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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-01-04 · N° 1. (4.1.1889) · p. Seite 3

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 1. (4.1.1889)
Date
1889-01-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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entfallen. Bezzenberger hat deren bedeutend mehr j als Grimm nachgewiesen, auf welche er in seinen Bemerkungen aufmerksam macht. Sandvoss hat in seinen aufgezählten Entbehrungen (Bescheidenheit S. 39) die biblischen Stellen unerwähnt gelaseen. In der gegenwärtigen Studie 8011 der ganze Umfang der Sprüche, die alttestamentlichen Ursprunges sind, sowie auch Lehren und Sentenzen, die aus dem Talmud und den Midraschim stammen, in der Bescheidenheit nachgewiesen werden, woraus der Schluss sich ergiebt, dass Freidanks Werk in intimer Beziehung zur jüdischen Literatur steht. _ (Forts folgt.) Ein judenfreundlicher Roman.*) Die Juden von Wien wollten einmal am Anfang dieses Jahrhunderts sich einen stattlichen Tempel aufbauen, aber dies war in Oesterreich, obgleich jüdische Damen zur Zeit des Wiener Kongresses die ausgezeichnetsten Staatsmänner bei sich sahen, damals nicht durohzuführen; die Behörden verweigerten den Juden die Erlaubniss, ein neues Gotteshaus iu Wien aufzuriohten und meinten, das alte sei noch gut genug für sie. Da wurde eines Morgens die Bevölkerung durch den Anblick überrascht, dass der bichenge Tempel während der Nachtzeit von allen Seiten Stützen bekommen hatte, wie um ihn vor dem Einstürz zu bewahren. Im stillen Einverständniss mit der Polizei hatte der Gemeindevorstand plötzlich eine Baufälligkeit entdeckt, um nicht zu sagen erfunden und in übertriebener Fürsorge überall Pfeiler hingestellt, um den Zusammensturz zu verhüten, und dieser frommen List gelang es, die Erlaubniss zum Neubau zu erwirken, der dann natürlich ganz den Intentionen der Wiener Gemeinde gemäss hoch und stattlich hergesteht wurde. So mag es im Allgemeinen nicht unerspriesslich sein, den Bau des Judenthams als gefährdet zu bezeichnen, den Einsturz desselben als nahe bevorstehend zu prophezeien. Die Debatte der Judenfrage, den einzelnen Juden unbequem und verdriesslioh, ist vielleicht gerade ein Mittel das Judenthum zu befestigen. Es ist ein garnicht übler Kunstgriff das Judenthum für baufälliger auszugeben, als es wirklich ist und 80 überall eine grössere Regsamkeit zn erweoken, dass es erhalten bleibt, dass es fester sich eiuwnrzelt und mächtiger sich erhebt. Wer all die Schriften für und wider die Juden in Betracht zieht, die in den letzten Jahren den Büchermarkt überschwemmt haben, der müsste glauben, das Judenthum sei ein todtkranker Mann, dessen Tage gezählt sind; aber es ist nur der Schein der Baulälligkeit, die älteste Gestalt der gegenwärtigen Kulturweit wird nicht durch ein Paar Zeitungsartikel umgeblasen, und das letzte Jahrzehend hat, indem es uns ans einer falschen Sicherheit aufscheuchte, indem es eine ganze Masse unsicherer Kantonisten, die im Kampfe nur ein Hinderniss sind, in’s andere Lager führte, indem es uns für die litterarische Polemik besser schulte, der unvergänglichen Sache des Judenthums genützt, wenn es auch der vergänglichen der gegenwärtigen Juden zweifellos schwer geschadet hat. Die Juden sind für die Erwachsenen was der Knecht Ruprecht für die Kinder; überall ist der Jude ein beliebtes Schreckmittel um den Volksmassen bange zu machen. In E n gl a n d wird die öffentliche Meinung neuerdings auf ein abscheuliches System der Ausbeutung aufmerksam, welohes man dort das Schwitzsystem nennt, d. h. auf jene Einrichtung, dass vornehme und elegante Kaufhäuser Waaren (besonders Kleider) feilbieten, die nicht unter