Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 3. (17.1.1889)
- Date
- 1889-01-17
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
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- 11 Henn Dt. Gelbhajus — Nordhausen ״Ueber Stoffe altdeutscher Poesie“ (S. in No. 21 and 23 dies. Bl. Jahrg. 1887), ״lieber Freidanks Bescheidenheit* die in No. 1 lauf. Jahrg. d. Bl. begonnene Artikelserie desselben Verfassers und — last, not least — die in No. 38 ff. Jahrg. 1888 d. Bl. enthaltene Arbeit des Herrn Dr. Ooldschmidt-Birkenfeld: ״Der Baum des Lebens und 'der Baum der Erkenntniss in Schillers Muse“, eine Arbeit, welche die reiche Begabung ihres Verfassers im vollen, sohönsten Lichte erscheinen lässt. Wenden wir uns nun zu der in No. 52 das. von uns berührten Hehn’sehen Zusammenstellung der biblischen Anklänge, die sich in Göthes Schriften finden. Ein judenfreundlicher Roman. (Fortsetzung.) , Er begleitet als Arzt eine Expedition nach Centralafrika; der Judenfrage konnte er nicht entfliehen, seine Begleiter erinnerten sich vor den Säulenreihen von Paestum daran, dass die Juden dergleichen nicht hätten machen können und freuten sich bei den Pyramiden von Luxor, dass die Juden alle diese Ziegel hatten streichen müssen; wenn ihm in einer kalten Nacht die Glieder steif wurden, fragte ihn ein witziger Kamerad: ״rührt ihr Rheumatismus noch vom Durchgang durchs rothe Heer“. So wurde es ihm auch unter diesen ungemüthlich und er reiste allein durch die Welt; er reiste hierauf nachEuropa zurück, um die Resultate seiner Reise wissenschaftlich zu verwerthen. Durch seine Bücher erwarb er sich einen grossen Ruf und wurde dann in seinem vierzigsten Lebensjahre als dirigirender Arzt für jenes Hospital von Rumpenheim gewählt, das er zehn Jahre vorher unter so sonderbaren Verhältnissen verlassen hatte. Dort wohnte auch sein Freund Braun mit Weib und Kind. Braun war inzwischen bergab gegangen; er hatte Anfangs eine Pfarre übernommen, aber er war bald dieses Amtes überdrüssig geworden, er hatte ein Buch geschrieben, von dem er eine Berufung zu einer Professur erhoffte, er war in Rumpenheim Redakteur eines liberalen Blattes geworden, aber nach kurzer Zeit lebte er mit aller Welt verfeindet. Seine Feinde batten die Niedertracht ersonnen, er habe aus einem Manuscript, das er einem Buchhändler behufs Abdrucks übergeben sollte und das einen dem Inhalt seines Buches verwandten Gegenstand behandelte, werthvolle Resultate sich angeeignet, das Manuskiipt hatte der Buchhändler, den der Abdruck reute, bei Seite geschafft und Braun wurde durch die fortwährenden Angriffe an den Rand des Wahnsinns, zu Selbstmordversuchen getrieben. Hennegauer erweist sich nun aller Welt gegenüber als Freund und Heiter, er rettet das Hospital, das ein Nonnenkloster werden sollte, er hilft verlotterten Freunden zurück in eine bürgerliche Stellung er bringt für Braun die grössten Opfer, aber inzwischen hatte er sich durch seine Rücksichtslosigkeit, mit dem Hof, mit der Bürgerschaft, mit der Geistlichkeit, mit dem Beamtenthum verfeindet. Die Gattin Brauns, die Freundin warnte ihn mit den Worten: die Gesell- Schaft einer kleinen Stadt verzeiht es niemals, wenn man ihr zeigt, dass man sie füglich entbehren kann. Aber Hennegauer brauste auf und erwiderte: ich bin in der That der Meinung, dass unsere Gesellschaften nachgerade anfangen eine öffentliche Gefahr zu werden. Warum kommen die Rumpenheimer Akten fast regelinässig vom Reichsgericht zurück zur Vervollständigong und zu Naoberhebungen, warum ist Herr Direktor Sauerampfer so gereizt in der Klasse