Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 42. (14.10.1887)
- Date
- 1887-10-14
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 162 — zu leiden hatten als in den späteren Zeiten. So genossen sie z. B. im 14. Jahrhundert in Anagni alle bürgerlichen und politischen Rechte, von denen sie noch im Jahre 1517 einen grossen Theil besessen. Erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden sie auf Befehl des Papstes von dort vertrieben.***) Die Zeit der Gegenreformation fachte auch den Judenhass aufs neue an, vielleicht weniger beim römischen Volke, als bei den Päpsten. Paul IV., der Papst, von dem der fromme katl.olische Historiker Muratori sagt, er habe die Worte des Apostels ״ein Bischof soll weder stolz, noch jähzornig sein“ nicht genug beherzigt, und von dem Rauke erzählt, dass er ״Stunden lang nach Tische bei dem schwarzen dicken vulcanischen Wein von Neapel 8ass“, Paul IV. der erbitterte Feind des Hauses Habsburg, dem selbst Kaiser Karl V. und König Philipp II. nicht genug katholisch waren — war vielleicht der grösste Judenfeind unter den Päpsten. Er machte sich aber bei den katholischen Römern nicht minder als bei den Juden verhasst. Nach seinem Tode wurde der Palast der Inquisition geplündert und angezündet und die Gefangenen befreit; des Papstes Bildsäule ward vom Postamente gerissen, zerschlagen und der Kopf derselben mit der dreifachen Krone durch die Strassen geschleift. Damals waren die Päpste noch weltliche Herrscher und unbeschränkte Herren Roms, und man konnte sich nicht einmal die Genugthuung verschaffen, die Regierung des ״Usurpators“ für diese Scenen verantwortlich zu machen. Pius V, der Nachfolger Pauls IV., stellte das Gebäude der Inquisition wieder her und vertrieb die Juden aus Benevent und Avignon, so dass ihnen im Kirchenstaa nur der Aufenthalt in R •m und Ancona gestattet blieb. Von den späteren Päpsten hat sich nur Leo XII. als besonderer Feind der Juden gezeigt. Ihre Lage blieb mehr als zwei Jahrhunderte ziemlich unverändert. Auf die kurze Zeit der Freiheit während der französischen Herrschaft folgte die Reaction im Jahre 1814. Die Juden wurden wieder ins Ghetto getrieben und der Jurisdiction des Cardiualvicars unterstellt, dessen Competenz sich auf Juden, Geistliehe, Nonnen, und öffentliche Dirnen erstreckte. So wie den Dirnen war es auch den Juden verboten, während des Carnevals maskirt auf dem Corso zu erscheinen und wurden die diesem Verbote Zuwiderhandelnden mit öffentlicher Auspeitschung bestraft. Zu den Päpsten, welche sich den Juden gegenüber einigermassen gnädig zeigten, rechnet Natali Gregor IX., Nikolaus III, Martin V., Benedict XIV., Clemens XIV. und, was vielleicht am meisten überraschen wird, auch den strengen Sixtus V. Doch spricht die Razzia, welche im Jahre 1753 im ganzen Kirchenstaat gegen jüdische Bücher veranstaltet wurde, nioht eben für die Judenfreundlichkeit Benedicts XIV. Nach der im ganzen Buche Natali’s herrschenden Un- Ordnung wird von dieser Razzia auf Seite 76 erzählt, während die Milde Benedicts erst auf Seite 214 erwähnt wird. Was Sixtus V. betrifft, 80 war es vorzüglich sein Eifer für die Beförderung des Seidenbaues, der den Juden zu gute kam. Er ertheilte einem Juden ein Patent, auf eine Erfindung aus den Seidenwürmern einen grösseren Ertrag zu ziehen, knüpfte aber daran die Bedingung, dass der Jude die Hälfte des Reinerträgnisses der Schwester des Papstes zukommen lassen sollte. Der einzige Papst, welcher die Juden wirklich menschenfreundlich behandelte, war Pius IX., der auch nach der Reaction und als ״Gefangener im ***) lui Jahre 1798, nicht am 25. Januar 1794, wie Natali unrichtig angiebt. Vatican“ sich den Juden nicht feindlich zeigte. Als im Jahre 1872 im römischen Gemeinderathe beantragt wurde, die Embleme des Christenthuuis aus dem Kirchhof von Campo Varano zu entfernen, sprach der Jude Samuel Alatri dagegen, und der Papst, dem es erzählt wurde, sagte hierauf: ״Ich habe es immer gesagt, dass der Sor Samuele der christlichste unter den römischen Gemeinderäthen ist.