Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 4. (24.1.1889)
- Date
- 1889-01-24
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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16 H. wird verfolgt, der Pöbel will du Spital stärmen, er gilt als Fälscher; wieder denkt er bei dem eigenen Elend an die allgemeine Noth der Jaden. ,So habe iah 68 also anoh einmal vernommen das hep hep and das Geheul, das am die Häuser meiner Vorfahren brüllte. So also war's, wenn sie die Synagogen belagerten and wehrlose Frauen and Kinder hetzten. ,Hängt den Jaden"; was kann ich daza, wenn es euch schlecht geht, wenn das tiefe Gemüth dieser Germanen mehr Bier verlangt, als sie bezahlen können. Hab’ ich ihr Eigentham an mich gebracht? hab’ ich ihren Messias gekreuzigt? Ja, es ist immer dasselbe Lied, du die Horen singen von Jahrhundert za Jahrhundert. So war es vor einem Jahrtausend, und wie lange wird es noch so sein? Und doch ist es mir ein Trost, dass mein Leiden ein Theil der Trübsal meines Volkes ist, eine Strophe nar des langen Trauergesange8. Was gäbe ich nur darum, wenn nicht auoh hier wieder ein Jade bei dem Betrage betheiligt wäre. Aber 80 war’s ja schon vor Jahrtausenden! Wenn ich den babylonischen Jesaja aufsohlage, was ist der brennendste Schmerz des Propheten, als dus so Viele der Seinen duroh ihre Sünden Schmach brachten über das Volk, das war die bitterste Trübsal, dus die Gerechten um die Sünden der Brüder verachtet wurden.“ H. ist sich dessen bewusst, dass die jüdische Gemeinschaft ein Erbe von Kraft, von Tugenden, von Erfahrungen und Weisheit ihm gegeben, von dem d i e keine Ahnung haben, die draussen stehen, ,loh habe so Viele übertreten sehen und sie blieben ihren neuen Glaubensgenossen deünooh Juden wie zuvor, ja mehr als zuvor, angehauoht von dem Odem einer doppelten Verachtung. Eine herzliohe Gemeinschaft und Verwandtschaft mit dem eigenen Volke gaben sie auf, und an der Liebe und an der Seele ihrer neuen Brüder gewannen sie dennoch keinen Autheil. So sind sie Spötter geworden, die Alles bemäkeln und bemängeln. Geistig heimatlos sind sie eine Gefahr iiir alle Verhältnisse, weil sie an keiner Liebe und an keiner Pflicht Theil haben. Gegen beide Parteien verbittert stehen sie mit Allem in Opposition, und sind stets auf der Lauer, um an allem Kritik zu üben, Hass mit Hass, Spott mit Spott zu vergelten, zweifache Kinder der Hölle, wie die Pastoren sagen würden. “ Sollen wir nun auoh dem Tadel das Wort geben, so müssen wir bekennen, dass der Schluss unbefriedigt lässt. Es ist nicht immer der beste Abschluss eines Romans oder einer Novelle, wenn sie sioh kriegen. Sollte der Diohter hier ein Zugeständniss an die Leser gemacht haben, denen nur dann wohl ist, wenn der Held und die Heldin sich heiraten? Naohdem die Jugendgeliebte einen Andern gefreit hatte und diesem Jahre lang nioht durch Zwang, sondern in freier Neigung angehört hatte, war sie für ihn verloren und wenn beide das durch den Tod des Gatten gegebene formale Recht sioh zu nutze maohen, 80 stempeln sie beide ihr früheres freundschaftliches Verhalten zu einem Ehebruch. Oder wollte der Dichter auoh nur das heisse Blut des Juden schildern, ohne darum sein Thun vom sittlichen Standpunkte zu billigen? Fast scheint es so, da auoh schon vordem Tode des Freundes, H. das Mass überschreitet und nur durch die sittliche Würde der Freundin in Schranken gehalten wird. Und ist es nioht ein Selbstbetrug, wenn ein Jude eine Ehe mit einer Christin eingeht und das kommende Geschlecht preisgiebt und dann sagt: er sei sioh treu geblieben, er sei nioht übergetreten, er sei sonach kein doppelter Sohn der Hölle. Ja, wenn noch H. ganz ausserhalb der Religion stände, aber wir oitirten oben eine Stelle, wo er die Wiohtigkeit der Religion für das soaiale Leben mit schönen Wort«! 