und warum hält Herr Pfarrer Graus so sohlechte Predigten? Warum ist der Urheber der gefälsohten Obligationen noch immer nicht entdeokt und werden die Pläne zu meinem Spitalbau nicht fertig? weil der Staatsanwalt, der Herr Amtsrichter und der Herr Baurath bei allen musikalischen Soiräeu mitwirken, weil der Herr Pfarrer Graus das Gasthaus nicht missen mag und die Herren insgesammt von drei Nichten (zwei in Gesellschaften zu bringen. Alle Medizin aber lehrt, dass, wer nicht ordentlich schläft, auch nicht ordentlich wacht und nicht ordentlich arbeitet. Da klagen sie. dass sie von den Juden auf allen Gebieten überflügelt werden, aber das kommt unter Anderm auch daher, dass die Juden ihre Abende in der Familie zubringen und nioht im Bierhaus oder in der sogenannten Gesellschaft .... in diesem Getöse, in schlechtester Luft muss man den grössten Theil der Naoht zubringen. Dunkelarrest wäre ein Labsal mit diesem Vergnügen verglichen. Von der finanziellen Seite der Sache wollen wir dabei noch garnicht reden, obgleich sioh auch fragen liesse, ob Herr v. Schrinz oder Herr Grans das Recht haben, Gesellschaften für viele hundert Mark zu geben, während für die Zukunft ihrer Kinder nicht gesorgt ist. Das ist nun freilich wieder jüdisch so zu rechnen, aber die meisten Christenkinder würden es ihren Eltern danken, wenn sie etwas besser gereohnet hätten.“ Hennegauer ist allen ein Dorn. Sein Freund Braun versumpft immermehr, auf einer Reise fällt er in die Netze einer ausrangirten Hofdame, die er dann als Gehilfin bei der Erziehung seiner Pensionärinnen ins Haus bringt; als der böse Leumund sich gegen seine Frau erhebt und diese in unlautere Beziehung zu Hennegauer bringt, benutzt er die willkommene Gelegenheit, sich von seiner Frau zu trennen und der vornehmen Dame zu folgen, die ihn zum Narren hält. Er kehrt hierauf zu seiner Frau zurück, stellt sich an die Spitze revoltirender Arbeiter und stirbt sodann bei dem Versuch eine Explosion zu verhindern. Alle Gegner Braun’s und Henuegauer’s erweisen sich als unwürdige Gesellen oder gar als offenbare Verbrecher; dennoch verlässt H. den Ort und all die niedrigen Mächte behaupten das Feld; er geht nach der Hauptstadt und bald fuhrt er die Gattin Braun’s, die einstige Judengeliebte, in sein Haus. Hennegauer ist der Mittelpunkt der reich verzweigten Erzählung, die wir hier nur in den wesentlichsten Momenten wiedergegeben haben, er ist besonders sorgfältig gezeichnet, wenn freilich auch jede andere Figur mit liebevoller Detailmalerei behandelt ist H. zeigt ״die müden, traurigen Augen, welche dem Volke Israel eigen sind, das so viel Jahrtausende länger als alle andern Völker dies Erdenelend mitangesehen hat.“ Schon beim Eintritt in Rumpenheim, schon am Bahnhof erfahren wir, dass das alte Vorartheil in jedem Kopfe nistet. H., der Geheime Rath, benutzt nicht den Wagen des ersten Hotels, sondern aus alter Anhänglichkeit will er im zweiten Hotel absteigen. Der Portier hat dafür nur die Erklärung, dass der Mann die Groschen sparen will und sagt: ״Jude bleibt Jude“. H. spricht den Grundgedanken des Romans schneidend scharf aus, als er vergebens um die Geliebte wirbt und diese mit seltsamem Schauder sich von ihm wandte. ״Natürlich ein heimlicher, sonderbarer Ekel bleibt ihnen ja doch vor uns. Sei es Raoegefühl, sei es Wirkung einer tausendjährigen Scheidung, eines durch Generationen vererbten Aberglaubens. Als Werkzeuge sind wir ihnen gut genug, wenn es hoch kommt als Freunde, machen wir aber ernst mit der Gleichheit, daun sind sie unversehens die reine Kaste und wir die Paria.“