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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-11-18 · N° 47. (18.11.1887) · p. Seite 183

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 47. (18.11.1887)
Date
1887-11-18
Page
Seite 183 (sequence 3)
Language
German
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alter Kürze den liberalen Gleist, von dem seit der : französischen Revolution auch das jüdische Volk in j "Europa angeweht. wurde. Da zeigte sich die ״Dank-! harkeit“ unseres Volkes, indem es nirgends und auf! keinem Gebiete daran fehlen Hess, mit Geist und; Herz thätigen Antheil zu nehmen an den Schöpfungen und Leistungen einer produktiven Zeit Es dauerte jedoch nicht, laug•;, da ״Hessen «ich mehrere Stimmen hören, die .Junen seien Fremdlinge, mit. denen man aniraumen müsse.“ Und nun zeichnet der Autor in drastischer und. wir müssen gestehen, in etwas übertrie- . 'baiicr und durchaus nicht minier zutreffender Weise die \ Art. wie unse.ie modernen .luden ״sich ihres Juden- 1 thums entjiusserii.“ Er tadelt, dass ״das Studium jüdischer Geschichte“ vernachlässigt w!rd seit jener Zeit, seitdem die moderne Bildung auch im Judenthum Platz gegriffen. Nun, es ist wahr, dass mancher Arzt oder Jurist oder überhaupt Musensohn unter den Juden während seiner •Studienzeit oder auch nachher den mangelhaften h’eligionsunterricht durch eigenes Studium nach dieser Richtung ergänzen gönnte. Indess. es ist doch sicher nicht zu leugnen, ^wd»s^ gerade in dieser Beziehung jeder ernste, denkende Jude der auf Bildung Anspruch macht, angelegeutlich und mit hohem Interesse es wahrnimmt, sich über die Geschichte seines Volkes zu orientiren. Ja es ist geradezu ein ungerechter Vorwurf, den der Verfasser obigen Schriitcnens unserer Zeit macht, wenn er sagt : ״französische Hennen und englische Kindertyrannen sollen der Jugend die orientalischen Gurgeltöne austreiben“ und ״Tanzlehrer und Schauspieler werden 1 *■zogen, um die Körperhaltung der Jugend zu europaisiren.“ Wir denken anders! Wenigstens in Bezug aut die deutschen Juden. Allerdings wird bei uns viel für die Erziehung der Jugend gethau und in geistiger und körperlicher Beziehung Alles angewandt, um sie, sozusagen salonfähig zu machen. Warum denn auch nicht? Soll denn der Staat oder die Gesellschaft den modernen Juden den Vorwurf maulten, dass sie nie fähig werden wegen ihrer ״orientalischen Gargeltöne u an der modernen Unterhaltung Theil zu nehmen oder sich angemessen zu bewegen? Nein, mitten in der Zeit zu stehen und gern and willig ihre Fortschritte auf dem Gebiete der Kunst, der Wissenschaft and des ״guten Tones“ sich zu eigen machen und dabei den Geist des Judenthums, der doch sioherlioh gegen das ״Europaisiren“ nichts einzuwenden hat, im Denken *und Handeln zn bewähren, — das, denke ich, führt ־OHR weiter und bringt uns mehr Anerkennung und 1Achtung, als nun wir, wie es der Verfasser obigen Vortrages wünscht, nur ״Juden“ sind, wenn ohne unser ״Polenthum“, oder ״Deutschthum“ etc. zu bekunden. Heisst das ״sich des Jndenthums entäussern“, ״für politische Etagen ihres Stammes nichts empfinden können“, ,,durch künstliche Dressur zum Abtrünnigen an seinem Stamme werden“ wenn wir, um nützliche Bürger des Vaterlandes, dem wir durch Geburt oder Aufenthalt, angehören, zu sein, die Bildung und die oitten unserer Zeit uns aueiguen und dabei fest uud •überzeugnugstreu nicht bios bei der Fahne des Judenthuuis bleiben trotz mancher Verlockungen, sondern He auch hoohhalteu und schätzen? Fürwahr, der Verfasser üborgiesst gar zu sehr unsere, ״Religions- .joden“ mit der Lauge der Ironie und Satire, wenn arbeiten lang von der ״künstlichen Dressur“ spricht, die den modernen Juden, wie er glaubt, zum ״Abtrünnigen“ hinführt. Und dooh kommt er zum Schluss <S. Di) zu dem Resultat, das wir auch anerkennen, ״wir ״wollen in kultureller Beziehung eine möglichst «hohe Bildung in der Sprache des Landes, ein )!genaues Verständniss der bebr. Sprache und der jtid. ״Geschichte erzielen“. Das ist es ja eben, was Stöcker, Böckel und Genossen wollen, dass der Jude nicht tlieilaehme au den geistigen Errungenschaften unserer Zeit, damit er, wie sie sich einbilden, den Staat nicht judaisirc und damit 30, wie auch unser Autor denkt und sagt: ״eine möglichst zielbewusste und eiuheitliehe Emigration“ erreicht werde Wer deukf da uicht an jene Ironie, mit der die Antisemiten uns Jaden durch das ״Retoarbillet nach Jerusalem“ z. Z. begossen? Der Verfasser ruft seinen Landsleuten zu, ja nioht denselben Weg zu gehen, den die. deutschen Juden, ״die abgewirtschaftet haben“ (?) eingeschlagen: denn diesen hat ״Heine, Börae, Mendelssohn, Meyerbeer, Lassalle, Marx, Jakoby, Lasker“ nichts genutzt. Was? Haben die genannten Männer nicht das Eine za Wege gebracht, dass mau einsehen gelernt, sobald der Staat oder die Gesellschaft den Jaden nioht aasschliesst, er trotz oder vielleicht wegen seines Glaubens sicher doch auch so gut wie seine andersgläubigen Mitbürger etwas Ordentliches leisten kann! Wir wollen es nicht besonders hervorheben, dass der Verfasser, ein Pole, manchen Verstoss gegen die deutsche Sprache und Orthographie begeht, ebenso auch manches kühne, ja ungereimte Bild anwendet, so z. B. ״mummienartig“ (S. 4). ״Der Rumpf des letzten Bourboneu spuckte“ (S. 5). ״Der Register.“ (S. 1.0). Nur das sei hiermit konstatirt, dass eine Behandlung obigen Them&’s zumal in eiuem, jüdisohen Zweoken dienenden Verein, wie sie saohgemäss uud allseitig geschieht, wohl geeignet ist, zur Kräftigung und Erkenntniss unserer Religion viel beizabringen. Kaiserslautern. Dr. Landab erg. Predigt bei der Einweihung der neuen Synagoge in Danzig am 15. September 1887, von Rabb. Dr. C. Werner. 24 S Ein reicher, ein überreicher Inhalt ist in dieser Predigt zusammengedrängt; nur ein Redner, der daroh eine glänzende Vortragsweise seinen Worten Naohdruck zu verleihen vermag, kann es wagen, so viel des Guten za bieten; und wir können die Empfindung des Redners auch ganz gut ▼erstehen, die ihn veraulasste, eine solche Fülle sohöner Gedanken in den Rahmen einer Rede zu vereinigen: eia Publikum, wie es eia jüdisoher Prediger in den seltensten Fällen zusammenfindet, hat za diesem Weihefeste den Worten des Redners gelansoht; eine auserwählte Schaar pichtjüdisoher Zuhörer, die Elite des Beamtenthums, die einflussreichsten and kenntnissreichstenMänner Danzigs waren dort versammelt and da hat denn Dr. Werner die Gelegenheit beim Schopfe gefasst, am einmal Juden und Niohtjuden zu erzählen, was Judenthnm sei. Die Israeliten Danzigs werden gewiss noch oft wiederkommen, nm sich in den herrliohen Hallen za erbauen, am sich von den Predigten ihres Rabbiners erheben zu lassen in ein höheres Denken und Empfinden; für diese hätte er sein Thema einschräaken können; aber die Christen! wann bot sich wieder einmal die Gelegenheit za diesen za reden von der Herrlichkeit, von der Universalität unseres Glaubens? Diese Gelegenheit kehrt vielleicht nie so günstig dem Redner wieder; darum war es weise, dass Dr. Werner diesen Anlass nicht unbenutzt liess and mit Aufwand der ihm za Gebote stehenden Beredtsamkeit von dem Geiste sprach, der in dem neuen Gotteshause walten wird, der in jedem wahrhaft jüdischem Gotteshaus• waltet Werner hat es verstanden, ohne irgendwie der konservativen Gesinnung untren za werden, den Einklang des Jadenthnms mit den höohsten and edelsten Strebungen der Gegenwart za erweisen and *

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