Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 20. (16.5.1889)
- Date
- 1889-05-16
- Page
- Seite 79 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/6492408-5990870-5991269--1712-5368643- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Recensionen. Weinsberg, Dr. Leopold: Der Mikrokosmos ein angeblich im 12. Jahrhundert von dem Cordubenser Josef Ibn Zaddik verfasstes philosophisches System nach seiner Echtheit untersucht. Breslau, 1888. (Verlag vor. Wilhelm Koebner.) (Schluss.) Des Weiteren sagt Herr Weinsberg: ״Der Verfasser (Ibn Zaddik) polemisirt fast in jedem Abschnitte gegen diejenigen, welche die Realität des Sinnlichen leugnen.-״Wenn nun Ibn Zaddik der Verfasser wäre, so müssten wir annehmen, dass jener Pynhonismus in Andalusien viele Vertreter gefunden hat. Nun wird aber ihrer, die doch jeder religiösen Gemeinschaft, ja jeder positiven Ueberzeugung überhaupt höchst gefährlich werden konnten, mit keinem Worte irgendwo Erwähnung gethan. Dürfen wir da jenen als Verfasser dieser Schrift gelten lassen?;< Um su zeigen, wie weit sich Herr Dr. Weinsberg mit diesem Argumente von der historischen Wahrheit entfernt hat, so dass die gänzliohe Unhaltbarkeit desselben sich auf den ersten Augenblick ergiebt, wollen wir More Neb. I. Gap. 73 aufsohlagen, woselbst es heisst: ״Die zwölfte These (des kalamistisohen Systems) ist: Sie sagen, dass die Sinne nicht immer die Wahrheit darbieten— ... אמרם שהחושים לא יתנו האמת תמיד ״ ״Und in der That — fügt Maimuni später hinzu — ist diese These für sie sehr nothwendig, denn wenn wir mit unseren Sinnen das Gegentheil dessen wahrnehmen, was ihren Voraussetsungen entspricht, dann sagen sie, man dürfe auf die Sinne keine Rücksicht nehmen, nachdem das von ihnen Gedachte durch einen Beweis erhärtet sei, dass der Verstand als Zeuge auf dasselbe hin weise.“ *) Also grade die arabischen Dogmatiker sind es, die diese sophistische Lehre von der Trügliohkeit der sinnliehen Wahrnehmung zur Begründung ihrer religiösen Dogmen benützen. Diese Darstellung der Principien, welche die Mutakalimun vertraten, wie wir sie bei Maimuni finden, durfte Herrn Weinsberg um so weniger entgehen, als gleich am Eingänge des More beriohtet wird, der Schüler Maimuni’s, Josef beu Jehuda, habe von demselben Aufschluss verlangt über die Lehren der arabischen Dogmatiker . . . ושאגיד לך אלו הכוונת אשר בהם כוונת המדברים ... Ebenso unhaltbar wie dieser Einwand von Pyrrhonismus, der im Hinblick auf die citirten Stellen im More gewiss unterblieben wäre, ist das folgende Argument, das Herrn Weinsberg gegen die Autorschaft des Ibn Zaddik vorführt. Wir müssen hier zuvörderst auf den bekannten Sprachgebrauch hinweisen, nach welchem der Begriff des Wortes כת auch in philosophischer Hinsicht nicht immer in dem Sinne von ״Secte“ zu nehmen ist, sondern auch eine ״Gruppe“ eine ״Eiasse“ von Meeschen bedeutet, die einer bestimmten Meinung oder einer bestimmten Gedankenrichtung huldigen. In diesem Sinne gebrauchen Maimuni und Andere dieses Wort sehr häufig; ersterer beispielsweise in seiner bekannten grossen Einleitung zum פרק חלק. Nun weist Herr Dr. Weinsberg auf Mikrok. S. 43 hin, woselbst es heisst: וכת אחת סוברת שהם עובדי ה׳ והם לוכדים אותו לל דלת שתא אור והאור מקרה und fügt hinzu: ״Nun zählt Muhamad &1 Scharastani alle Feuertempel auf — aber von ואמנם זאת ההקדמה האחרונה היא הכרחית מאוד e שאנחנו כשנשיג בחושינו מינים סותרים מה שהניחוהו יאמרו אז אין להשיג כחושים אחר שנתבאר מופת המין אשר חשבו כי עד. השכל תורה עלי : —Maimuni am Schlüsse des Cap וכבר ידעת שאלו כולם דעות קדמוניות היו מתפארים בהם ואומרים שדם אמרום תחלה ונ״ו (Sophisten) הסופיס״טאנין einem solchen in Andalusien oder Spanien überhaupt, weiss er uns nichts zu erzählen. Ergiebt sich nioht offenbar auoh daraus, dass dieser Mikrokosmos unmöglioh in dem Cordubenser Josef Ibn Zaddik seinen Verfasser haben kann?