Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 47. (18.11.1887)
- Date
- 1887-11-18
- Page
- Seite 180 (Seite 184) (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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180 — der Leser kann den Sturm der Begeisterung sich ganz gut erklären, die diese Rede hervorgerufen bat. Herr Dr. Werner hat zum Text seiner Predigt die herrlichste Weiherede genommen, die je über ein Gottes• haus gehalten worden ist, das bekannte Gebet Salomo’s zur Tempelweihe und er hat den Text so frei gewendet und verwerthet, dass er fast keine Beziehung des Judenthums zum Geistesleben der Gegenwart unberührt gelassen hat. Die Sprache nimmt oft einen prophetischen Schwung; die Rede ist ein Schatzkästlein kerniger Gedanken, uud die. Kritik kann, wenn sie schon etwas tadeln soll, höchstens das Eine rügen, was Schiller an Jean Paul tadelt, dass der Verfasser mit seinem Reichthnm nicht aushält, dass der Hörer und Leser mit Gedanken gleichsam überschüttet wird. Es ist das bekanntlich ein Unglück, das sich aushnlten lässt. Wir setzen irgend eine beliebige Stelle hierher um unser günstiges Urtheil durch ein Beispiel zu bekräftigen. So heisst es S. 11 ״Gerade der Denker, der die .Marksteine unserer endliehen Vernunft erkannt hat, muss den Glauben als den Engel begriissen, der ihn in die Gefilde der Ewigkeit leitet, zu denen kein anderer Führer den Pfad findet. Aber diese Stätte ist nicht dem Kampf, sondern dem Frieden g-weiht; hier wird der Priester des Glaubens dem Forscher der Wissenschaft die Hand reichen, hier soll nicht der den Geist ertödtende Buchstabe, sondern der den Buchstaben belebende Geist verkündet werdet»; Gott hat uns die Vernunft gegeben, damit wir sie gebrauchen; Gott hat uns den Glauben gegeben, damit wir ihn beherzigen. Er, der Bildner unseres Geistes, verlangt, dass alle seine Pflanzungen Früchte tragen, er will, dass wir mit dem Gotteswort in der einen und der Wissenschaft in der andern Hand unser Lebensweg vollenden etc.‘‘ (Nur ein einziges Bild haben wir etwas trivial gefunden und zwar gleich auf der zweiten Seite, wo von dem heim Anblick einer herrlichen Landschaft eigrifienen Wanderer die Rede ist, der eine Blume zum Andenken abpfiückt: ״Dem Wanderer gleich lasst uns eine Blume zur Erinnerung in unser Han> mitiiehmen, eine Bltune, die den Namen ״V »• rgi s sm e i n i c, . t־‘ trägt!“ — Ferner ist es unbewiesen geblieben, w o in unserer heil. Sprache »las Gotteshaus auch ״Haus der Liebe“ genannt wird.) -.-*fW sei dem trefflichen Redner vergönnt, an der Stätte, die er so weihevoll geweiht hat, noch recht lange Zeit segensreich zu wirken. R. Reden zum AhschiiMl von der alten und zur Einweihung der neuen Synagoge in München. Am 10. und Ki.Sept.br. llalle 17אא. Von Dr. J. Perles. iS S. Es gewährt eine Geleg<־nheits1e»le einen eigenthümlichen Reiz, wenn der Text der Re»le aus dem jedesmaligen Scliriftabschniue tiiti.ommen wir»l, wenn die wichtigsten Gedanken derselben an solche Worte der Thora und der Propheten augelehut werden, die am nächsten oder vergangenen Sabbat un Gotteshause g»-hört werden. Freilich meinen wir nicht, dass nun tun jeden Preis der Gedanke in einen solchen Text wie in ein Prokrustesbett hinenigezwüugt wird; das Erkünstelte gehör■• am allerwenigsten aut die Kanzel; jeue drolligen Versuche der Vorzeit, sozusagen Alles ״in den Possttk hineiuzustellen“ sollen nicht erneut werden; natürlich, wie im Gedanken so in der Form, soll »lie R»de sein; aber dem tüchtigen und gewandten Keilner wird es nicht schwer werden, ohne in gesuchte Auslegungen, ohne in Deuteleien zu verfallen, fast für jeden Anlass ein passendes Schriltwort in den Abschnitten »1er Woche zu finden. Und für den Redner selbst erwächst daraus noch ein anderer Verantwortlich*’■ Redaoteur Dr. Rahmer, Magdeburg. Druck vo Vorzug; der Gedanke gewinnt durch die Fessel, welche sich der Prediger