Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 1. (4.1.1889)
- Date
- 1889-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/6492408-5990870-5991249--1616-5368565- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
J JJL. Jüdisches j^xviu; Litteratur ■Blatt. Zar Balearhtaaf »llrr JxIwth.M ■ad iadra betreffcadra ItttararlMke■ Gr- «ekelaaNraa aaf drai tteklrt« der Phileeoehle, bmrhlrhte. Kthaocraphle, Theooale, Orleatalle, Eaeaeer. DMlIellk, Lltaiftt a. Pi<lad״«lk. Herausgegeben Tor Rabbiner I)r. Moritz Rahme r ©T£.aq3(2.-6wt<j, 4. Stannat 1889. Bfich«c dprtl!N)1ll|ifea Mtt«rat«r,w«lcl1 4er UadMt va nttcaaaiit werden, •ede* ln dleee■ Bletteelncehende Besprach■•* Bel KlnseHdenf ▼יס iwei Beeenelon•• « Rx««|(UrcN erfolgt einaaellfe knrse nratla*laurtloa. --- ־־'-־'־ p Das ״JBdiscbe Llttarathr-Blfctt“ erscheint wöchentlich i.1 einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlangen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ,Israelitiscnen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten and Buchhandlungen 8 Mark kostet) erbalten das ״Jüdische Litteiatur-Blatt״‘ gratis. — Inserate werden mit «6 PflUr die gespaltene Petitxeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und siul au die Expedition dieses Blattes za senden Baohh&ndler a. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einseudeu, erualten '25 Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ueber ״FreidanksBescheidenheit“. Von Dr. S Gelbhaus, Rabbiner in Nordhausen. — Ein judenfreundiicher Roman. Litteraturbericht: Recensionen: Zuckermandel, Dr. M. S. Spruchbach, enthaltend Sprüche aus dem Gebetbuch. — Weissmann, Arthur S. Ernste Antworten auf ״Ernste Fragen“. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet Ueber ״Freidanks Bescheidenheit“. Von Dr. S. Gelbhans, Rabbiner zu Nordhausen. ln der mittelhochdeutschen Litteratur nimmt Freidanks ,Bescheidenheit“ die in den zwanziger Jahren des dreizehnten Jahrhunderts verfasst wurde, einen, hervorragenden Pia*• ein. Ihr Name bedeutet Ungefähr: Unterweisung, Lebensweisheit. Sie wurde zur Zeit ihrer Abfassung wie in späteren Zeiten allgemein hoch gehalten. Ihren Inhalt bilden Sprüche und Spriichwörter. — Betrachtungen in gebuudener Bede über Gott, Ewigkeit, Seele, Tugend, Treue und Freundschaft, über Zustände und Verhältnisse des öffentlichen und privaten Lebens, kurz über die höchsten Güter des Menschen. So bedeut« nd diese Schrift aber auch war, so steht sie dennoch in ihrer Art nicht vereinzelt da; ähnliche Erzeugnisse gingen ihr voran und folgten ihr nach. Als der Gesang der Minnesänger seinen Höhepunkt überschritten, die Poesie jenes Zeitalters ihre herrlichsten Früchte bereits gezeitigt hatte, und wenn auch noch kräftiges Leben äassernd, dooh aber ihrem Ende sioh immer mehr näherte, da entstand in Deutschland eine neue Dichtungsart, welche Belehrungen, Betrachtungen und Unterweisungen zu ihrem Gegenstände wählte, die man die didaotisohe nennt. Herr von Winsbach, der Winsbeke genannt, verfasste am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts ein Lehrgedicht, in welchem ein Vater seinem Sohne Bathschläge für das Leben ertheilt. Thomasin von Zerclaere, Kanonikus von Aquiloja, dichtete im Jahre 1315 den ״Welschen Gast*, ein Gedioht, welches vom Wesen der Tugeiid und Untugend handelt. Dem Tanhäuser, dessen Blüthezeit in die fünfziger Jahre des dreizehnten Jahrhunderts fällt, wird ein Gedieht zngesohrieben, welches die ״Hofzaoht“ heisst. Hugo von Trim borg (12ü0—1309) diohtete don ״Bonner“, ein Lehrgedicht, in welchem Strafreden und Zurechtweisungen enthalten sind. Keine dieser Schriften aber erreiohte einen solchen Grad der Bewunderung und Anerkennung als die ״BesoEbidenheit“. Als aber das Mittelhochdeutsche aufhörte, Hof- und Büchersprache in Deutschland zu sein, als die in dieser Sprache abgefassten;litterarisohen Erzeugnisse nicht mehr beachtet, nach und nach vernachlässigt worden und zuletzt der Vergessenheit anheimfielen, da wnrde von diesem Sohioksale anoh die ״Bescheidenheit:“ betroffen. Wiewohl sie im Jahre 1508 von Sebastian Brant bearbeitet und viel gelesen wnrde, wegen ihrer Vortreffliohkeit hier and da gerühmt und deren Verfasser noch von Hans Sachs erwähnt wurde, 80 erklang später ihr Name nur wie eine liebliohe, aber versohollene Kunde aas alter Zeit, man wusste, dass sie Frohes and Erhebendes verkündete, aber sie selber hat man unmittelbar nioht mehr vernommen. Wilhelm Grimm war es, der sie aas dem Sohlammer der Vergessenheit weckte, den Leihbibliothekenstanb von ihr absohüttelte and sie im Jahre 1834 herausgab. In dieser Ausgabe, welcher ein sorgfältiger Vergleich vieler Handschriften voranging, ist Grimm der Meinung, dass Frei dank, der Verfasser derselben, mit W alter von der Vogelweide identisch ist. Er hat Sprüche und Ausdrucks weisen aus Walters Gedichten Stellen der Bescheidenheit gegenüber gestellt and aas deren Aehnlichkeit den Schluss gezogen, dass letztere ein späteres Product Walters ist. Gleiche oder ahnlioh lautende Redensarten, Gedanken und Sprüche bei Vorgängern, Zeitgenossen uud Nachfolgern Freidanks sacht er theils auf eine gemeinsam• Quelle, auf die Volksweisheit, zurückzufuhreu, theils dahin zu erklären, dass sie aus der Bescheidenheit geschöpft sind. In seiner Einleitung za ״Vridanke’s Bescheidenheit“ (XC) schreibt er: ״ Ich lasse jetzt die volksmassigen, mit Freidank übereinstimmenden Sprüche aus früheren gleichzeitigen and späteren Denkmälern folgen, wobei es meist deutlich, immer wenigstens wahrscheinlich ist, dass kein äusserer Zusammenhang wirkte: weder hat Freidank die Früheren entlehnt, noch ist, er Quelle der späteren geworden, sie sind vielmehr aus gemeinschaftlichem Boden in versehiedener Gestalt hervorgewachsen “ Gegen diese Behaaptung, wie gegen die Hypothese Freidank sei Walter, trat Franz Pfeifer auf, indem er es für unglaublich hielt, dass Dichter ersten Banges die Bescheidenheit benutzt hätten, ohne sie zu nennen. In seiner ״Freien Forschung“ S. 167 schreibt er: ״Offenbar hat W. Grimm zu viel beweisen wollen, darum beweist er nichts, oder vielmehr er beweist nar was sioh ohne vorgefasste Meinung im Grunde von selbst verstände, dass Freidank seine Sprichwörter und Sprüche nioht allein dem Volksmunde oder lebendiger Ueberlieferung verdankt and dass auch die äussere Form nicht immer sein Eigenthum ist, sondern dass er sich wie aas der