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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-02-21 · N° 8. (21.2.1889) · p. Seite 30

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 8. (21.2.1889)
Date
1889-02-21
Page
Seite 30 (sequence 2)
Language
German
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30 der Schläge, mit denen die Juden des Mittelalters zum Gebete geweckt wurden, erstreckte sich die minutiöse Sorgfalt der Rabbiner des 15. Jahrhunderts. In einigen Gemeinden waren es drei, in andern vier Schläge und selbst für die Zahl der Schläge des Schulklopfers, fanden die Frommen einen Anhalt in der heiligen Schrift; dagegen erwähnt Güdemann nicht, dass der Schulklopfer auch als wandernde Ghettozeitung galt, wenigstens für Todesfälle, die in der Gemeinde vorkamen; zwei Schläge meldeten unseren Vorfahren, dass einer aus der Gemeinde verschieden war, und dann öffnete sich das Fenster und der Schulklopfer meldete den Namen des Todten. Selbst diese ernste Sache gab im Ghetto Anlass zu drolligen Sceuen. Ein närrischer Patron wollte erfahren, wie die Leute über ihn dachten; am frühen Morgen, etwas früher als der Gemeindediener, klopfte er an die Thür des Rabbi, und als gefragt wurde, wer gestorben sei, nannte der Narr seinen eigenen Namen. Ein ״Mizweh-Tod“, sagte jetzt der fromme Mann, d. b. das ist ein Tod, lur den man Gott noch danken müsse. Nun hatte der Thor erfahren, was man über ihn dachte und es regnete Schelte und Flüche aus dem Munde des vorwitzigen Fragers. Der Schulklopfer ist nicht 80 unwichtig als es scheint; als er zum letzten mal schlug, waren es die Todtentöne für das Ghetto, und wo er etwa noch seines Amtes waltet, da beweist er, dass das Ghetto nocli ■fortbesteht. Aber das Judenviertel hat die Juden doch nicht so scharf abgesondert, als man glaubt; Juden und Christen standen zusammen in Sitte und Unsitte, und wenn sie im Glauben getrennt waren, so begegneten sie sich im Aberglauben. Vielleicht ist selbst die Un- Sauberkeit, die an den polnischen Juden getadelt wird, ein Erbtheil der deutschen Hei inath, die die Juden, als sie verjagt wurden, nach Polen mitgenommen haben; denn Erasmus sagt von den damaligen Deutschen, dass sie sich kaum zweimal im Jahre baden; es ist also gar nicht wahr, was jüngst behauptet worden ist, dass sich die Deutschen erst nach dem dreissigjährigen Kriege die Sauberkeit abgewöhnt haben; sie hatten sich sie erst gar nicht angewöhnt; jedenfalls waren die Juden so sehr in die deutsche Volksseele getaucht, dass sie aus dem deutschen Südwesten sogar die Sprache nach Polen und Russland nahmen. Noch jetzt erzählt uns wohl ein polnischer Jude, er habe nechten ein gutes Leilach gehabt, und wir müssen sprachlich ganz Deutschland bis zum äussersten Süd-Westen, durchwandern, um zu erfahren, dass dort unten noch heut ״nechten“ so viel wie gestern und ״Leilach“ soviel wie Bett, Laken bedeutet. Diese versprengten Sprachreste, überhaupt der Umstand, dass spanische wie deutsche Jnden nach vierhundertjähriger Verstossung, in der Türkei wie im slavischen Osten die Sprache der einstigen Heimat bewahrt haben, ist das stärkste Zeugniss, dass die .Juden am Ausgang des Mittelalters weder in Spanien noch in Deutschland Fremde gewesen sind, sondern den Mönchen und den kirchlichen Edikten zum Trotz mit dem Volke gelebt haben, es ist aber auch ein Zeugniss der jüdischen Treue, die sich getrost der deutschen Treue zur Seite stellen darf. Ueber ״Freidank’s Bescheidenheit“. Von Dr. S. Gelb hau 3, Rabbiner zu Nordhauseu. (Fortsetzung.) 