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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-07-11 · N° 28. (11.7.1889) · p. Seite 110

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 28. (11.7.1889)
Date
1889-07-11
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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— 110 und auerkennenswerthe Wirksamkeit eine theologische Vorbildung nur von sehr sekundärem Werthe. Schreiten nun die Gemeinden naoh links, so schwenken die äeminarien nach rechts. So radikal der Ruf mancher dieser Anstalten nach aussen ist, in Wirklichkeit sind sie im Wesentlichen Talmud• schulen. Bei den Seminarien in Berlin und in Breslau sind die Herren Müller und Levy die beiden Atlasgestalten, die Alles tragen. Der Unterrieht liegt zum grössten und zum wichtigsten Theil in ihren Händen; sie stellen jene ״Erlaubniss zu Entscheiden11 aus, welche mit dem rabbinischen Diplom identisoh ist. Was nun von diesen Herren gelehrt wird, ist für Viele der Hörer ein todtes Kapital; in dem Gros der Gemeinden giebt es Niemand, mit dem darüber eine Unterhaltung möglich ist; wenn nicht einmal ein ,Sohnorrer“ aus dem Osten bei uns j zu Gaste kommt, so ist das Aulfrischen und Beleben i jener Kenntnisse durch das Mittel des Gesprächs unmöglich; und seltsamer Weise scheint auch drüben im Osten der Lerneifer in talmudicis nachzulassen. Zeitschriften, die dea Pilpul kultivieren, sind auch nicht vorhanden; so sind die Quellen verstopft, aus deneu sonst auf andern Gebieten die Lembegierde neue Nahrung bekommt. Ein Lamdan sein, ist heut j ein Geschäft, mit dem sioh wenig Staat machen lässt I und bei dem wenig Freud’ zu holen ist. i Auch die Kenntnisse, die man für’s Amt braucht, 1 im wörtlichsten Sinne nahezu ״in den Topf hineinzulegen“, werden in den Talmudschulen in ziemlich weitläufiger Weise mitgetheilt. Ueber rituelle Fragen, die in der Praxis vielleicht in Betracht kommen, sind im Talmud verschiedene Meinungen. Diese verschiedenen Meinungen finden verschiedene Erklärungen, au» diesen Meinungen und Erklärungen ergeben sich von noch Spätem mannigfach ausgedeutet werden! Wer dies Alles hübsch in seinen Kopf hinein bringt, darüber gelehrt zu reden versteht, ist noch nicht immer davor behütet, den praktischen!,all nicht dem Herkommen gemäss zu entscheiden. Wollte nun dagegen ein Kundiger alle die Momente, besonders der Speisegesetzgebung, die dem Rabbiner Vorkommen, kurz und bündig (!erstellen, so wäre das Entscheiden eine wohlfeile Kunst. Deshalb ist es nicht sehr merkwürdig, dass der taimudische Eifer unter den Jüngern nur ein sehr massiger ist: die jungen Leute bilden Vereine zur Förderuug ihrer homiletischen Fähigkeiten, für Geschichte und Philosophie des Judenthums; Talmud vereine, sogenannte Schiur’s, blühen in den äeminarien, soviel man hört, nicht, obgleich doch, wenn ein derber Ausdruck gestattet ist, hier der Knüppel beim Hunde I ist, und das taimudische Wissen den Freibrief und | das Diplom giebt. Ja, es geht die Sage, dass, wer I nicht Bchon aus dem Unterrichte bei Talmudisten ן alten Schlages eine genügende Dosis dieser Kenntnisse i in die Seminarien mitbringt, sie dort kaum erlangt, I und die Sache ist nicht unwahrseheinlich, denn der j Geist der Grossstädte, in denen diese Pflegestätten sich befinden, ist nicht sehr geeignet, Begeisterung für Studien zu wecken, die hauptsächlich durch den Rost des Alters ehrwürdig sind. Es gäbe noch einen Weg, das Talmudstudium der studierenden Jugend interessant zu machen, das wäre der Weg wissenschaftlicher Kritik, und der Verf. z. B. des Br eslauer Programms ist eine Kraft, die auf diesem Gebiete die glänzendsten Erfolge