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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-02-21 · N° 8. (21.2.1889) · p. Seite 31

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 8. (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
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f✓ . ־ — 31 — Piese Verse sind vielleicht eine dunkle Beminiseens folgenden Ansspruohes: nTIDill הילודים ל10ת להחירר^ Die ״Geborenen gehen dem Tode entgegen, und dio Todten gehen dem Leben entgegen“. (Abot C. 4.29) Der Contrast ist in dieser Sentens schärfer ausgeprägt als in der Freidank’soben; sie müsste lauten: Was wir sind, das werdet Ihr, und was Ihr seid, das werden wir. Die Zeilen 20,21, welche Bezzenberger für einen späteren Zusatz hält, sind eine Wiedergabe des Satzes: (2. Samuel 12,23.) .״ אני הולך אליו והוא לא ישוב אליIch gebe zu ihm und er kehrt nicht zu mir zurück.“;,1. 22,26.27. Gedanke unt trcume sirit so vri. Vergl. Süsskind: (Darümbe sint gedenke vri üf allerhande sache.) 52. 23, 5. 6. Sint wir uns selben wideretän, wer sal uns dan vür rein hän? Nach Bezzenberger bedeutetes soviel als: ״Wenn wir uns selbst anklagen müssen.“ Dieses ist vielleicht eine Reminiszenz des Satzes: אל תהי דשע בפני עצמך ״Halte dich selbst für keinen Bösewioht“ (Abot). - (Fortsetzung folgt.) wie lebhaftem Antheil die Juden vom 13. bis zum 1&. Jahrhundert sich der deutschen Dichtung, der ritterlichen wie der volksthtunlichen Heldensage zuwandten. Einzelne Namen und Redensarten bezeugen dies noch jetzt, wie wenn die Juden von einer glänzenden Festlichkeit berichten, es sei dabei zug• gangen ״wie in König Artus Hof“. Schon der Name deute auf jüdische Sitte. Der Redner entwickelte hier, wie die Juden des Mittelalters viererlei Namen geführt: 1. patriarchalische aus dem alten Testamente es seien diese fast sämmtlich in Gebrauch gewesen, mit Ausnahme von Adam, Abel und wenigen Anderen; 2. griechische, wie Phöoos (Feibisch), Kleonymos (Kallman) und Andern; 2. romanisehe, besonders bei Frauen, wie Bellafiora, Sprinz (Esperanza); 4. deutsche und zwar entweder gute altdeutsche Heldennamen, wie Gerhard, Günther Gumprecht oder neu gebildete sogenannte sprechende Namen mit etwas geziertem Beigeschmack; unter letzteren aber waren Süsskind und Liebermann die verbreitetesten etc. In der Denkweise ist Süsskind eia Zögling Walter•; mit welchem inneren Antheil müsste .ein Jude jener Zeit etwa den Spruch lesen : ״im dienent Kristen, Juden unde Heiden, der ellin lebendiu wander nert.“ Dass aber weit mehr Juden, al3 man anzunehmen pflegt, ur.*ere Dichter lasen und sich mit den Anschauungen der mittelalterliehen Dichter vertraut machten, wird noch durch weitere Forschungen in überraschender Weise bezeugt werden; obwohl es an sich weniger auffallen sollte, wenn man bedenkt, wie die jüdische Poesie in Spanien auch das weltliche Lied berührte und wie Immanuel der jüdische Mekamendichter, seinen Zeitgenossen Dante zu würdigen verstand. Dr. Hildebrand sprach alsdann über die jüdisch-deutsche schöne Litteratur und machte namentlich interessante Mittheilungen in Betreff eines im Besitze des Herrn Dr. Herman Lotza in Leipzig befindlichen, zu Basel im Anfang des 16. Jahrhunderts mit hebräischen Lettern gedruckten Buches, welches eine poetische Bearbeitung der Bücher Samuelis enthält. Proben daraus lassen es als ein episches Gedicht des 14. Jahrhunderts in der Nibelungen- Strophe erkennen, mit dem vollen Nachklange der alten Volksdichtung. Die hebräischen Lettern heweisen aufs deutlichste, dass es eine für die Juden bestimmte Dichtuug eines Juden ist, denn von anderen konnte dieser der Kenntniss jener Schriftzeichen wohl nicht voraussetzen. Wir haben hier also n°ch einen J uden als epischen Dichter und es entspringt daraus für die deutsche Literaturgeschichte ein doppelter Gewinn, nicht allein ein literarischer, sondern auch ein nationaler. Wie Hildebrand von Dr. Lotze erfahren hat, giebt es eine sehr ausgedehnte Litteratur von solchen mit hebräischen Lettern gedruckten deutschen Büchern, die sich aus dem Mittelalter bis in die neue Zeit verfolgen lässt, und alle diese Dichtungen sind von echt deutschem Geiste, vom alterthümlichen Deutschthum durchdrungen und durchweht. Dr. Hildebrandt bei dieser Gelegenheit auch auf die altdeutsche Sitte des Botenbrodes zu sprechen gekommen war, so gründete er auf mehrere mitgetheilte Beobachtungen die Behauptung, dass die Juden im Mittelalter recht eigentlich die Träger dor deutschen Cultar us/.