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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-04-12 · N° 15-16. (12.4.1889) · p. Seite 60

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 15-16. (12.4.1889)
Date
1889-04-12
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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— 80 — ״Juden bekehrt Euch, bekehrt Euch zu einem Glauben, dessen Bekenner die Juden in einen Zwinger stecken, sie in eine christliche Kirche treiben, die Juden ausrotten möchten vom Erdboden. Hier stehe ich, ein christlicher Priester, und recke meine Hände zu euch aus, ihr Verdammten, und preise euch um eures Ungehorsames und flehe euch an, darin zu verharren, und verwünsche Jeden von euch, der nicht darin verharrt, sondern mir naehthut.“; Er wurde von der Kanzel gerissen; man hielt ן ihn fair wahnsinnig; aber die Juden winkten ihm zu i und er ״war glücklich, glücklich.* I Und der Mönch wurde in ein anderes Kloster j geschickt, um dort zu büssen; die schlimmsten Sünder wurden in eine Felsenhöhle gesperrt; aber D&hiel war bussfertig und so wurde ihm diese Strafe erlassen; er sollte die Geschichte seiner Bekehrung aufschreiben, aber als er sie fertig hatte, wusste er, dass er dennoch in diese Felsenhöhle würde gesperrt werden. Dort in der Einsamkeit wird er ganz ge* wandelt, denn ״Die Einsamkeit ist eine Mörderin, welche den Menschen todtschlägt und nur den Geist und die Hülle eines Menschen am Leben lässt; -wer einen Menschen zu langer, langer Einsamkeit verurtlieilt, ist, auch ohne dass er gemordet hat, einem Todtschläger gleich zu achten.“ ln dieser Wildniss wird er zum Fanatiker, kommt er durch sein Kasteien in den Buf eines Heiligen; der ״reine, milde und menschliche Geist des Juden hat sich in das unerbittliche Gemüth eines fanatischen Priesters der katholischeu Kirche gewandelt.“ Auf Geheiss seines Abtes verflucht er laut vor der Menge seine Eltern und sein Volk. Jene Zauberin, die Mutter der Myrrha, hörte den Fluch. So zuwider ist ihm der Anblick menschlichen Glückes, dass er den Ehebund zwischen der Sünderin und ihrem einstigen Jugendgeliebten, den er selbst vordem hat stiften helfen, grausam zerstört, indem er in der Frau bange Furcht erweckt und sie elend maoht. Sein Vater und seine Mutter sterben, als sie erfahren, dass er sie laut verflucht habe; und er ist so verstrickt in den Banden seines neuen Glaubens, dass er sie für ewig verdammt wähnt. Er findet sich mit all’ dem Bösen dadurch ab, dass er seine eigene Schuld auf Gott schiebt: ״denn ich bin nichts Anderes, als ein Werkzeug, welches der Herr zu dem verwendet, wozu es ihm gut dünkt; ich vollbringe die Arbeit, wozu diese dient und frommt, das ist nicht cneiue Sorge“. Das vornehmste Gebot der Kirche ist: ״du sollst nicht denken.“ Evaristos, der Abt des Klosters, stirbt, Pater Angelikus, der einstige Dahiel, wird Abt; denn er galt als ein Heiliger. Inzwischen war eine Pest in Rom ausgebrochen, der Pöbel machte die Juden für die Verbreitung der Pest verantwortlich, und jene Verstossenen mussten ihr armseliges Lager verlassen, und unter der Führung des Moses, des einstigen Freundes des Abtes, ziehen sie in die Felsengegend, in welcher Dahiels Kloster lag; sie begehren von ihm, dass er ihnen in diesen unfruchtbaren Felsen eine Ruhestätte gewähre; nur Cisternenwasser gab es dort; das Kloster freilich hat einen prächtigen Brunnen. Moses in Begleitung von Myrrha bittet und der Abt gewährt es im Wider- Spruch mit den Mönchen. Diesen ist er wie eine Geiusel, und zu spät erfahren sie, dass es nicht leicht ist, einem Heiligen zu dienen. Der Aufenthalt der Juden m der Nähe des Klosters giebt immer wieder Anlass zu Klagen, die auch nach Rom dringen, und der Abt muss sich in Acht nehmen, dass seine