Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-05-30 · N° 22. (30.5.1889) · p. Seite 86

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 22. (30.5.1889)
Date
1889-05-30
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492408-5990870-5991271--1721-5368650
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

— S6 — Klassen der Bevölkerung entgegenkamen, stets in dankbarer Erinnerung behalten werde. Der Gedanke an die Tage der Noth und der Gefahr, welche hinter mir liegen, wird mir um so mehr versüsst durch das Bewusstsein, dass ihnen Tage eines aussergewöhnlichen Glückes und einer seltenen Sicherheit gefolgt sind. Wenn wir die Weisheit besitzen, den besten Gebrauch von den Vortheilen zu machen, von denen wir jetzt begünstigt werden, können wir nicht verfehlen, unter der gerechten Verwaltung einer gütigen Regierung ein grosses und glückliches Volk zu werden. Die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika dürfen sich gratulieren, der Menschheit das Beispiel einer erweiterten, liberalen und nachahmenswerthen Politik gegeben zu haben. Alle besitzeu die gleiche Gewissensfreiheit und die gleichen bürgei liehen Vorrechte. Nicht länger spricht man von der religiösen Duldung, als wäre es blos durch die Nachsicht einer Menschenklasse, dass die andere sich des Bestehens ihrer angeborenen, natürlichen Rechte zu erfreuen hätte, denn glücklicherweise unterstützt die Regierung der Vereinigten Staaten die Bigotterie in keiner Hinsicht und versagt der Verfolgung ihren Beistand, sie fordert nur von denjenigen, welche unter ihrem Schutze leben, dass sie sich als gute Bürger zeigen, indem sie sie bei jeder Gelegenheit wirksam unterstützen. Es würde mit der Offenheit meines Charakters nicht übereinstimmen, wenn ich nicht zugestehen wollte, dass ich mich über Ihre günstige Meinung von meiner Verwaltung und die inbrünstigen Wünsche für mein Glück freue. Mögen die Kinder vom Stamme Abrahams, welche in diesem Lande wohnen, auch ferner sich die Zuneigung der übrigen Einwohner zu erfreuen haben und dieselbe verdienen, während Jeder in Sicherheit unter seinem eigenen Weinstocke und Feigenbäume sitzen und keiner sie in ihrer Ruhe beeinträchtigen soll. Möge der Vater aller Gnade, Licht und nicht Dunkelheit über unsern Pfad breiten, und möchten wir alle in unsern verschiedenen Berufszweigen uns hienieden nützlich machen und möge er uns zur rechten Zeit und auf seine We se ewig beglücken!“ Der früheste Verkehr zwischen den Juden in England, Deutschland und Russland. Von Joseph Jacobs in London. 1 Es ist eine irrige Meinung, dass während des Mittelalters der internationale Gesohättsverkebr irgend welche aussergewöhnliche Beschränkung erlitten haben soll. Die allgemeine Kirche macht das Latein zur ״Lingua franca“ für alle ״Geistlichen“ und die versohiedenen Militärverordnungen geboten eine Verbindüng zwischen allen Kriegern, so dass die Gesammtheit der höheren Berufsklassen, sowohl der intelleotuellen als feudalen, daran gewöhnt war, auch fremde Länder zu besuohen. Die Juden hatten eine gemeinsame Kirche (Synagoge) und eine gemeinsame heilige Sprache und als die Hauptvermittler des internationalen Handels auch Veranlassung, mit den höheren Berufsklassen, welchen sie ohne Zweifel attaohirt waren, sich oft auf Reisen begeben zu müssen. Ich war daher durchaus nicht erstaunt, jüngst ganz unantastbare Beweise für das Bestehen eines direoten Verkehrs zwischen den Juden Englands und Deutsoh- 1 lands schon während des 11. und 12. Jahrhunderts , aufzufinden. i Die erste Notiz hierüber findet sich in einem sehr interessanten Berichte über einen Prozess zwisohen einem Juden und einem Christen, welcher dem damaligen Erzbischof von Canterbury, St. A n 8 e 1 m, durch Gilbert Crispin, Abt zu Westminster, zugesohiokt wurde. Dies war also um das Jahr 1090 unter der Regierung des R u f u 8. Aus dem Berichte geht hervor, dass alle Dekane von Westminster gemäss