bei der Wahl des Textes- Wortes auflegt, eine besondere Färbung und Prägung. ' Indem er sich seine Aufgabe erschwert, erleichtert er; j sich die.Möglichkeit originell zu sein; und wer möchte I bei so feierlichem Anlass, wie dem in der Ueberschrift ' erwähnten, gern darauf verzichten, etwas Besonderes 1 zu bieten? Dr. Perles giebt dem alten Thema einen neuen Reiz, indem er sich an »lie Sidra hält. Er nimmt Abschied von der alten Synagoge am Sabbat , בי תבא, so wählte er denn zum Text das Wort: ״Gesegnet seist »hi bei deinem Einzug: gesegnet, seist i du bei •deinem Auszug “ Er spricht vom raschen Wachsthum der Münchener Gemeinde und beleuchtet seine Daten durch »las »lern Prophetenabschnitte 1ier; Woche entlehnte Wort: Der Kleine wird zu tausend,! der Geringe zum mächtigen Volke; er spricht das \ Weihegebet am Sabbat, darauf am Sabbat נצביב, uud lehnt es an das Wort »ler Haptf-ara: Die Gnade; Gottes will ich künden, »len Preis Gottes, für Alles, was er uns erwiesen hat, für die Fülle des Heils an dem Hause Israel etc. Mancher vielleicht, der an »he ץ Kunststücke der alte!! Deraschali gewöhnt ist, findet ,» das nicht, geistreich genug; uns scheint׳ gera»le das j die grösste Kunst, »lass die Texte, trotzdem sie aus ן einem engbegreiizten Gebiete entnommen sind, so ungej z'.vmigeti den Gehalt, »ler Abschieds- und Weihereden umrahmen. Fornijiml Inhalt dieser Reden sind so schlicht als edel. Schiller sagt einmal, dass Popularität »ler höchste Triumph tios Genie’s ist. Aber, sagte er: ״es ist nicht genug Empfindung mit erhöhten^ Farben zu sciiihleru: man muss auch erhöht empfinden. Begeisterung allein ist nicht genug; man fonlert, »lie Begeisterung eines gebildeten Geist.-s.u Die höchste Einfachheit in der Behandlung des Gegenstandes hielt »ler grosse Dichter als eine wesentliche Vorbedingung* für eine edle populäre Wirkung. Dr. Perles wandelt*'* ■ nach diesen Reden zu schliessen, in dem Streben nach : Popularität diesen von Schiller uns vorgezeichneten Weg. Er ist nie trivial, er ist. nie überschwänglich, sondern schlicht und gerade, treu und innig und erzielt damit, soweit, der Leser »lies aus seiner eigenen 1 Gemüthsstimmung bei »ler Lektüre dieser Predigten i beurtheilen kann, »lut erbaulichste Wirkung. R. Litterarische Notizen. 1. Jiu britischen Museum sind zur Zeit »■ine Anzahl der | ältesten hiblischen Handschritten ausgestellt. Besonders er- ו wUluiciiswerth ist unter denselben der .״Codex Al»>xandrinus“, 1 uns dem •">. duhrhundnrt. mit griechischen Knciallmcüsruljtm aut! sehr dünnem Pergament geschrieben. Dieses Manuskript wurde dem König Karl I. von (.'vrill, dem Patriarchen von Konstantinopel. geschenkt. In demselben Schaukasten belimlet sicli auch »lie von dem Diakunus Johannes im Jahre <0.1 der seloueidischen -Vera, dem Jahre 1»>I <h׳r christlichen Zeitrechnung, in Armhl nieilergeschriehene syrische Uebersetzniig der tienesis und »les Exodus. Man halt »lieses Manuskript l'ur das älteste, ן welches ganze Bücher der heiligen Schritt enthalt. ln der zur Zeit in Pest starttimlenden Ausstellung von! (iesohenkeu für den Papst bolindet sich auch die »labe eines 1 Israeliten und zwar »',es in Konmrn wohnhutten Dr. E. Iiaah. ן Es ist ein unscheinbares Buch voller Zahlen, aber von nicht zu unterschätzemlem VVerthe. Das Buch ist nämlich ein l'niversal- .! Kalender l'iir »lie juliunische, gregorianische, .jüdische, jüilisch-! gregorianische und jüdiscli-juliauische Zeitrechnung. Zwanzig ן Jahre emsiger Thatigkeit hat Dr. ltaah diesem kolossalen Werke | gewidmet, und als Tribut seiner Huldigung sendet er dasselbe 1 nach — Uom. Kein »loringerer als der Einst-Primas wird »lasselhe j dem Papste überreichen. Auch ein Zeichen dei Zeit! i —__————— I J Berichtigung: 8. 17* Z.!4 bitte ich st. ״.Ihn Jaiclii im I שר,ל הקדש“ zu lesen: ״.rim .!aciua im שלשלת הקבלה. a D. L. WoItt, Magdeburg. Verlag von Robert. Friese Leipzig. /