Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 25. (20.6.1889)
- Date
- 1889-06-20
- Page
- Seite 99 (sequence 3)
- Language
- German
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99 — Q gg. 78, 4, 5. Got, dine helfe ans sende, mit diner zesewen hende. Bin in der Bibel häufig vorkommender Aasruf: Eile su meiner Hälfe.“ (Psalm.) 78, 12—IE». Daz höre laut vil reine gar helfelos and eine. Jerusalem, n& weine: wie din vergezzen ist! Diese Klage auf die heilige Stadt, hat eine auffallende Aehnliohkeit mit der Elegie der Selioha au Nsiia:העיר הקדש והמחוזות היו לחרפה ולמות וכל מחמדיה ״ נטולות וננויותDie heilige Stadt und die Bezirke, sind geworden zur Schmach und zum Haube, und alle ihre Kostbarkeiten werden fortgenommen und verborgen.“ Man vergleiche daselbst auch die Klage des B. Amitai bar Schefatja, ein italienischer Synagogaldichter, der am Anfang des 12. Jahrhunderts lebte. (Siehe Landshuth, Amude Ha-Aboda s. 46): אוררה אלהים ואהמיה בראותי כר עיר ער תלה בנויה ועיר האלהים משפלת עד שאול ״ תחתיו*»Ich gedenke, 0 Gott, und klage. Ich sehe jede Stadt auf ihrem Hügel erbaut, aber die Gottesstadt bis zur tiefsten Tiefe erniedrigt.“ 90. 79, 17—19. Man höhgemäc an frinnden kranc, daz ist ein swacher habedanc, baz gehilfet friundschaft ane sippe. Diese Zeilen, sowie das ganze Gedicht, dem sie angehören, basiren auf Spräche Salomons 18,24: ״Freunde soll man hochschätzen, ein treuer Freund steht mehr bei als ein Bruder.“ 91. 79, 25—28. Swer sich ze friunde gewinnen lät und ouch dä bl die tugende hät daz er sich üne wanken lät behalten, des friundes inac man gerne schöne walten. Einen ähnlichen Gedanken drückt folgender Satz aus:«כל אהבה שהיא תלויה בדבר בטל דבר בטלה אהבה ״ ושאינה תלויה בדבר אינה כטלה לעולם.jede Liebe, die an einer Sache hängt, hört auf, wenn die Sache aufhört, wenn sie aber nicht an der Sache hängt, da hört sie niemals aut.“ (Abot 5,16.) 92. 80, 6. 7. Swer der m&ze brechen wil ir sträze, dem gevellet lihte ein enger pfal. Aehnliohes drückt der talmudische Ausspruoh aus: .״ תפסת מרובה לא תפסת תפסת מועט תפסתwenn du zuviel erfassest, so hast du gar nichts erfasst, wenn du wenig erfassest, so hast du etwas erfasst.“!*3. 801 .17 ׳«. Swes er niht müge üz geborgen noch selbe erhebe, versage doch daz. In diesem Gedicht predigt Walter Maasshalten im Gesohenkgeben. Eine ähnliche Lehre findet sich im Talmud (Ketubot 50.): שמא יצטרך לבריות הממם ״ אל יממ יותר מחומשWer freiwillig Spenden vertheilt, soll nicht mehr als den fünften Theil seines ־Vermögens versohenken, denn er könnte sonst selber hilfsbedürftig werden.“ 94. 81, 7—11. Wer steht den lewen? wer steht den risen? wer überwindet jenen unt diesen? daz tuot jener, der sich selber twinget und alliu siniu lit in huote bringet, üz der wilde in staeter zftbte habe. Dasselbe drückt der Satz aus: איזה נבור הכובש את ״ יצרוWer ist ein Held? Derjenige, der seine Leidensoh&ft bezwinget. (Abot.) Wilmanns verweist hier auf Sprüohe Salomons 16.32. 95. 81, 12. 14. Gelingein zuht und schäme vor gesten mugen wol eine wile erglesten: der schin nimt dra*e uf unt abe. Aehnliche Gedanken sind in der Bibel zu finden. VergL auch den talmudisoheu Ausspruoh: שקר אין לו ״ רנייםDie Lüge hat keine Füsse“ (d. i. Bestand, Grundlage). ’ 96. 