Feinde dort kein williges Ohr finden; er denkt derer, die er einst geliebt hat, und die ihu noch liebt und die jetzt die Gattin des Moses ist, seines Todfeindes; er hört hierauf, dass Moses sie verst.ossen habe, weil sie ihm gesagt habe, dass sie noch immer den Dahiel liebe; der Abt will sie zum Christenthum bekehren, um sie selig zu machen: aber Moses verhindert es; sie kehrt wieder zu ihm zurück, und jetzt werden die Dämonen des Hasses gegen die Juden in dem Abte mächtig. Es bricht eine grässliche Noth aus. Wochenlang versagt der Himmel den Regen; die Cisternen trocknen aus; die Juden leiden furchtbar um Wasser; das Kloster, die Stätte der christlichen Liebe, hat es im Ueberfluss und versagt es ihnen. Myrrha kommt und bittet und der Abt der Religion, die lehrt, dass die Rache — Gottes ist, hält Myrrha unter dem Vorwände, dass sie die Tochter eines Christen sei, bei sich zurück. So rächt sich Dahiel an Moses. Die Wassernoth steigt und der Abt zieht mit Wasserkrügen hin zu den Juden und fordert sie auf sich zu bekehren. Die Juden lagern an einem Abgründe, da befiehlt der Abt den Mönchen vorwärts zu schreiten, er thut dies im Namen der heiligen Inquisition, die Juden hatten zu wählen zwischen der Taufe und dem Abgrund. Moses stürzt in den Abgrund und einige entkamen, die Andern thaten es ihrem Führer nach, etliche bekehrten sich. Der Abt selbst stürzt röchelnd zusammen. Was nun der Dichter folgen lässt, ist vielleicht nicht 80 ganz geeignet, durch die Dichtung die Weltansohauung des Dichters aufzuklären. Der Abt wird in Rom mannigfacher Verbrechen angeklagt, er wird Räuber, er stirbt im Kampf mit den Soldaten und Myrrha sitzt auf seinem Grabe, aber sie betet nioht für seine Seele; sie wusste, der Todte hatte an keinen Himmel und an keine Hölle geglaubt. So musste es kommen: Zuerst ein Gläubiger und Idealist; Schwärmer und Konvertit, dann Zweifler und Fanatiker; zuletzt Atheist, Mörder und Selbstmörder. Das war das Ende eines Lebens, welches schön und gut begonnen hat.“ Es scheint jedoch, als wäre die erschütternde Lehre, welche der Dichter predigt, noch deutlicher geworden, wenn der Dichter den Fanatiker und Atheisten noch weiter innerhalb der Kirche gelassen hätte, wenn er die Rache gezeigt hätte, die der Konvertit für sein verlorenes Gemüth und Gewissen innerhalb der Kirche übt. Gewiss war es ein greller Kontrast, dass der, der aus Liebe zu seinem Volke Christ goworden war, im Namen der Inquisition seine einstigen Genossen in den Abgrund jagt. Aber lässt sich der psychologische Prozess nicht weiterverfolgen? Der Fanatiker wird glaubenslos, nutzt seinen Ruf, dass er ein Heiliger sei, dazu aus, um höher zu steigen und findet seine satanische Freude daran, unter der Maske des Heiligen seine Genossen zu quälen; es wäre auch die weitere Konsequenz möglich, dass solch ein leerer und in seinem Gemüthe verarmter Mensch im Wahnsinn endet und dass dabei sich all das Elend offenbart, dass die erschlichene Bekehrung au ihm und so vielen Andern angestiftet hat.! Aber auch in der Grenze, welche sich der Dichter gesteckt hat, hat er uns ein Bild gegeben von gewaltiger Tragik. Wie viele Konvertiten mögen ähnliche Qualen erduldet haben; oft erzählt uns die Geschichte von der Feindschaft der abtrünnigen Juden gegen den alten Glauben; wer aber erzählt, wie viel Dolche das Herz dieser Elenden durchbohrt haben, wie die Gewissensqualen sie gefoltert haben, als sie, sei es dem Verdachte zu entgehen, oder um für die Verachtung der einstigen Genossen sich zu rächen oder in argem Selbstbetrug, Juden und Judenthum verfolgt haben. Sehr vielen unserer Glaubensgenossen wird cs gar nichts schaden, das Buoh des christlichen Dichters zu lesen und aus ihm zu lernen, um wie

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