“ Unter diesem Papste wurden zu Ostern des Jahres 1847 zuerst die Mauern, welche das Ghetto einschlossen, niedergerissen, und auf seinen Befehl wurde auch der erniedrigende Huldigungsact, den die Juden jedes Jahr der Stadt Rom und dem Papste leisten mussten, ganz abgeschafft. Früher mussten die Vertreter der Juden’ in vorgeschriebener lächerlicher Tracht vor dem Senator und den Conservatoren der Stadt erscheinen und mit demüthigen Worten die Huldigung leisten. Einer der Conservatoren verspraoh ihnen hierauf Schutz und Sicherheit, vorausgesetzt, dass sie den Befehlen der Obrigkeit jederzeit gehorcheu und die vorgeschriebenen Judensteuern pünktlieh entrichten würden. Dann entliess er sie mit dem Worte: Marsch! (Andate), das bis zum Anfang dieses Jahrhunderts vou der Andeutung eines Fusstrittes begleitet war. Der Aufzug der Judendepntation zum Capitol in ihrer sonderbaren Tracht gab natürlich dem Pöbel Gelegenheit zu allerlei Neckereien und Hänseleien, von denen die Juden erst im Jahre 1827 befreit wurden, als ihnen auf ihre Bitten gestattet wurde, in gewöhnlicher Tracht zu erscheinen. Den Üebergang von den mehr komischen zu den rein tragischen Leiden der Juden in Rom bilden die Wettrennen, zu denen sie im Carneval gezwungen wurden und wobei es ihnen oft viel schlimmer erging, als den Pferden (Barberi), welche ebenfalls zur Belustigung des römischen Volkes längs des Corso rennen mussten. Wer einmal selbst ein solches Carnevalsrennen mit angesehen oder auch nur aus der Beschreibung kennt, welche Göthe davon in seiner italienischen Reise giebt, wird sich eine Vorstellung vou dem machen könuen, was die Juden dabei zu leiden hatten; denn wenn auoh die armen Pferde hie und da maltraitirt wurden, so galt diess doch nicht für ein so verdienstliches Werk wie die Misshandlung der Juden. Mit nackter Brust und nackten Beinen mussten acht Juden eine Strecke von beinahe einem Kilometer laufen, und manchmal wurden sie noch vorher gezwungen viel zu essen, damit ihnen das Rennen um so beschwerlicher fallen sollte. Versuchte es einer zu entweichen, so wurde er von den Wachen mit Lanzenstichen zurückgetrieben und ein frommer Chronist berichtet mit wahrer Befriedigung, wie die Juden einmal bei furchtbarem Unwetter, bei Wiui und Regen, ״wie sie es verdienten“, laufen mussten. Dabei erlaubte sich der Pöbel noch allerlei Misshand־ lungen der Juden, denen die zahlreichen Strafaudrohungen, welche die Regierung dagegen erliess, nicht Eiuhalt thun konnten. Kam es doch vor, dass Leute aus dem Volke auf den Rücken der rennenden Juden stiegen und sich ihrer als Reitthiere bedienten. Herr Natali giebt nicht an, wann diese Judenrennen eingeführt wurden, und wann sie abgeschafft wurden ist aus seinem Buche auoh nicht klar zu ersehen. Auf Seite 103 sagt er, dass die Juden sich durch die Bezahlung von 1130 Fiorini d’oro jährlich von der Pflicht des Rennens loskauften, und giebt sehr ausführlich an, wozu dieses Geld verwendet wurde, was uns gar nicht interessirt, während er das Jahr, in welchem der Loskauf zuerst stattfand, anzugeben vergisst. Dann spricht er (S. 1.05) von dem Tribut der römischen Juden, welchen Martin V. ermässigte, so dass man glauben konnte, der Loskauf