־h Osten gewesen, wohin sie aus Deutschland eingewandert. Beweis dafür seien die deutschredenden Juden in Polen UDd in anderen ähnlichen Ländern; aber auch aus einer Quelle am Ende des 15. Jahrhunderts, ergebe sich dafür e1n ®erkwürdiger, aber sicherer Beleg: Arnold von Hart warnt nämlich in seiner Reisebeschreibung nach Jerusalem seine Landsleute vor den dortigen Juden, weil sie alle deutsch könnten. Aus all diesem werde es nun sehr erklärlich, dass 1m 13. Jahrhundert ein Jude Minnesänger gewesen, ja auch das gerade wegen seiner hebräischen •Schriftzeichen angefochtene Schlummerlied trete dadurch in ein anderes Licht. Litteraturbericht. Recensionen. Ritter. Dr. Religionslehrbuoh nach den Grand- Sätzen der jüd. Reformgemeinde zu Berlin. Rosenthal & Co. Berlin. 1889. 67 S. Man soll das Gute annehmen, von welcher Seite immer es uns komme. Der Ritter’sohe Leitfaden ist viel besser, als man es naoh der ganzen Vergangenheit des Herrn Verfassers erwarten sollte, der doch stets das, was ihn und seine kleine Gemeinde von uns andern Jaden trennt, so geflissentlich hervorgehoben hat. — Bis zur S. 36 fanden wir Nichts, was was nicht jeder Israelit mit Ritter, ja vielleicht nooh etwas inniger und ernster als Ritter bekennt. Erst da zeigt sich eine Differenz; es handelt sioh um den zweiten Feiertag; für das Neujahrsfest nimmt R. zwei Feiertage in Anspruch, ״weil das Andaohtsbedürfniss ein gesteigertes and der Gegenstand der Feier ein so hervorragender, ernster und wichtiger ist, das er nicht 80 leicht ersohöpft werden kann.“ Herr R. wird kaum leugnen, dass dieser Grund ohne grosse Schwierigkeiten, zumal am letzten Feiertage die Seelenfeier einen so grossen Raum einnimmt, auf alle Feste übertragen werden kann. S. 50 lesen wir zuerst zwei hebräische Citate, sodann folgt eine Vertheidigung der Anwendung der deutschen Sprache beim Gebete. ״Nur die Verkündigungen der höchsten religiösen Wahrheiten, die Losungsworte des Judenthums, za deren Inhalt wir uns in der Andacht bekennen, sprechen wir auch in der Spraohe der Väter aus, in der wir sie überkommen haben, um ihren Ursprung und unsere Uebereinstimmung mit ihnen trotz allen Wandels der Zeiten horvorzuheben.“ So ungefähr begründen auch wir Andern den Gebrauch des Hehräi80hen beim Gottesdienst neben dem Deutschen, und ganz entbehren kann es nicht einmal die Berliner Reform. Auch in dieser Frage hat die extreme Reform kein neues Prinoip, sondern nur die überspannte Anwendung eines an sioh richtigen Grundsatzes. Zam Schluss des Buches werden die Stellen, die gegen die allgemein gültige jüdische Anschauung verstossen, etwas häufiger. Moses Mendelssohn wird als der Vater dieser extremen Reform gefeiert. Ref. erinnert sich gesehen zu haben, wie Dr. R. am 9. Ab sich in einem nichtjüdischen Gasthaus an Speise und Trank weidlich ergötzt hat; ob ihm wohl Mendelssohn dabei Gesellschaft geleistet hätte? Es ist nicht ehrlich, weun die Berliner Reform Mendelssohn, weil er einzelne Missbräuche beseitigen wollte, für sich in Anspruch nimmt. Mendelssohn hat auch, wenn er zu fürstlichen Tafeln geladen wurde, sich streng an unsere Speise« gesetze gehalten. Wenn die Reform leichten Herzens mit so vielen, ja nahezu mit allen Ueberlieferungen der jüdischen Vergangenheit bricht, so sollte sie auch von Mendelssohn sich lossagen und ihn nicht als Leimruthe anwenden. Offener ist das bekannte Wort eines andern Reformators: Mendelssohn habe mehr die alte Zeit geschlossen als die neue begonnen. Denn mit den Ritters hat Mendelssohn nichts gemein. Im Üebrigen ist das Buch nicht in dem dürren, trockenen Ton geschrieben, wie dio meisten Religiousbücher, sondern der Ton ist warm und innig, in gleicher Weise den Geist wie das Herz anregend. _ Herxheimer’s Glaubens- und Pflichtenlehre. 31. Auflage, durchgesehen von Dr. Joel. Leipzig. Rossbergischo Buchhandlung 1889. 185 S. Es wäre ein seltsames Unterfangen, ein Buch, das nahezu sechzig Jahre alt ist, heute zu recensiren; ein-

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