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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-01-04 · N° 1. (4.1.1889) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 1. (4.1.1889)
Date
1889-01-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Bibel and anderen lateinischen Schriften, so anch ans den Gedichten seiner Zeitgenossen and Vorgänger, deren Leotüre oder Bekanntschaft man bei ihm doch wohl wird voraussetzen dürfen, das für seine Sammlang ihm brauchbar Scheinende angeeignet und in genauerer oder freierer Fassung wörtlich wird aufgenommen haben.“ In der Ausgabe von 1834 war Grimm der Meinung, dass hinsichtlich der Reinheit des Versmasses an der Bescheidenheit der Massstab von ־Walters Gedichten nicht gelegt werden könne. In seiner Vorlesung ״lieber Freidank“, die er 1849 in der Akademie der Wissenschaften in Berlin hielt, kommt er von dieser Ansicht zurück, indem er der Bescheidenheit dieselbe metrische Reinheit, die in Walters Liedern obwaltet, vindicirt. Im Gap. IX schreibt er: ״Ich bin bei der Herausgabe von Freidanks Werk der Ansicht gefolgt, dass man, weil er nicht wenige Sprüche aus volksmässiger Ueberlieferang aufgeiiommen habe, eine strenge Beobachtung der metrischen Gesetze nicht suchen dürfte and glaubte ihn entschuldigt, wenn man schweren Auftact, nachlässige Behandlung der Senkungen und andere Verstösse gegen die kunstgerechte Form wahrnahm. Von diesem Vorartheil bin ich zurüokgekommen, ich glaube vielmehr, dass er den besten Dichtern in dieser Be- Ziehung nicht nachsteht und hoffe, dass eine neue (dieser Abhandlung schon zu Grunde liegende) Bearbeitung des Textes davon überzeugen wird.“ Und in der That veranstaltete W. Grimm 1860 eine zweite Ausgabe der Bescheidenheit. Aber die Ueberzeugang von der herrschenden Gleichheit der metrischen Gesetze in derselben und bei Walter ist aus ihr nicht zu gewinnen. Indessen scheint Grimm selbst die Undurohführbarkeit dieser Behauptung eingesehen zu haben, denn in Haupts Zeitschrift, Band 11 S 209, schreibt er: ״In dem zweiten Nachtrag zu m6iner Schrift über Freidank habe ich S. 17 gesagt: die Kürzungen V&t vernät empfän werden in dem׳ neuen Text der Bescheidenheit nicht mehr Vorkommen. Das nehme ich in 80 w6it zurück, als sie in einigen Stellen bleiben.“ Und Seite 242 bemerkt er: ״Ich habe gesagt, in der neuen Ausgabe wird sich zeigen, mit weloher Sorgfalt Freidank die freieren metrischen Gesetze beachtet hat.“ Das kann sich natürlich nur auf die metrischen Gesetze beziehen, die für das einfache Reimpaar bei den guten Dichtern jener Zeit galten, und ein Missverständniss scheint mir nicht möglich.“ Unter den alten Germanisten ist nur W. W ao kern agel welcher der Identität von Freidank und Walter zustimmt, Karl Lachmanns Urtheil schwankt, Jacob Grimm ist gegen die Hypothese. Im Jahre 1870 veröfientlichte H Paul eine Dissertation, in weloher er naohzuweisen sacht, da8B die ungeordnete Strassburger Handschrift der Bescheidenheit die ursprüngliche ist, im Gegensatz za W. Grimm, der die geordnete Heidelberger seiner Ausgabe zu Grande gelegt hat. *) Nach der Strassburger Redaction reducirt sich Freidanks Werk nur auf eine bescheidene Anzahl von Sentenzen. Im zweiten Bande der Zeitschrift f. d. Philologie S. 408—440 stellt J. Grion eine neue Hypothese aufj wonach Wolfger von Ellenbrechtskirchen, der Arohipoeta und Freidank eine Person seien. H. E. Bezzen berger veranstaltete 1872 eine neue Ausgabe der Bescheidenheit, welche sioh mehr uer ersten Ausgabe Grimms nähert. Er versah dieselbe mit einer Einleitung und Bemerkungen über die in *) Jüngst erhielt ich eine Zuschrift von Herrn Prof. H. Paul, in der er über seine Abhandlung bemerkt: ״Die darin niedergelegten Ansichten sind allerdings zu modificiren. Die ursprllnglichste Anordnung bietet die unvollständige