Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 17. (25.4.1889)
- Date
- 1889-04-25
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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war nach d«r Wohnung des Vorstehers, welche zum Befremden seines Begleiters nur eine Bauernhütte war. Der Eigenthümer, ein stramm aussehender Landmann, gross, breitschulterig und kräftig gebaut, bewillkommnete die Fremden herzlich, aber mit einer gewissen Scheu. So ärmlich auch die häusliohe Einrichtung war, der Redner und auch sein Begleiter waren bezaubert von der Macht und dem begeisternden Einflüsse, welchen sie die jüdische Religion hier üben sahen. Wir, deren nächste Umgebung jüdisch ist, können uns schwerlich einen Begriff machen von dem Einflüsse, welchen unsere Religion auf solche primitive Naturen übt, auf solche Märtyrer aus Fleisch und Blut. Fs war Freitag Mittag, als sie ankamen. Alle hatten die Arbeit eingestellt. Der Landmann hatte die Ochsen aus der Karre gespannt. In jedem Hause waren die Vorbereitungen zum Empfange der himmlischen Sabbathbraut beinahe beendet. Als der Abend anbrach, begab sich die ganze Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, ungefähr 150 Personen, in die kleine, durch die unnatürliche Wohlfeilheit des zu ihrem Bau verwendeten Materials bereits verfallene Synagoge, die sie erst vor ungefähr 20—25 Jahren gebaut hatten. Als die Fremden sich derselben nahten, hörten sie schon aus einiger Entfernung den eigenthümlichen Wechsel der Stimmen bald steigend, bald fallend. Kreusz war nahe daran, über diese Wahrnehmung in lautes Lachen auszubrechen, aber der Doctor hinderte ihn daran. Nirgendwo war derselbe Zeuge einer solchen Inbrunst, einer solchen Vertiefung in den Inhalt des Gebetes gewesen, wie er sie in dieser Gemeinde der Neujuden wahrgenommen hatte. Viele der Andächtigeu hatten das Hebräischle3en erst in vorgerückten Jahren erlernt und buchstabirten fast die Gebete, welche sie zu solcher Andacht stimmten. Nur einer oder zwei der ältesten Personen benutzten die alten ungarischen Gebete, welche sie aus alten geschriebenen Gebetbüchern ablasen. Denselben Eindruck rief am nächsten Morgen der Gottesdienst hervor, als der Doctor sie einen nach dem andern zur Thora aufrufen hörte und zwar unter der Benennung ,Söhne Abrahams“, als ob ihnen das Gedächtniss an ihre unmittelbare Vergangenheit ganz entschwunden wäre und als ob sie die Leere, welche sie fühlten, durch directe Verbindung mit unserm ersten Stammvater wieder ausfüllen könnten. Redner wollte seine Zuhörer durch einen detaillirten Bericht über seinen dortigen Aufenthalt nicht länger ermüden, auch nicht über die frugalen Mahlzeiten, an welchen er theilgenommen noch üb9r sein Naohtlager auf einem Bogen der ,Times“, welcher ihm auch als Decke diente, als er am Sabbath Nachmittag unter freiem Himmel auf dem Grase schlief, sich weiter verbreiten. Er hatte sich zu sehr vertieft in seine Betrachtungen über das fremdartige Schauspiel, welohes sich seinen Blicken bot, dass Heiden zu strenggläubigen Juden wurden und aus reiner Liebe die Uebung von Pflichten übernahmen, deren Erfüllung die Geburt ihnen nioht auferlegt hatte. Rohe Herzen und rohe Gemüther waren duroh die heilige Flamme, die Erscheinung Gottes im Dornbüsche, gerührt worden. Redner wünschte nun, dass Sendboten gefunden werden könnten, dieses einfache, aber edle Volk weiter zu unterrichten und zu erziehen und dies um so mehr, als sie sich ganz unter der Leitung eines rohen, unwissenden, hochmüthigen und anmassenden Schochet befanden. Während der 3 oder 4 