Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 44. (28.10.1887)
- Date
- 1887-10-28
- Page
- Seite 170 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 170 - Verlauf von ungefähr drei Jahren seines Weilens in W. — Nachdem Gr. den Meidinger überwunden hatte, ging er an den Zumpt und paukte sich die lat. Regeln resp. Grammatik und Vokabeln ein, die er erst wie die französischen aufgeschrieben und dann memorirt hat. Seine Lernbegierde und sein eiserner Fleiss überwanden alle Schwierigkeiten — selbst Hunger und Kälte. Es war vielleicht im dritten Winter seines Weilens in W., es mochte 8 Uhr Abends gewesen sein, da hatte ich Gr. etwas Unaufschiebbares mitzutheilen. Ich ging zur ״Muhme Esther“ und fand ihn bereits im Bette, da die Kälte in der Stube kaum weniger empfindlich war, als draussen auf der Strasse. An dem Bette stand ein hölzerner Stuhl (Schemel), auf demselben stand ein Oellämpclien, das spärliches Licht gab. Gr. war bis zum Kopfe in die Decke eingehüllt, blos die Fingerspitzen der einen Hand waren sichtbar, sie hielten ein offenes Buch gegen das Lämpchen, in welchem er emsig las; er war in seiner Lektüre derart vertieft, dass er weder mein ziemlich geräuschvolles Eintreten, noch meinen lauten Gruss vernommen hatte. Dieses Sich-vertiefen seiner Wissbegierde dürfte als Vorzeichen des künftigen grossen Gelehrten zu bezeichnen sein. — Darauf weiss ich mich nicht zu erinnern, ob Gr. in W. sich auch noch mit dem Erlernen des Griechischen befasst habe, | aber das weiss ich, dass er sich täglich auch mit תדךlesen befasst habe, wobei er schwierige Stellen sich klar zu machen suchte; zu jener Zeit ging er darin nicht weiter, als bis zur Versetzung von Buchstaben. So schlug er schon damals vor, in dem Verse Spr. Sal.: 21,9) טוב לשבת על פנת גג מאשת מדיים ובית חכר) das letzte Wort in רחב zu ändern, um dem Vers gleichsam auf die! Beine und zum Verständniss zu verhelfen. Möglich, dass ein früherer Erklärer diese Aenderung und Umstellung schon proponirt hatte; ich jedoch habe sie Y0n ihm. Es wird vielleicht Anfangs des fünften Jahres, da Gr. in W. weilte, gewesen sein, als die epochemachende erste Brochüre von Hirsch-Oldenburg, betitelt אגרת צפן, erschien. Ich war damals bereits Socius der W.’schen kleinen Buchhandlung und wir erhielten unter andern Artikeln auch diese Brochüre; sie wurde in einigen Exemplaren nach und nach verschrieben und gekauft, denn alle frommen und gläubigen Gemüther fanden sich durch sie erweckt, erquickt und geistig gehoben, und unser G. war der Ersten Einer, der eine schwärmerische Verehrung zu dem Heros der Gegenwart, dem Kämpfer für das bisherige mundtodte orthodoxe .Judenthum fasste. Und so kam in Gr. der Gedanke zur Reife, da ohnehin sein ferneres Bleiben in W. nicht mehr nützlich schien, sich an Hirsch mit der Bitte zu wenden, dass er ihn zum Schüler bei sich aufnehmen wolle. Das geschah jedoch von seiner Vaterstadt Zerkow aus, wohin er nach etwa 4'/s Jahren zurückgekehrt war. Ziemlieh lange musste Gr. auf Bescheid warten; endlich erhielt er die Aufforderung, nach Oldenburg zu kommen. Ich muss zu jene! Zeit entweder das Original des! Briefes von Hirsch, oder eine Abschrift desselben von Gr. erhalten bähen, denn die Hauptpointe der Berufung — obgleich ich kein« geschriebene Zeile aus