Handschrift a, womit im wesentlichen der lateinische Freidank stimmt“. Freidanks Werk enthaltenen, aus anderen Schrift- Stellern entnommenen Stellen. Er tritt der Hypothese von der Identität Freidanks mit Walter entgegen. Im Jahre 1877 gab Franz Sandvoss aufs neue di« Bescheidenheit heraus, weloher er kritisch-exegetische Anmerkungen beifügte. Dieselbe weicht von Grimms beiden Ausgaben ab. Auch er ist gegen die Grimmsehe Annahme. Wilhelm Scherer äussert sioh in seiner Gesohiohte der deutschen Litteratur über diesen Punkt nicht, und Karl Gödicke bemerkt in seinem Grundriss zur Gesohiohte der deutschen Dichtung S. 164, dass die Aufstellung der Hypothese ״längst aufgegeben ist“. Mit W. Grimms Behauptung war es für ihn selbstverständlich, da Walter dem Adel angehörte, dass Freidank adeligen Standes war. Deshalb berührt Grimm in seiner Einleitung zur ersten Ausgabe der Bescheidenheit XL diesen Punkt nur flüchtig. Als aber Franz Pfeifer auoh dieser Ansicht (Freie Forschung S. 197, Germania S. 145) entgegentrat und behauptete, dass Freidank bürgerlichen Standes war, und als auch Andere dieser Meinung beipflichteten, indem sie aus dem Charakter des Werkes auf die bürgerliche Herkunft seines Verfassers schlossen, veröffentlichte W. Grimm in Haupts Zeitschrift Band 11 eine Untersuchung, in der er Freidanks adelige Zugehörigkeit ebenfalls aus dem Bache selber zu beweisen suoht. S. 239 schreibt er: ״Freidank war ein höfischer Dichter, und die höfische Kunst lag in seiner Zeit in den Händen des Adels: wo man nichts Bestimmtes weiss, streitet die Vermuthung immer für adeligen Stand.“ Aber dieser Beweis ist in diesem Falle nicht zutreffend. Wohl waren die höfischen Dichter Edelleute, die Verfasser der Lehrgedichte hingegen, der Winsbeke ausgenommen, gehörten den Bürgerlichen an, und die Bescheidenheit ist doch, abgesehen von einigen angeschlagenen lyrischen Accorden, ein didactisches Gedicht ln optima forma. Ohne Zweifel war .Freidank, wie die vielen Erfahrungssätze der Bescheidenheit es darthun, ein fahrener Poet, der in seinem Lehen viel gewandert war, viele Städte und Marktplätze aufsuchte, die Menschen in ihren mannigfachen Beschäftigungen und Zuständen beobachtete. Auf seinen Wanderungen suchte er nicht nur zu belehren, sondern auch zu lernen. Er sammelte^ der Biene gleich, den Blüthen-f staub wo und wann er ihn fand von den Blumen dqu Lebens, verwandelte ihn in lieblichen Honigsein zur Erquickung für sich selbt und seine Mi#; menschen. Auf seinen Fahrten durch die Länder hat er nicht nur die mittelhochdeutschen Dichter und Aussprüche der lateinischen Klassiker kennen gelernt, sondern er erhielt auch eingehendere u. nähere Kunde ^on der heiligen Schrift, von den Lehrern des Talmud und der Midraschim, die seinen tief verantagten, forschenden, nach Wahrheit strebenden Geist anregten und fesselten. Diese Kunde mag zu ihm entweder durch persönliche Bekanntschaft mit j üdischen Kreisen, die er zur Bereicherung und Erweiterung seiner Weltkenntnis u. Erfahrung aufgesucht haben mochte, oder durch Vermittelung jüdischer Proselyten, an denen es nicht fehlte, gedrungen sein. Dass er die jüdische Literatur in den Kreis seinerBetrachtungen gezogenhat,ersehen wir deutlich daraus, dass er in der Bescheidenheit den Juden ein ganzes Capitel gewidmet hat. Er tritt zwar in demselben polemisch gegen ihre Zurückweisung der Trinitätslehre auf; ein Polemik setzt aber eine genauere Kenntniss der jüdischen Lehre voraus. (Bescheidenheit IXXIII.) Schon W. Grimm macht darauf aufmerksam, dass in der Bescheidenheit sich auch Biblisches findet. Doch führt er im Ganz8n nur 19 biblische Stellen an, von denen dreizehn auf das alte Testament, eine auf den Eccle* iastes, und fünf auf die neutestamentlichen Bücher

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