Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 43. (21.10.1887)
- Date
- 1887-10-21
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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166 -ן oder auch aus grösserer Entfernung zu den Fenstern dieses Gebäudes hinaufzuschauen. Zuwiderhandelnde wurden dreimal gewippt (tre tratti di corda) und mussten 100 Scudi Strafe zahlen. Ueber die Vorgänge im Katechumenenhause theilt Herr Natali nach einem diesem Hause angehörigen Manuscripte viel Interessantes mit. Wir müssen uns beschränken, hier nur die schreiendsten Fälle hervorzuheben: Am 2. Mai 1660 wurde der Jude Adula aus Tunis ״der Taufe würdig erklärt;“ während der Priester fortging, um die Taufgeräthe zu holen, schnitt sich der angeblich Bekehrte den Hals ab. Ein alter kranker Jude entwischte am 18. September 1776 den Bekehrern und sprang in den Hausbrunnen; trotz seines Widerstrebens wurde er herausgezogen, aber er weigerte sich dann zu essen und zu trinken, worauf er gebunden und das Bekehrungswerk fortgesetzt wurde. Aber• nach Ablauf der 40 Tage wurde er als unverbesserlich entlassen. Der junge Isaac, der als Taufcandidat im September 1663 ins Haus gebracht wurde, trat■ zurück und suchte noch einen anderen jungen Neophyten zur Rückkehr zum Judenthum zu bewegen. Er wurde dafür am 10. November öffentlich ausgepeitscht. Am 27. Juli 1660 wurde gegen den neugetauften Thomas Agostino, seine Frau und drei Kinder ein Steckbrief erlassen, weil sie aus Rom entflohen waren mit der Absicht, zum Judenthum zurückzukehren. Ihren Mitschuldigen wurde Galeerenstrafe und Auspeitschung angedroht, den Angebern eine Belohnung von 200 Scudi versprochen, ״wenn man auf ihre Angaben hin zur Anwendung der Tortur schreiten könnte“. Am meisten hatten es die Proselytenmacher auf die Kinder abgesehen. Im November 1604 wurde der Rabbiner Ascarelli mit seiner Frau und vier Kindern in einer Kutsche ins Haus gebracht und dort ״sehr vornehm ausgehalten,“ aber!׳ach 43 Tagen entlassen. Die Kinder erklärten, dass sie zum Christenthum übertreten wollten, und zwar um so schneller, je jünger sie waren : die zwölfjährige Camilla nach zehn Tagen, die achtjährige Bellaccia nach acht, der sechsjährige Juda nach fünf Tagen, und der vierjährige Manuello war schon nach vier Tagen von der Wahrheit des Christenthum8 überzeugt. Am 22. Januar 1605 wurden die vier Kinder von Cardinal Baronius getauft. Am 22. Mai 1641 wurde Canosa, die Frau des Juden Angelo di Pinto, mit zwei Kindern eingebracht, weil sie vor Zeugen sich und die Kinder zum Uebertritt verpflichtet hatte. Am 2. Juli wurde sie als hartnäckige J üdin entlassen, die Kinder — ein sechsjähriger Knabe und ein vierjähriges Mädchen — wurden getauft. Im September 1650 starb Salvator Spoletini angeblich als Christ in Perugia; seine Kinder (im Alter von zwölf bis sieben Jahren) wurden aufgegrift'en und getauft. Im Jahre 1755 starb ein Jude und hinterliess eine Frau mit zwei kleinen Kindern. Ein zum Christenthum übergetretener Onkel bemächtigte sich der Kinder und brachte sie zum Sant Uftizio, wo sie getauft wurden; aber das Kleinste starb vor Schrecken während der Ceremonie. Unter Urban VIII. sagte ein Mönch dem Juden Scrotiuo, er solle ihm ein Kind zur Taufe geben, und versprach, der Papst selbst werde es taufen. Der Jude ging anfangs darauf ein, bereute aber daun und sagte: ״Ich werde eher meine fünf Kinder tödteu, als sie taufen lassen.