Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 29. (18.7.1889)
- Date
- 1889-07-18
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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von heut« wegfällt. Natürlich kann diese städtische Steuerfreiheit der Juden nur als e i n Grund unter vielen gelten — Kaufmann behandelt die äussere und die innere Gesonichte der Gemeinde. Selbst das Darstellungstalent des Autors, der ebenso gelehrt als beredt ist, kann es zuweilen nioht verhindern, dass die Erzählung breit und ermüdend wird. Kaufmann hat eine unsägliohe Mühe darauf verwandt, die Daten zu erforschen; mit Bewunderung erfüllt uns der Fleiss und der Spürsinn des Mannes, der die Druokwerke, die ihm einen Ertrag bieten, genau kennt, der an allen Ecken und Enden selbät die entlegensten Archive sich dienstbar gemaoht hat, der einen nahezu über ganz Europa ausgedehnten Brief* Wechsel unterhalten hat, um neues Material zu sammeln. Sollte er die Früchte dieses Fleisses und Forschungseifers, selbst wenn sie nur aut minutiöse Dinge sich erstreckten, ganz für sich behalten? Zudem besitzt er die verführerische Gabe, was er nur immer will, geschickt in die Darstellung hineinweben zu können. Darum werden wir es verstehen, wenn die Er* Zahlung mit Detail beladen sich nur langsam vorwärts bewegt und der Ertrag reicher ist an einzelnen minderwiohtigen Zügen, als an grossen Resultaten. Es ist so natürlich, dass ein Forscher nioht erbarmungslos ist gegen die Fülle des Materials, die er vor sich aufgespeiohert hat. Danken wir es dem Autor, dass er die Masse seiner Notizen, so zu sagen den ganzen Inhalt seines Notizenkorbes nicht wie eine ungeordnete Masse über uns ausgesohüttet hat, sondern dass er von dem Bestreben beseelt gewesen ist, jede Einzelheit einzuordnen. Im Grossen und Ganzen erfährt das Bild, das Grätz von dieser Zeit entworfen hat, durch Kaufmann keine wesentliche Aenderung. Sehr schön ist die Darstellung, wie die Vertrei* bung der Juden aus Wien zum Sagen für die Gesammtjudenheit gewesen ist, insofern dieser Sturm überall hin edle Saatkörner getragen hat. Der bigotte Leopold, der als Kaiser nicht aufhören wollte, Jesuit zu sein, hat es sich gewiss nicht träumen lassen, dass er durch seine grausame, gegen alles göttliche und menschliche Recht verstossende Massregel, für die ihn nur der Aberglaube seiner Frau dankbar war, mitbetheiligt sein werde an der grossen, religiösen und socialen Erneuerung des Judenthums, die im achtzehnten Jahrhundert von der Berliner Gemeinde ausgegangen ist. ״Der im Himmel wohnt, scherzt“, offenbart sich oft in jenen Ironieen, die sich erst nach Jahrhunderten übersehen und verstehen lassen und die den Böswilligen als unbewussten Mitarbeiter am Guten zeigen. _ (Schlu»s folgt.) Die Juden und das Kartenspiel. (Schluss.) Nach einer gelehrten Exeursion in die Genealogien der Könige, Königinnen und Knappen fuhr Herr Abrahams fort: ״Ob nun die Juden die Karten in Europa eingeführt haben oder nicht, so viel steht fest, dass unsere Brüder sehr bald eine grosse Leidenschaft für das Spiel zeigten. Diese Leidenschaft, welche wir auch bei den zeitgenössischen Christen finden, entstand jedoch nicht bloss in rohen und unwissenden Menschen, sondern auch die angesehenen und gelehrten Juden fielen als Opfer in die Gewalt dieses verhängnissvollen Zaubers. Eines der traurigsten Ereignisse, dem Falle Charles James Fox nioht unähnlich, begegnete dem Löon de Modena. Dieser ״elehrte Jude, ein Mann von reichem Wissen, kam 159d nach Venedig. Hier bekleidete er das Amt . ines Lehrers und