Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 42. (14.10.1887)
- Date
- 1887-10-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Innerhalb ieses grossen, ewigen Rom befand sich ein kleineres, , nicht viel jüngeres Rom, das sein Eigenleben in y kümmerlicher bedrückter Weise bis auf unsere Tage fortfristete — dass Ghetto der Juden, welches nun endlich vom wohlverdienten Schicksal der Demolirung erreicht wurde. Die Geschichte dieses kleinen Rom hat Hr. Natali zu schreiben unternommen,*) aber — er ist kein Gregorovius. Wir wissen nicht, ob es ihm an Talent, Fleiss und an den sonstigen Vorzügen des deutschen Historikers fehlt, oder ob er absichtlich sein Licht unter den Scheffel stellt, um sein Werk in da3 richtige Verhältnis zu seinem Stoffe und zum Werke Gregorovius’ zu bringen. Wir finden nämlich, dass sich Natali’s Buch zu dem des Deutschen ungefähr so verhält wie die schmutzigen, baufälligen Licht und Lull entbehrenden Häuser des Ghetto zu den Prachtbauten Bramante’s und Michelango’s, welche das christliche Rom zieren. Aber wie der Fremde, der die ewige Stadt besucht, nachdem er die Prachtgebäude der Kaiser und Päpste bewundert hat, auoh den schmutzigen und engen Gassen des Ghetto seinen Besuch abstattet und auch von dort nicht ohne Gewinn für sein Wissen und Empfinden scheidet, so lohnt sich auoh die I.ectüre von Natali’s Werk nach der des Gregorovius’schen. Sehen wir in dem heidnischen und christlichen Rom das trotzige, kämpfende, erobernde und triumphirende Volk, so finden wir im jüdisohen Rom das leidende, besiegte und verfolgte, aber nicht minder tapfere. Einer der eifrigsten modernen Antisemiten hat es gesagt, und es ist vielleicht die einzige richtige Bemerkung in seinem Buche: ״Achtzehn Jahrhunderte mit. unglaublicher Geduld ertragener Verfolgungen beweisen, dass, wenn dem Juden auoh der Kampfesmuth fehlt, er dooh den Muth des Widerstandes besitzt.“ *) Ettore Natali: II Ghetto di Roma, volume primo. Roma, Stabilimento tipografico della Tribuna 1887. Und es waren nicht blos Verfolgungen mit Feuer und Schwert, sondern die manohmal viel schmerzlicher empfundenen Verhöhnungen und Verspottungen, welche die Juden zu erdulden hatten, in manchen halbasiatisohen Ländern noch zu erdulden haben; neben der gewaltsamen Bekehrung, neben der Ermordung und Beraubung durch fanatisirte beutegierige Pöbelhaufen — die Verletzung und Entweihung seiner religiösen und nationalen Gefühle, das Lächerlichmachen durch aufgezwungeue Tracht und erniedrigende Dienstleistungen. In Rom, wie überhaupt in Italien, waren die Leiden der Juden mehr von der letzteren, man möchte sich zu sagen versucht fühlen, von der komisohen Art, wenn sie nicht für die Betroffenen oft die bittersten tragischsten Folgen gehabt hätten. Massenermordungen und Massenaustreibungen, wie sie in anderen Ländern oft vorkamen, haben die jüdischen Bewohner des Kirchenstaats nicht zu erleiden gehabt. Seit den Zeiten des Pompejus haben immer Juden in Rom gelebt Sie wohnten, wie das ihre Art ist und wie es im Mittelalter oft auoh bei anderen Fremden der Fall war, meistens in besonderen Gassen — in das Ghetto hat sie aber erst einer der fanatischsten Päpste, Paul IV., eingesperrt. Man duldete die Juden in Rom theils des Einkommens wegen, das man von ihnen zog, theils als abschreckendes Beispiel, damit die Christen sehen sollten, wieviel die Ungläubigen schon in diesem irdischen Leben zu leiden haben. Dabei befolgte man auch nicht das anderswo beliebte System, einzelne Juden sich bereichern zu lassen, um sich dann mit einem Griffe ihres Vermögens zu bemäohtigen, sondern hielt sie immer so gedrüokt, beschränkte sie so sehr in jedem Erwerb, dass sie nicht zum Wohlstand, geschweige denn zu Reichthum gelangen konnten. Desshalb kamen auch in Rom Plünderungen von Judenhäusern seltener vor, als in anderen Städten. Ganz liess sich freilich der Pöbel dieses Vergnügen auoh in der ewigen Stadt nicht nehmen, aber er wartete immer eine besondere Gelegenheit dazu ab. So wurden beim Tumult, der die Ermordung Basville’s begleitete (13. Januar 1793), die Judenhäuser geplündert, und die Plünderung wurde wiederholt, als die Nachricht von der Hinrichtung Ludwigs XVI. naoh Rom kam. Einige Jahre später**) nach Abzug der Franzosen wurden die Juden wieder geplündert, und die Rüokkehr des Papstes im Jahre 1815 wurde ebenfalls mit einer kleinen Plünderung gefeiert. Im allgemeinen zeigt es sich aber, dass die Jaden im Kirchenstaat während des Mittelalters viel weniger *») Ambrosi de Magietris: Lo statuto di Anag&i. Rom, 1880