Tage, die er bei ihnen zubrachte, suchte der Doctor so viele Notizen über ihre Geschichte zu sammeln, wie er nur konnte; auch kaufte er alle alten Gebetbücher auf, die sie als Sabbatarianer benutzt hatten, denn heute bedienen sie sich der gewöhnlichen Gebetbücher mit uugarischer Uebersetzung. In dem Hause, in welchem der Doctor wohnte, wohnte auch die Mutter seines Hauswirthes, Sara Kovacs, eine der Heldinnen aus den Dramen, weiche sich 3 Jahre vor ihrem öffentliehen Uebertritt zum Judenthum abspielten. Sie war eine der wenigen, welche die Zeiten überlebt haben, als die Neujuden äusserlich noch Christen waren oder wenigstens eine besondere Secte unter dem Namen ״Sabbathbeobachter“ bildeten. Ein Sagenkreis timgiebt die Person des Gründers desselben. Die Neujuden erzählen von schrecklichen Verfolgungen, welche sie in fremden Ländern, aus welchen sie vertrieben wurden, zu erdulden hatten. Ob nun diese Erzählungen von den Scheiterhaufen oder dem Feuerpfahl auf Thatsachen beruhen, oder ob sie nur ein blosser Reflex von den Geschichten der spanischen Flüchtlinge oder der letzten Ueberbleibsel der ״Hazaren“ waren, wollte Redner nicht zu entscheiden versuchen. Ueber allem Zweifel aber steht ihr ehemaliger Sabbatarianismus oder ihre Abstammung von geheimen Juden, welche im Verborgenen gewisse Gebräuche der jüdischen Religion beobachteten, von welchen die strenge Beobachtung der Sabbathfeier wohl der hervorragendste war. Sie sind indessen nioht mit einer andern ähnlichen Secte, den ״Strombotniki“, zu verwechseln, welche in jeder andern Beziehung Christen sind und nur den Sabbath statt des Sonntags feiern. Wie schon bemerkt, ist die Person des Gründers der Sabbatarianersecte, Simon Peohy, ein Edelmann von hohem Range in Transylvanien, von einem Sagenkreise umgeben, der den Blick in die Wirklichkeit verschleiert hält. In den Zeiten der grossen Reformbewegung, welche Europa im lli. Jahrhundert erschütterte, war Transylvanien nioht am wenigsten in diese Bewegung hineingezogen. Dort trafen die verschiedensten Nationalitäten, Deutsche und Römer, Türken und Ungarn, Juden und Slaven zusammen, wenn auch nur, um sich gegenseitig zu verfolgen, ln dieser grossen religiösen Erhebung zersplitterte sich das Christenthum in mehrere Secten. Eine derselben, zu welcher Simon Pechy zuletzt gehörte, war die der ״Unitarier“. Simon war zuerst Katholik, dann protestantisches Oberhaupt des Reichsrathes der Edelleute, ein tapferer Krieger und unerschrockener Ritter. Als ihm jedoch das Wesen des Unitarianismus nicht mehr zusagte, strebte er immer vorwärts der einzigen Wahrheit entgegen, bis er eine Zufluoht in dem Hafen des Judenthums gefunden, welohes damals nicht in hohen Ehren stand. Die Sage meldet, dass eine schöne Jüdin aus Grosswardein, Namens Esther, auf seine Bekehrung einen mächtigen Einfluss geübt hat. Es ist aber mehr als zweifelhaft, ob er die Fackel der Glaubenstreue an der Flamme rein menschlicher Liebe entzündet hat. Im Jahre 1630 Anden wir ihn an der Spitze einer Secte, welohe in jeder Hinsicht für eine jüdische gelten muss. Als Kanzler des Fürsten von Transylvanien, als reicher Magnat, der 72 Dörfer sein eigen nannte, bekehrte er deren Einwohner fast alle zum Judenthum und ging in seinem Enthusiasmus so weit, dass er die neue Secte zur Kenntniss des .Reichsrathes brachte und zwar in der Hoffnung, sie offlciell als eine privilegirte Reiigionsgesellschafb anerkannt zu sehen. (Schluss folgt.) Kecension. The Narrative of the Holy B'ble. — By Emily Marrion Harris, author of ״ Es teile“ etc. London, Trübner and Co. 1889.