“ Die Sache wurde dem Papste berichtet, und dieser erklärte, wenn der Jude das eine versprocheue Kind nicht gebe, solle man ihm alle nehmen. Darauf drangen die Sbirren ins Ghetto ein, es kam zum Kampfe mit den Juden, und schliesslich wurden dem Serotino zwei Kinder, ein siebenjähriges und eia Säugling, entrissen und getauft.. . Und wie wurde das Recht der Familie im päpatliehen Rom des neunzehnten Jahrhunderts r r'ecdri? Die Mittheilungen Natali’s über die Thätigaeit der Proselytenmacher gehen nur bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts, und er sagt nicht, ob es ihm an weiterem Material fehlte, oder ob er es sich für den zweiten Theil seines Werkes aufsparte. Es scheint wohl letzteres der Fall zu sein, denn ich wüsste nicht, was der zweite Theil noch sonst enthalten könnte, da der erste schon bis zur Gegenwart geht. Freilich ist dieses ״bis zur Gegenwart“ nicht buchstäblich zu nehmen, denn Hr. Natali scheint einen besonderen Widerwillen gegen die chronologische Ordnung zu haben. Er erzählt oft das später Geschehene früher und kommt dann auf das früher Gesagte wieder zurück, um es in anderer Weise zu erzählen. Nachdem er von Paul IV gesprochen, macht er wieder einen Sprung ins lieidnische Rom, lässt Benedict XIII. im Jahre 107י regieren und die grosse Pest im Jahre 1340 wüthen. Die den Juden gnädigsten Päpste führt er in folgender Reihenfolge auf: Alexander II., Clemens VI., Honorius III., Nikolaus III., Martin V., Leo X., Benedict XIV. und Sixtus V. Mit grosser Unordnung in der Chronologie wird auch die Geschichte der Verurtheilung und Verbrennung des Talmud erzählt und dabei auch der Streit des ״Juden“ Reuchlin mit den Dominicanern erwähnt. Man darf aber nicht glauben, dass Hr. Natali sein Buch dafür sachlich geordnet hat, wie es nach den Ueberschriften der Capitel scheinen könnte. Auch hier herrscht dieselbe Unordnung und Confusion; Vieles, das gar nicht zur Geschichte des Ghetto gehört, wie z. B. die hebräischen Handschriften der Vaticana, wird ausführlich behandelt, anderes viel Wichtigere gar nicht oder nur flüchtig erwähnt. So sagt er uns z. B. nichts über die erste Einrichtung des Ghetto, ob und wie die Juden aus anderen Stadttheilen dahin transferir^ ״ wurden etc. Auch an Irrthümern und falschen Angaben feldt es nicht. Auf Kleinigkeiten, wie, dass er Herodes den Grossen den Befreier der Juden nennt, dass die Lombardei bei ihm schon 1192 eine spanische Provinz ist und dergleichen, wollen wir kein Gewicht legen; aber wir finden auch gröbere Irrthümer im Werke Natali’s, namentlich in jenem Tlieile, welcher die heidnische Zeit behandelt. Er thut sich in der Vorrede etwas darauf zu gut, dass er den Leser mit Anmerkungen, Citaten und Quellennachweisen verschont und den Anschein einer unverdauten Gelehrsamkeit vermieden haba* obwohl er gar viele historische AVerke und Documeute fleissig studirt hat. AVir wollen ihm gern glauben, dass er * viele historische AVerke gelesen hat; aber er scheint in der Wahl derselben nicht glücklich gewesen zu sein und hat sein AVissen oft aus zweiter oder dritter Hand geschöpft. Den Josephus, die wichtigste Quelle für die ältere Geschichte der Juden, hat er jedenfalls nicht im Original, ja, ich vermuthe, nicht einmal in einer vollständigen Uebersetzung gelesen. So sagt er z. B. (S. 18): ״Die zeitgenössischen Autoren berichten nicht, was Tiberius zur Verfolgung der .luden veranlasste, nur Cevrier (soll heissen Orevier) in seiner Geschichte der römischen Kaiser nennt Folgendes als Veranlassung derselben“, und erzählt dann die Geschichte von der betrogenen Fulvia und der Verbannung der Juden nach Sardinien, ohne zu ahnen, dass Crevier Alles dieses nur aus Josephus (Antiqu. XArIII. 3. 5) genommen hat. *'■f' Seite 9 sagt Natali, dass Cäsar den Julien iu Jerusalem den Tribut ״in den Jahren, die mit einem Samstag anfingen,“ erliess. Es soll heissen ״im siebenten Jahre, welches die Juden Sabbatjahr neunen“ (Josephus ו