Predigers. Jedoch auf seiner Laufbahn befand sich eia Stein des Anstosaes, nämlich : seine Leidenschaft für das Kartenspiel. Er war 8ioh der üblen Folgen des Spielens voll bewusst, denn schon in dem jugendlichen Alter von 14 Jahren schrieb er ein Pamphlet gegen das Spiel, welches ih mehrere Spraohen übersetzt wurde. Dooh obschon er oft den Entschluss gefasst hatte, diesem Laster zu entsagen, brachte er es doch nie dahin, sein Vorhaben ausznfiihren, sogar in seinem hohen Alter nioht Die Rabbinen Venedigs veröffentlichten einen Beschluss, nach welchem jedes Gemeindemitglied, welches innerhalb 6 Jahren von Veröffentlichung des Beschlusses an Karten spielen würde, in den Bann gethan werden sollte. Dies geschah im Jahre 1628 und wahrschein• lieh mit besonderer Rücksicht auf Lion de ־Modena. Dieser nahm nun all sein Wissen zusammen, eine Entgegnung gegen diesen Beschluss, welchen er heftig augriff, zu veröffentlichen. Vielleicht würde er auch seiner Gewohnheit entsagt haben, wenn er nicht zu sehr an Astrologie und Fatalismus geglaubt hätte. Er betrachtete sich aber als durch das Fatum zum Spielen ausersehen und war auch, wie es scheint, wirklich dazu bestimmt, sein Vergehen mit Armnth und Amtsentsetzung zu büssen — gewiss eine harte StTafe für eine üble Angewohnheit. Wer Erfahrungen machen will, muss sie überhaupt immer theuer bezahlen, aber wohl in keinem Falle höher als der Karten- und Glüoksspieler.“ Die von. deu Rabbinen Venedigs im Jahre 1628 erlassene Bannbulle giebt uns aber Veranlassung naoh dem Vorgänge Löw’s die Bemühungen der jüdischen Autoritäten verschiedener Zeiten um Beseitigung des Kartenspiels genauer zu betrachten. Es war eine schwere Aufgabe und ein Erfolg fast unmöglich. Der Jude sah am Spieltische Priester und Edelleute, Bürger und Bauern, Alle spielten und spielten um zu gewinnen. Die Rabbinen standen einer Rolohen allgemeinen Plage maohtlos gegenüber. Aerzte können eine Epidemie nioht hemmen; sie muss ihre Richtung verfolgen, bis ihre Kraft gebrochen ist. Die alten Rabbinen und Lehrer hatten schon Jahrhunderte vor Erlass der modernen Massregeln gegen die Glücksspiele dieselben Massregeln getroffen. Die schädlichen Folgen des Spiels waren schon längst in ihren Moralsohriften zur Kenntniss gebracht Jüdische Väter hatten sohon längst ihren Kindern die Pflicht eingeprägt, von dem Laster des Kartenspielens abzustehen; die jüdisohen Geistlichen hatten strenge dieses Laster getadelt und, wie wir sehen werden, hatten die jüdisohen Autoritäten noch mehr als die modernen Gegner des Spiels gethan und Mittel angewendet, die nicht weniger erfolgreich schienen, als die von den Antispielvereinen unserer Tage in Anwendung gebrachten. Hoffen wir, dass sie in ihren Erwartungen nicht getäuscht werden mögen. Zu der ersten Art von Massregeln, welche die Rabbinen gegen das Kartenspiel in Anwendung braohten, gehört die von ihnen gegebene Ermunterung, durch Gelübde freiwillig demselben zu entsagen. Gelübde haben im moralischen Leben der Juden jederzeit eine bedeutende Rolle gespielt; sie sind oft eine mäohtige Stütze für einen schwachen Willen und halten denselben in Schranken, wo jedes andere Mittel seine Wirkung versagt. Neben solohen Gelübden Einzelner, z. B. nur um Obst spielen zu wollen, finden wir zahlreiche Tekanoth oder al 1 gemeine Gelübde, die ebenfalls einen durohaus freiwilligen Charakter haben. Eine der ersten solcher Tekanoth, die Löw nioht anführt und die im Jahre 1416 von der ganzen Gemeinde zu Bologna undForli genehmigt wurde, ist folgende: ״Wir beschliessen ferner, dass von heute an kein