früheren 1 Zeiten von Gr. mehr habe — ist mir im Gedächtnis# geblieben. Gr. hatte sich Hirsch gegenüber als Schüler, der nach Unterricht und Belehrung lechze, ausgesprochen, und so bediente sich Hirsch in seinem Berufungsschreiben der Aeu8serung des ר* אליעזר הגדול> die dieser seinen Schülern gegenüber gethan: יותר ממה שעגל רוצה ליניק הפרה רוצה להניק. Auch der Hauptsentenz in dem Berufungsschreiben an das errichtete Seminar, das der selige Z. Frankel an Gr. nach Lundenburg schrieb, weiss ich mich zu erinnern. Sie ist deswegen erwähnenswerth, weil sie die hohe Meinung bekundet, die Frankel von Gr.’s Geist und eminenter Gelehrsamkeit hatte; sie lautet: כי אותך ראיתי בדור הזה♦ Frankel scheint bei Anwendung dieses biblischen Satzes eine Ahnung davon gehabt zu haben, dass Gr. der geeignetste sei, dem historischen Judenthum die sicherste und festeste Basis im vollsten Umfange zu geben. B. B.“ Die Uebersetzung des Talmud. Von Dr. Ooldschra idt-Birkenteld. Der Talmud soll übersetzt werden, muss übersetzt werden; alles drängt darauf hin, und die Ausführung ist nur eine Frage der Zeit. Wenn die Bres- | lauer Rabbinerversammlung in ihrem bekannten Be- Schlüsse das Hauptgewicht auf die encyclopädisohe Bearbeitung des Talmud gelegt hat, so ist damit das höhere Ziel angegeben, das hier erreicht werden muss. Damit ist das niedrigere Ziel noch nicht überflüssig gemacht, und das niedrigere, einfachere und leichtere Ziel ist eben die Uebersetzung. Neben der Uebersetzung, ja für die Uebersetzer selber, ist die encyclopädische Bearbeitung von der grössten Wichtigkeit. Die Uebersetzung giebt das Material, wie es vorliegt; die Encyclopädie ist die Bearbeitung nach Begriffen. Die Festsetzung oder vielmehr die Heraushebung der zweckentsprechenden, objeotiv begründeten Begriffe wird keine kleinere Leistung sein, als die Erfindung des Linne’schen oder natürlichen Systems für die Pflanzenwalt, denn der Talmud ist auch — eine Welt. Aber auch die Uebersetzung des Talmud ist keine so leichte und einfache Sache. Nicht jeder, der das talmudische Idiom versteht und die deutsche l Sprache beherrscht, kann schon ohne Weiteres den Talmud übersetzen. Und doch, wie schwer ist es, dass man in der Uebersetzung nur der deutschen Sprache gerecht werde! Ich kenne von Talmud-Ueber- Setzungen nur die Pinn er’sehe zu Berachoth und die S am t e r ’.sehe zu Baba Mezia: welch ein horrendes Deutsch herrscht in diesen! Bei keinem Buche der Welt würde man derartige Licenzen für möglich halten, nur beim Talmud hält man alles sogar für erlaubt. Warum? Weil durch die eigenartige Fa90n des müudliehen Talmud - Unterrichts unser ganzes deutsches Sprachgefühl in Bezug auf l’almudisches abgestumjdt, corrumpirt wird Man bedenke nur Ausdrücke, wie: ״der Tana lernt so wie der Tana“ für: ״ist derselben Ansicht wie“ 11. dgl. Nur so ist es erklärlich, wenn z. B. die Sainter’sche Uebersetzung fol. 38 b Ausdrücke hat: ״Es bedarf keiner Frage“ für לא מבעי» ode ״ ״Wer Anfangs mit Vorsatz beginnt und später mit Nichts- 1 dafürkännen endet“ für תחלתו בפשיע׳ וסופו באונם! ich spreche hier nicht von der sachlichen Incorrectheit: ״mit Vorsatz beginnt“, während der פשיעה-Begriff gar; nicht Vorsatz involvirt, sondern nur Veranlassung der 1 den 4 Kategorien der שימרים je znkommende Vorsichts-