Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 30. (25.7.1889)
- Date
- 1889-07-25
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 118 — sie liest, aber man verliert auch nicht viel, wenn man sie ungelesen lässt. Die dritte Arbeit, die Arbeit die aus dem Br es• lauer Seminar hervorgegangen ist, hat ein streng gelehrtea Thema. Der Titel hat geradezu etwas Ab• schreckendes für alle diejenigen, die allgemeine, intereesante Dinge in den Büchern suchen; ״ein Wort über die Mechilta des R. Simon“ wie nüchtern gegenüber dem hochinteressanten historischen Thema Kaufmanns, gegenüber selbst dem Objecte Müllers, mit dem überaus romantischen Hintergründe. Jedoch Dr. Levy, der Verfasser des Wortes über die Mechilta des R. Simon, darf von seiner Arbeit sagen: ״Klein, aber mein.“ Die Zahl derer ist eingeschränkt, die sich überhaupt um das Forschungsgebiet kümmern, auf welchem Dr. Levy sich in dieser Arbeit bewegt; da hört man nichts von Kaisern und Ministern, wie bei Kaufmann, nichts von Kalifen und Veziren, wie bei Müller; aber das Resultat der Levy’schen Arbeit ist ein positiver Qewinn für die Wissenschaft und bei der Sicherheit und Genauigkeit der Methode, welche Levy anwendet, ein unverlierbarer. Neben der vorhandenen Mechilta muss es noch eine andere gegeben haben, nämlich die des Rabbi Simon ben Jochai; diese ״Mechilta des R. Simon“ wird citiert in dem Pentateuchkommentar Naohmani’s und in mehreren anderen jüdischen Schriften des Mittelalters; Friedmann in seiner Ausgabe der Mechilta hat eine Reihe von Stellen, die aus dieser Mechilta des R. Simon citirt sind, abgedruckt. Herrn Dr. Levy ist nun der Nachweis gelungen, dass diese Mechilta des R Simon zum grössten Theile in dem Sammelwerke Midrasch haggadol enthalten ist, welches handsohriftlioh im Besitze des Herrn Schechter in London sich befindet; Herr Schechter, der bekannte Herausgeber einer kritischen Ausgabe der Abot des Rabbi Natan, hat durch die erwähnte Arbeit sich als besonders geeignet gezeigt, auch dieses grosse Sammelwerk des Midrasoh haggadol, dessen Werth für die Beurtheilung des talmudischen Sohrifhthums durch Levy’s Arbeit erhärtet wird, der Oefientlichkeit zu übergeben. Aber Levy führt weiter aus, dass der Titel dieser zweiten Mechilta, nämlich die des Rabbi Simon, nicht sachgemäss ist, höchstens darauf zurückzuführen ist, dass sie mit einem Ausspruoh des R. Simon begann, dass sie aber nicht dor Schule des Rabbi Simon anzugehören scheint, nach der sie benannt wird. Levy nimmt an, dass diese zweite Mechilta aus der Schule Chiskija stamme und erklärt so die Berührungspunkte dieser Mechilta mit Siphra und Tosephta, die wahrscheinlich aus der Schule R. Chija’s, des Vaters Chiskija’8, hervorgegangen sind. Levy giebt zudem in seiner Schrift fruchtreiche Andeutungen über das talmudische Schriftthum, so z. B. Seite bl und 32. Die Arbeit verlangt und lohnt ein gründliches Studium und sie offenbart die vorzügliche Befähigung dieses Docenten, das Talmudstudium zu erneuern und den Soharfsinn, der sonst im Pilpul sich bekundete und fruchtlos sich abmühte, auf wichtige wissenschaftliche Aufgaben zu wenden. Als eine Probe der Methode dieses Autors ist diese Schrift fast noch wichtiger, als wegen der wissenschaftlichen Resultate. Wer die in ihrem Umfange bescheidene, knapp vierzig Seiten umfassende Schrift durcharbeitet und all den Spuren, auf welche ihn der immens belesene und den Stoff souverain beherrschende Autor weist, gründlich nachgeht, dem wird diese Abhandlung freilich nicht das Studium weniger Tage sein, aber er wird den Weg kennen lernen, wie das Talmudstudium für die Gegenwart zu retten ist. Alle drei Arbeiten, des Pester, desBerliner, des Breslauer Seminars, sind Zeugnisse des wissen sohaftlioh freien, und denn och tief religiösen, eohtjüdisohen Geistes, der diese Anstalten beseelt.