4H. 22, 6—11. Van »wachem »amen daz me11s־׳he wirt, diu muoter ez mit nut gebirt, sie leben daz ist urebeit. gewisser tot ist im bereit. War umbe wirt ez iemer vrö V ez 18t als in dem viurc ein strö. Dieser Gedankengang der in der biblischen Litteratar häufig wiederkehrt, erinnert besonders an ein ähnliches Gedioht bei Süsskind von Trimberg: Wenn ich gedenke w&z ich mag, ald waz ich bin ald waz ich werden maoz, so ist alle min vröude dahin ant wie die tag’ mins lebens loufen von mir swinde unt ist das niht ein jamer, siafzen berndiu not daz ich von tak ze tage maoz vürhten den tot wie er mich bringe in der anreinen wilrrne gesinde'! In meiner Schrift n Ueber Stoffe altdeutscher Poesie“ S. 80 habe ich auf die Aehnlichkeit dieses Gedichtes mit der 33. Selioha zum Vorabend des ״Neujahrst&ges“, die einen anonymen Verfasser hat, hingewiesen. Aas der Ideeverwandtsohafc zwischen den obigen Sätzen Freid&nks mit denen Süsskinds and au9 dem Umstande, dass noch andere Sprüche Sässkinds in der Bescheidenheit Vorkommen, ist die Vermathung aufsustellen, dass Freidank Süsskiud gekannt und von ihm jüdische Sentenzen and Sprüobe kennen gelernt hat. Bedenkt man nooh, dass sie beide im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts blüthen, dass die Heimatb des einen von der des Andern nioht sehr entfernt war, - Grimm vermuthet, dass Freidank im Herzogthum Schwaben za Hanse war, (Besohd. XLI) und Süsskinds Heimath war der Fleoken Trimborg im Würzbargisohen (Ueber Stoffe altd. P. 72.) — so wird diese Muthmassung zur hohen Wahr• soheinlichkeit und erklärt die Anklänge der Sprüche der Bescbeidenhei an Sätze und Lehren des jüdischen Sohriftthums *) So gemahnt auoh der Satz: von swaohem samen daz mensche wirt, an סרוחה מאק באת מטיפה. 49. 22, 12—15. Swer driu dine bedaehte der vermite gotes aehte: waz er was, ant waz er ist, unt waz er wirt in kurzer vrist. Diese Verse sind eine Reminiszenz folgender Sentenz in den Sprüohen der Väter: הסתכל בשלשה דברים ואין אתה בא לידי עבירה דע מאין באת ולאן אתה הולך, ״ ולפנימי אתה עתיד ליתן דין וחשבון.Achte auf folgende drei Dinge, so wirst du nie in die Hand der Sünde fallen: Wisse woher du kommst, wohin du gehest, und wem du Rechenschaft zu geben hast“. (Abot C. :>.1.) 50. 22, 16—21. Sus sprechent die da sint begraben beidia zen alten unt zen knaben: .,daz ir da sit, daz wäre wir: daz wir nu sin, daz werdet ir ir komt her ze ans baz dan wir zuo ziu, wizzet daz“. *) Die Kentniss deutscher Diebtang war im Mittelalter in jüdischen Kreisen eine weitverbreitete and die gegenseitige Berührung jüdischer und deutscher Geistesschichten war eine viel intimere als allgemein bekannt ist. Nicht nur wurden die Erzeugnisse der deutschen Poesie in den Ghettos gelesen und hochgehalten, sondern es waren unter den Juden selber im 13. 14. und 15. Jahrhundert Männer, welche mit Ertolg als deutsche Dichter auttraten. So Süsskind von Trimberg, dessen jambische Weisen 80 kunstgerecht sind, dass sie mit andern Erzeugnissen des Minnegosanges in eine Reihe gestellt werden können. Das Urtheil P. Heinrichs von der Hagen über ihn lautet: ״Er zeigt überall Sinn und Geschmack, weder Sprache noch Ausdruck würden den Juden verrathen.“ (MS. 4,038). Auch ein anderes Werk eines anonymen jüdischen Dichters aus dem 14. Jahrhundert, welches in dem Versmasse des Nibelungenliedes abgefasst ist, ist vorhanden. Elias Le vita. der bekannte hebräische Grammatiker (geboren 1468), dichtete einen Bitterroman in Reimversen, der den Namen Bovobuch führt. (Siehe Hebräisch Bibliographie 1863 S. 22. Serapeum 1869. S. 132.) Zur Beurtheilung der Antheilnahme der Jnden au der mittelhochdeutschen Dichtung lassen wir einen Theil des Berichtes über die Sitzungen der germanischen ScctioD der XXVL. Philologen-Versammlung zu Wür/.burg, 1. bis 3. October 1868 (Pleitere Germania 14 S. 127 —28) von LudwigBossler folgen: ״Nachdem noch etc besprach Professor Creizenach diejenigen Persönlichkeiten des mittelhochdeutschen Dichterkreises, die zu Würzburg in nfthero Beziehung stehen. Auf Walter gehe er nicht näher ein etc.“ Dagegen widmete er eine eingehende Besprechung dem jüdischen Minnosänger Süsskind von Trimberg und konnte die Ansicht von Bartsch und Anderen, welche ihn nicht als Juden gelten lassen wollten, durchaus nicht für begründet erkennen. Es scheine ihm nicht hinlänglich beachtet worden zu sein, mit

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