ihrer amtliohen Stellang auch tolerant waren. Schwerlieh hätten die Dekane Stanley und Brandley sich gütiger und wohlwollender über die Juden äussern können, als ihre Vorgänger vor 800 Jahren. Dieser Prozess ist von Herrn Israel Levyin der ״Revue des Stüdes juives“ (LVI1I) beschrieben und ein altes Mauuscript über denselben kounte man auf der jüdisch-historischen Ausstellung sehen. (Cat. S. 188.) Was in dieser Beziehung aber am höchsten interessirt, ist die Thatsache, dass der Jude, welcher mit dem Abte Crispin 80 befreundet war, in Mainz erzogen wurde und sich nach England begab, weil er ohne Zweifel gehört hatte, dass der harte und grausame Monarch William Rufus den Juden besonders gewogen war. *) Ein anderes Beispiel von einem gelehrten Juden, weloher sioh in England niederliess, liefern die traurigen Berichte über die Judenmorde in Deutschland im Jahre 1146. Unter den von R. Ephraim aus Bonn (in dem Berichte über die Märtyrer aus diesem Jahre) aufgetührten Opfern befand sioh R. Simon der Heilige aus Trier, weloher, wie gelegentlich in dem Berichte bemerkt wird, von England zurüokgekommen war. Hier hatte derselbe mehrere Jahre zugebracht und war eben im Begriff, seinen Geburtsort Trier wieder zu besuchen, als die Mörderbande über ihn herfiel und ihn bei seiner Weigerung, sioh taufen zu lassen, erschlug. Sein Ruf als Heiliger veranlasste die Kölner Juden sogar mitten in ihrer eigenen Noth, sich um die Auslieferung seines Leiohnams zu bemühen, welchen sie dann auch auf dem בית חיים in Köln begruben. In den ״Regesten zur Gesohiohte der Juden in Deutschland“ begegnen wir folgendem Beweise über einen noch innigeren Verkehr zwischen englischen und deutschen Jaden. Vives, ein Jude in Engiaud, kauft von Vives aus Coblenz ein Haus in Köln, neben dem Hanse des Apostaten Hermann gelegen. (Reg. No 293) ״Vives“ war ein häufig Vorkommender Name bei englischen, französischen und deutschen Juden. (Vgl. Reg. No. 261, 268, 273, 281, 282, 288, 296) und zwar der Kinui (Beiname) für das hebräische חיים, für welches Wort auch ״Hagin“ vorkommt (letzteres so viel ich weiss dooh nur in England). Wenn dieser ״Vives“ mit dem in No. 268 identisch ist, so hiess dessen Frau Agnes, und das häufige Vorkommen dieses Namens in England dürfte die Vermuthung der Identität wesentlich unterstützen. *) Anmerkung des Uebersetzers: Liese Judenfreundlicnkeit des von seinen Zeitgenossen als Tyrann gefürchteten William Rutus (der Rothe) lässt sich höchstwahrscheinlich auf folgenden Grund zurücktuhren: William war ein Freund und Förderer der Wissenschaften. Er erliess sogar, um seine Unterthanen für die Wissenschaften zu gewinnen, ein Edict, in welchem er erklärt, dass jeder zum Tode Verurtheilte sich von dieser über ihn verhängten Strafe durch Erbringung des Beweises, dass er das Lesen verstehe, loskaufen könne. Dieses Gesetz ist in England noch heute in Kraft. Man sagt zu dem Verbrecher: ״Du, der Du dieses Verbrechens überführt bist, was kannst Dn zu Deinen Gunsten anführen, damit die über dich verhängt« Strafe nicht vollzogen worde V“ Der Verbrecher antwortet hierauf: ,,Ich beanspruche das Recht der Geistlichen!“ Da di® Juden aber auch in den finstern Zeiten des Mittelalters tro*a1 des schwer auf ihnen lastenden Druckes und trotz der gT8asamen Nachstellungen und Verfolgungen, durch welche nun ihr jämmerliches Dasein verkümmerte, die Geistesbildung mcht vernachlässigten, vielmehr als einzigen Trost in ihren Leiden mit Eifer die Wissenschaften pflegten, was auch dem Könige nicht entgehen konnte, 80 war es natürlich, dass er denselben, welche zur ltealisirung seiner Wünsche vielleicht mehr als der gewöhnliche Haute beitrugen, seine besondere Gunst zuwendete. Es ist bereits an andern Orten der Beweis erbracht^ dass auch in England schon während des Mittelalters viele einflussreiche Aemter sich in den Händen von Juden befanden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.