen aus dem jüdisohen Leben“ Ausdruok za geben. — Denn auch in jüdisohen Erzählungen wird 80 Manches gesündigt und kann nooh mehr gesündigt werden und aus der Besprechung dieser Sünden könnten unsere inneren, mehr aber nooh unsere äusseren Feinde Kapital schlagen; allein trotzdem dürfen diese Sünden nicht unbesprochen bleiben, wenn es mit dem Unterhaltungsstoffe für unsere Glaubensgenossen besser werden soll. Aber das Wort des Propheten Hosea muss auch uns, gleich dem frommen Rabbi, Beruhigung geben. Bei Erörterung der Gedanken ״Üeber jüdische Erzählung u“ ist Folgendes zu erwägen: ft) '.»eichen Zweok haben die Erzählungen aas aus dem jüdischen Leben? b) Welohe Stoffe müssen sie demnach behandeln? 0) In welcher Form müssen diese Stoffe geboten werden? a) Welchen Zweck haben die Erzählungen ans dem jüdisohen Leben? Der Zweck der Erzählungen aus dem jüdischen Leben wird gewöhnlich dahin bezeichnet: Sie sollen uns über die Gesohiohte des jüdischen Volkes, über seine Religionsgebräuche und Sitten, über das jüdisohe Familienleben belehren. Und dieser Zweok ist ja auoh ein recht löblicher und wird von jüdischen Er- Zählern so gut als möglioh erfüllt. Allein, wäre dieses der einzige Zweok solcher Erzählungen, dann würden sich die jüdisohen Erzählungen in Nichts von den Erzählungen aas dem Leben so mancher anderen ״interessanten“ Völker und Stämme unterscheiden, z. B. der Rumänen, Slowaken, Polen, der Wenden, Litthauer und Märker. Sie würden dann e^en auch nur von den genauesten Kennern, also vor Allem von den Angehörigen unseres Volkes selbst geschrieben werden können, gerade so, re auoh die Einzelgeschichten der genannten Völker und Stämme fast nur von den Angehörigen derselben erzählt werden können. Allein, ״Erzählungen aas dem Leben des jüdisohen Volkes“ sind ja aujh von Niohtisraeliten vielfach gesohrieben worden, ihre Helden sind in Dramen und Liedern von Nichtisraeliten gefeiert and durch Pinsel und Palette, in Bild und Stein verewigt worden; ja ih •e uralte Musik ist sogar von niohtisraeütisohen Komponisten in modernen Liedern und Opern zam l usdr cke gebracht worden. — Und so wie die Schilde’י־.• jüdisohen Lebens in Wort und Ton and Bild, in den Bekennern aller Religionen, in den Angehörigen einer jeden Nation vorhanden sind, so auoh die Leser und Hörer, die Bewunderer und Besohauer dieser Schilderungen. Die Schilderungen jiid. Lebens and jüd. Gesohiohte in Wort and Lied und Bild sind überall der regsten Theilnahme gewiss, wer aber liest rumänische Novellen, slowakische Erzählungen? Wer hört, singt and spielt polnisohe Opern, wendisohe Lieder, litthauisohe Musikwerke, ausser aen Angehörigen dieser Völker selbst? — Es muss also der Zweok der Schilderungen jüdisohen Lebens wohl noch ein anderer