81, 28—80. Swelch man wirt äne muot ze rieb, wil <er ze s&re striuzeu sich uf sine riebheit; so wirt ze here. ze rieh und zarm die leschent beide söre an 8umelichen liuten rehten inuot. swa ubrie richeit zühte slucket und übric anuuot sinne zucket, da danket mich enwedorz guot. Folgende Sätze bilden die Grundlage dieses Ge• diohtes: ״Gieb mir weder Armuth nooh Beiohthum, gieb mir mein erforderliches Brod. Wenn ich mich übersättige, so könnte ioh leugnen und spreohen: Wer ist Gott? Oder, wenn ioh zu arm würde, so könnte ich mioh an fremdem Gute vergreifen, und mich vergreifen an dem Namen Gottes “ (Sprüohe Sal. 30, 8. 9) (Schloss felgt) Kecensionen. Reich W., B&bbiner in Baden. Knltarfragen vom biblisoh-talmadisohen sooialen and geschichtlichen Standpunkt. 55 S. Wien. 1888. Ch. D. Lippe. Begeisterung für das Judenthum,Kenntniss desselben und eine nioht gering zu schätzende schriftstellerische Begabung befähigen den Verfasser vor die Oeffentlichkeit zu treten, als Kämpfer und Vertheidiger für unsere heilige Sache. Nur muss gerade der Apologet aioh vorsehen and nioht des Guten zu viel thun; Vieles, was in einer Predigt sonooh gerade mit durchgeht, nimmt sich in einer wissenschaftlichen Dar- Stellung sohlecht aus. Auch ist es in der Heimath unseres Autors Brauoh, eine Redeweise schön zu nennen, in der ein Begriff mit reoht vielen Worten bezeichnet ist. Es hängt dies mit dem ästhetischen Gefühl der Barbaren zusammen, die Korpulenz als Grundbedingung der körperlichen Schönheit betraohten. Dieser volle, allzu reiche Stil gleioht dem Lärm einer stark geheizten Lokomotive, die gewaltig pustet und mächtige dunkle Wolken gegen den Himmel schleudert, aber nur langsam vorwärts kommt Die Ueberfülle der Worte muss sich Herr Reioh nooh abgewöhnen, wenn er in den Bezirken eines bessern Gesohmaoks unbedingten Beifall finden will; es giebt ja auoh in Oesterreioh Leute genug, die gut schreiben. Ferner weicht Herr Beich, wo unseres Dafürhaltens die Position nooh zu halten wäre. S. 13 beginnt ein Kapitel ״biblisoh-talmudisohe Rechtspraxis“. Herr Reich findet sioh mit den strengen Vorschriften der Bibel, die auf viele Uebertretungen die Strafe des Todes setzt, dadurch ab, dass er alle diese Vor- Schriften in das Gebiet der Theorie verweist. Wir bekennen, dass ans der Ausdruck unklar ist. Aber es scheint, die Sohrift hat neben der juristischen aaoh eine rein sittliche Tendenz: sie verkündet dem Sünder nioht nur die Strafe, die er erhält, sondem auoh die Strafe, die er verdient, selbst wenn keine Behörde in der Lage ist, s ein Verbre chen fe s tzu8 teilen und ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Vergl. z. B. HI. B. M. V. 18; wo eine juristische Feststellung der Schuld, wie sie die Tora fordert, wohl zu den Unmöglichkeiten gehört. Die Strafen, die in der Sohrift verzeiohnet sind, sind vor Allem für den schlichten Leser berechnet, der daraus den Massstab gewinnt, wie gross das Unrecht ist, das zu vermeiden ihm hier anbefohlen ist, während jedes andere Strafgesetzbuch wesentlich den Richter im Auge hat und auoh hauptsächlich nur in dessen Händen ist. Bei dieser Gelegenheit wollen wir auch ein Beispiel statt htmderter für die Wortfülk des Autors ueben. ״Wenn wir die Bibel lesen, und zwar dem Buchstaben nach ohne in den innern Kern, in die verborgene Tendenz, in die oft verhüllte Ansicht einzudringeu“ eto.'■ S. 12 wird es als ein Unioum bezeichnet, dass das Bezahlen der Schuld innerhalb des Judeuthums als eiue besondere religiöse Pflicht gilt. Wir sehen nichts besonderes darin; jeder Mann wird das Bezahlen der 1 Schuld als eine sittliche Pflicht anseben, ganz unab-