5“ ‘ jüdischen Volksseele betrachtet und verächtlich von den Germanen redet, dann durfte er auoh für das kommende Gesohleeht nicht jenen Quell der Tugenden versohütten. Der Diohter lenkt hier in das allgemeine Fahrwasser ein, dass Misoheheen die beste Lösung der Judenfrage sind. Aber sein ganzer Roman lehnt sioh egen diesen Schluss auf wenn auoh alle Abonnenten er Leihbibliotheken mit ihm höohliohst zufrieden sein werden. Ein Mann der sagt: ״ioh\war es, den sie im Ghetto einpferchten, hinter dem das Hep 1 Hep 1 der Kreuzfahrer gellte, den die Bluthunde der Spanier aui8pürten; ich bin Ahasver, der das Verbrechen beging, zu lieben, was sie hassen und zu hassen, was sie lieben“; ein Maun, der sich so als Spross seines Volkes weiss, kann nioht darin willigen, dass seine Kinder in die Reihen derer treten, deren Ahnen oder die selbst vielleicht hep, hep gerufen. Wie gesagt, das Bach widerlegt den Schluss; denn die Diohtang ist eine Verherrlichung jüdisoher Kraft, jüdischen Geistes, jüdisohen Charakters und da es gesättigt ist, mit der reiohsten Lebenserfahrung und überall von den Leuohten des Witzes erhellt ist, so wird es in weiten Kreisen zur Milderung des Vorartheils wirken. Litteratur bericht. Receasionen. Ohle, R. Beiträge zur Kirohengesohichte L ]Die pseudophilonisohen Essäer und die Therapeuten. Berlin. 1888. Dass das von Eusebius (Praep. evang. VIII, 11) mitgetheilte Stück aus Philo’s Apologie der Juden unecht ist, hat der Verf. ob. Schritt, wie er einleitend bemerkt, in einer Abhandlung über die Essäer des Philo nur kurz angedeutet. In vorliegender Schrift bemüht sioh nun der Verf. die Gründe geltend zu maohen, die man gegen die Echtheit des betr. Stückes anzuführen hat. Sie sind sprachlicher, sachlicher und historischer Art. Indess hätte der mit einer gesunden Kritik begabte Verf. die gradezu bahnbrechenden Arbeiten eines Frankel und Grätz über die Essäer studiert und nioht, wahrscheinlich weil sie vonjüd i 8 c h e n Autoritäten stammen, vornehm ignorirt, er hätte ohne Schwierigkeit die essäischen Eigenthümlichkeiten, Lebensanschauungen, Sitten, die ohneZweifel auf das Nasiräat zurüokzufiihren eind, als sohlagenden Beweis gegen die Echtheit des betr. Fragment’s in’s Feld führen können. Nioht blos ״weil es ziem- ״lieh unverständlich ist, wie ein gläubiger Jude — ״— und das wollte Philo stets sein — ein Institut ״verwerfen konnte (die Ehe), das naoh der Bibel von ״Gott eingesetzt ist, (S. 10), sondern schon deshalb, ״weil alle essäischen Excentrioitäten, also auoh ihre ״Ehelosigkeit, auf das nasiräisohe Leben, das die ״Essäer erstrebten, zurüokzuführen sind, kann die ״Schilderung im angeblichen Philo, dass der Ehemann ״nothwendig ein Ixepo{, XeXr)9׳ü>1; lv־c’ IXeoWpou 80QX0; ״wird, nioht echt sein. Gewiss verräth u. A. grade ״diese Verkennung des sittlichen Werthes der Ehe ״den ohristl. Mönch, von dem das in Rede stehende ״Fragment verfasst sein muss, wie Philo’s Thera- ״peuten“, die man ja gleichfalls lange Zeit, weil sie als phiionisch angesehen wurden, für eine jüdische Seote hielt. Auf dem Gebiete der Kritik der Werke