“ Wir antworten darauf: Offenbar — gewiss nioht! Hätte Herr Dr. Weinsberg die unmittelbar folgenden Ausführungen Ibn Zaddiks genau in Betracht gezogen, so hätte er erkennen müssen, dass Ibn Zaddik hier nioht von ein9r fremden ״Secte“ redet, sondern auf Vorstellungen über das göttliche Wesen, die sich bei einzelnen Vertretem des Judenthums gebildet oder bei ihnen Eingang gefunden haben, bezieht. Ibn Zaddik sagt nämlich unmittelbar darauf ואלה שזכרנו הם טובי ההמון והם כמעלת היחידים כשנערכם לזולתם שיש מהם שאינו מיחד עצמו ולא יתעסק כמחשבתו על מנהני אלהיו כרכר אחד und dann im allgemeinen Rückblick auf die anthropomorphistisohen Vorstellungen vom Wesen Gottes ועל זה אמר הכתוב וימים רבים לישראל ללא אלהי אמת וללא כהן מורה וללא תורה שהמאמץ סברא בו שהוא אמת — die Variante in der Münchener Handschrift:שהם אין סברתם בו שהוא אמת ist vorzuziehen — .ואין מאמינים בו שהוא אמת Bevor wir nun des Weiteren auf den geschiohtliehen Bericht des Maimonides über den Einfluss der arabisch-aristotelischen Philosophie auf die jüdischen Denker in Spanien eingehen — diesen Bericht benützt Herr Dr. Weinsberg ebenfalls als einen Ein wand gegen die Autorschaft des Ibn Zaddik — wollen wir uns dem Briefe Maimuni’s an Salomo Ibn Tibbon zuwenden, in welchem, nach dem uns vorliegenden Texte, des Ibn Zaddik in folgender Weise Erwähnung gethan wird ... אמנם ספר עולם קטן שחבר רבי יופדי הצדיק לא ראיתיו אבל אני ידעתי את האיש ואת שיחו והכרתי ערך מעלתו ומעלת ספרו כי בלי מפק הנהיג בו מנהג בעלי התארים. Dieses Urtheil Maimuni’s enthält allerdings in dem uns vorliegenden Wortlaute einen unverkennbaren Widerspruoh; Maimuni lobt Ibn Zaddik und tadelt ihn zugleich und zwar durch seine Bemerkung, da9s jener zu den ״Attributisten“ gehöre“, deren Gegner bekanntlich Maimuni ist. Dieser Bemerkung des Herrn Dr. Weinsberg können wir unsere Zu- Stimmung nioht versagen; wir sind aber keineswegs mit demselben zur Aunahme genöthigt, dass dieser Brief Maiiauni’s ihm unterschoben ist, wie dies von Herrn W. auf S. 48 behauptet wird. Unserer Ansicht nach hatte Maimuni’s Urtheil gelautet: אמנם ספר עולם הקטן שחכר ר־ יוסף הצדיק לא ראיתיו אבל אני דעתי את האש ואת שיחו כי כלי ספק הנהיג כו מנהג כעלי התארים. Wie kam nun aber der den Widerspruoh erzeugende Passus hinein? והכרתי ערך מעלתו ומעלת ספרו. Einem in der Lehre Maimunis nicht besonders heimisohen Abschreiber, der dessen Gegnerschaft gegen die ״Attributi8ten* nicht kannte, war dunkel der Worte Sinn: .אכל אני דעתי את האש ואת שיחו Was meinte Maimuni mit dieser seiner Aeusserung? Bekundet dieselbe ein Lob oder einen Tadel gegen Ibn Zaddik? Im guten Glauben nun, dass Maimuni gewiss kein abfälliges Urtheil gegen den frommen Ibn Zaddik ausgesprochen habe, interpretirte der Abschreiber nun: Unter האיש müsse man gewiss verstehen ערך מעלתו und unter שיחו müsse man verstehen מעלת םפרו. So nun entstanden die commentirenden Worte סהכרתי ערך מעלתו ומעלת ספרו) das ו ist ohne Zweifel eine Dittographie von dem ן in שיחו. Dieser Commentar kam dann durch spätere Abschreiber in den Text hinein und auf solche Weise entstand das uns in der Briefsammlung Maimunis vorliegende widerspruchsvolle Urtheil desselben über Ibn Zaddik. Nach dieser unserer Erklärung ist es also keineswegs ausgeschlossen, dass Maimuni in der That das Werk