der Aufsicht der *) Ie&k üennegauer von B. Bottmaim. Inhaber dieser Firmen angefertigt worden sind, sondem, die von schlecht bezahlten Menschen in entsetzliehen Höhlen hergeetellt werden, so dass an diesem hocheleganten Gewände nicht nur das Elend des halbverhungerten Arbeiters haftet, sondern auch die Miasmen der ärgsten Krankheitshöhlen. Dieses Schwitz- System ist über ganz England ausgebreitet; es ist bedingt durch das Streben möglichst billig zu liefern, die Konkurrenz zu verdrängen un<l doch viel zu verdienen. Wer aber wird für diese Vergiftung der socialen Zustände von nicht wenigen verantwortlich gemacht? Die polnischen Ju d en, die mittellos naoh England hinüberkommen und die bei dem Drucke, dem sie entronnen sind, das Elend des Schwitz- Systems noch wie ein Paradies betrachten und die für den billigsten Preis zu haben sind, wenn sie nur überhaupt Arbeit erlangen. Gewiss ist der russische Jude anspruchsloser als der englische Arbeiter; dem Referenten gegenüber wollte einmal solch ein armer Russe sich vor Lachen ausschütten, als er wegen Betteins in ein preussisches Gefängniss geworfen wurde, denn zu Hause habe er Holzgefasse sich aufs Bett stellen müssen, um den vom Daohe triefenden Regen aufzufaugen; und hier in Preussen sei es eine Strafe, in einen wohlverwahrten Raum mit gutem Bett gebracht zu werden, wo einer gegen alle Unbill des Wetters geschützt sei. Das schien ihm der Gipfel der Thorheit, wie denn bekanntlich der russische Jude alles Land jenseits der Weichsel für ein grosses Narrenland ansieht. Also das ist nicht zu leugnen, dass die russischen Juden billiger arbeiten, als die Engländer, die Sprösslinge eines reichen Kulturlandes; aber ger kann im Emst glauben, dass einige tausend wohlfeile Arbeiter unter einer Bevölkerung von einigen und dreissig Millionen irgend wie auf die Gestaltung des Arbeitspreises Einfluss zu gewinnen im Stande sind? Statt die Polizei anzuklagen, die die Arbeitehöhlen schliessen sollte, die dafür sorgen müsste, das» jeder Arbeiter genügend Luft und Licht habe, sind die russischen Juden der Prügelknabe. Wenn solche Erscheinungen selbst in England selbst in Frankreich möglich sind, wo der Procentsatz der Juden garnicht in Betracht kommt, wo das Verhältniss der Juden zu der übrigen Bevölkerung ungefähr wie Einer zu Fünfhundert sioh darstellt, um wie viel erklärlicher ist es, dass die halbe Million Juden, die in Deutschland lebt, hier so Vielen im Wege ist. Als ein erfreuliches Symptom ist es anzuseheo, dass der Judenhass nahezu am schlimmsten dort ist wo es gar keine oder nur wenige Juden giebt. Als vor zwanzig Jahren die ersten Juden von der preussiechen und von der böhmischen Grenze nach den Provinzial8tädten des Königreichs Sachsen kamen — denn nur in Lei pzig und D res de n hatten früher Juden in beschränkter Zahl gewohnt, — da passirte es, dass biedere sächsische Hausfrauen jüdische Kinder zu sich lockten um gründlich nachzusehen, ob die Juden von Natur nicht anders ausgestattet seien, als sonstige Menschenkinder. Seit vielen Jahrhunderten war von allen Kanzeln gegen dies halsstarrige Volk gewettert worden, das zur Sünde der Väter die eigene Schuld fügte, sich der neuen Botschaft zu versohliessen, das absolut nicht glauben wollte, diese Welt der Kriege, der Tortur, der Hexenprooesse, der Leibeigenschaft, sei schon erlöst. So blieb denn im Volksgemüthe der Bodensatz des Vorurtheil8 gegen die Juden und es kann kaum unsere Verwunderung errregen, wenn der Gedanke, dass alle Insassen eines Landes gleiches Recht haben, immer wieder getrübt wird durch diese alte Abneigung, die giftige Frucht, welche so eifrig gepflegt worden ist. (Fortsetzung folgt.)

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