erringen würde, denn der Mann wird von seinem immensen talmudisehen Wissen nicht unterjooht, sondern er beherrscht es mit geübten kritischen Blicke. Die Jüngliuge würden mit Entzücken lauschen, wenn ihnen diese kritischen Arbeiten vorgeführt werden, es begönne eine neue Art von Talmudstudium, das mit Eifer betrieben würde, und der Wissenschaft Dienste leistete, während jetzt bei der alten halaohisohen Methode beim Durchsieben des schon tausendmal durohgesiebtea Stoffes kaum noch was Rechtes herauskommt und der Fleiss des Arbeiters ohne Lohn bleibt. Aber — ja die Sache hat ein grosses Aber, denn diese Kritik würde die Grundsteine der gegenwärtig geltenden religiösen Uebung wegreissen, die Theorie wäre wie so oft die Feindin einer morsoh gewordenen Praxis, da eia baufälliges Gebäude sich gerade so lange hält, als Keiner zu stark daran rüttelt. (Fortsetzung' folgt.) Die Juden und das Kartenspiel. (Fortsetzung statt Schluss) Nachdem Redner den Fortgang und die Beweisgründe dieser Entwickelung erörtert und ferner gezeigt hatte, dass in Indien auch das Schachspiel zu den Glücksspielen gehörte, fuhr derselbe fort: Wenn Karten eine Erfindung des Orients waren, wer brachte sie dann nach Europa? Die Antwort hierauf kann ich nur mit grosser Bedenklichkeit geben, weil sie meine eigene ist und mein Bedenken, sie mitzutheilen, in dem Maasse wächst, als ich kaum annehmen darf, dass sie Ihnen gefallen wird. Die Zigeuner bedienten sioh überall der Karten bei ihren Wahrsagekünsten. Einige mehr oder weniger verrückte Schriftsteller fanden in den Kartenfiguren sogar eine Offenbarung der hebräisohen Kabbala oder Geheimlehre; sie gingen sogar, wie ich glaube, so weit-, dass sie das Wort ״Tarok“ (ein altes Kartenspiel) von ״Tora“ ableiteten. Andere finden noch viel mehr 11״״״״:—; ׳ ״« Dinc׳e in den Karten. Da nun die Zigeuner so leidenschaftliche I'reuuüe de* Harte!! waren, vermathete man, dass sie dieselben auf ihren Wanderungen vonlndien, ihrer ursprünglichenHeimath, mit nach Europa gebracht haben. Dies ist jedoch durchaus unmöglich. Der erste Besuch der Zigeuner in Europa fand erst 1417 statt, also ungefähr ein Jahrhundert naoh Einführung der Karten. Sie können dieselben also unmöglich eingeführt haben. Auoh halte ich es für unwahrscheinlich, dass die Mauren sie nach Spanien gebracht haben. Die Mohammedaner haben einen noch grösseren Widerwillen gegen das Spiel, da, wie ich glaube, der Koran jedes Glücksspiel verbietet. Ich halte vielmehr dafür, dass die Juden die Vermittelung besorgt haben. Dieses will ich zwar nicht mit Bestimmtheit behaupten; ich zweifle jedoch nicht an der Möglichkeit. Mein Beweis hieifür, wie ich gern zugebe, ist nur sohwaoh. Wir findeu aber eine der frühesten Erwähnungen der Karten schon bei Kalonymns um das Jahr 1320. Die Karten haben, wie erwähnt, ihren Ursprung in dem Schachspiel und die Juden waren anerkannt, grosse Liebhaber dieses Spiels. Maimonides tadelt zwar die Gewohnheitssohaohspieler; dagegen spielte der berühmte Jehuda ha Levi leidenschaftlich. Abr. ibnEsra spielte nicht nur Schach, sondern schrieb sogar eine Ode zu dessen Verherrlichung. In unsern Tagen ist ein grosser Prozentsatz der berühmtesten Schachspieler unter den Juden zu finden; ioh nenne nur den Kämpen Steinitz und die an dom New-Yorker Schaohtournier betheiligten Meister- Spieler Günsberg und Max Weiss. Letztererist, wenn ioh gut unterrichtet bin, der Sohn des berühmten jüdischen Gelehrten Weiss in Wien, von welchem ein Artikel ״Das Studium des Talmud“ in der nächsten Nummer der ״Jewish Quarterley Review“ erscheinen wird. Einst stand der mit diesem Institut

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