“) Abraham ben Muriel und Abraham ben Yives. Zwei einflussreiche Männer der Londoner Gemeinde im 13. Jahrhundert. Von M. D. Davis in London.*) **) Unter den ersten Grössen der Londoner jüdischen Gemeinde, welche nach dem Regierungsantritte Heinrichs IIL blühete, nimmt keiner eine ansehnlichere Stelle ein, als der grosse Finanzier Abraham ben Muriel. Die ältesten Documente wimmeln von diesem Namen und berichten unaufhörlich von seinen geschäftlichen Angelegenheiten. Er wird in denselben gelegentlich als Abraham ben Josse angeführt, öfter aber als Abraham ben Muriel, da seine Mutter offenbar für eine wichtigere Persou galt als sein Vater, von welchem wenig oder gar nichts bekannt wurde. Die einzige Notiz über Abraham in den ״Sehetaroth“ finden wir daselbst S. 353 und zwar gelegentlieh des Verkaufs eines seiner Londoner Güter an Geoffrey deMandeville, Grafen von Essex und Gloucester. Diese Grundstücke lagen nahe bei dem Turnierplätze in Westchepe, gerade wo heute Jronmonger Lane (die Eisenkrämergasse) an Cheapside grenzt. Der ursprüngliche Eigenthümer derselben war Abraham ben Rabbi, welcher daselbst auch eine Synagoge hatte; ob diese aber sein Eigeuthum war oder ob sie der Gemeinde gehörte, ist schwer zu entscheiden. Die Urkunde, welche die Verkaufsbedingungen enthält, ist unterschrieben ״Abraham ben Josse, Sohn (auch) der Frau Mirjam, Tochter des ehrwürdigen Rabbi Isaao.“ Diese Unterschrift setzt uns in den Stand, folgende genealogische Tabellen aufstellen zu können: Nodiv Isaao Miljam (Muriel) Josse Abraham ben Muriel. Abraham, wie bereits erwähnt, war eine hervorragende Gestalt in der Londoner Gemeinde. In einem Documente wird er als einer der reichsten Männer des Königreichs dargestellt, was natürlich zur Folge hatte, dass, wenn seinen Glaubensgenossen in der Hauptstadt neue Steuern aufgelegt wurden, Abraham durch öffentliche Abstimmung in die Einsohätzungs- Commission gewählt wurde. Diese Einschätzungen geschahen in der Regel mit der grössten Unpartei• lichkeit und nur selten hören wir von Beschwerden über dabei vorgekommene Verstösse durch Härte oder Ungerechtigkeit. Nichtsdestoweniger ist es auffallend, dass, als im Jahre 1240 Repräsentanten der Gemeinde zu dem in Worcester abgehaltenen jüdischen Congrosse gewählt wurden, Abraham ben Muriel nicht zu den Gewählten gehörte. Da er zu den Häuptern der Gemeinde gehörte, wurde er durch königliches Rescript als Seoretär der jüdisohen Schatzkammer zu Westminster ernannt, wo sein Rath und seine innige Vertrautheit mit den jüdisohen Gemeindeverhältnisseu den zum Schutze der Juden ernannten Geriohtsfunotionären sehr oft zu Statten gekommen sein muss. In dieser Stellung verblieb er mehrere Jahre, bis er, nachdem er beim Könige in Ungnade gefallen war, im Jahre 1249 durch obrigkeitlichen Befehl des Postens enthoben und aufgefordeft wurde, seinem Naohfolger die Schlüssel des *) Der diesjährige Jahresbericht des sogen, orthodoxen (resp. Hildesheimer’schen) liabbinerseminars entbehrt jeder wissenschaftlichen Abhandlung. **) Aus dem ״Jew. Stand.“ übersetzt von L. Cohen.