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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-10-02 · N° 40-41. (2.10.1887) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 40-41. (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Beilage za No. 40-41 des ״Jüdischen Litteratnr-BIatts.“ wie sehr seine groise Verdienste auch in der Fremde gewürdigt und gefeiert werden, Grätz ist duroligedrungen, weil er mit der Zuversicht des Genie’s und der Treue des charakterfesten Mauues immer wahr gewesen ht und niemals nach rechts und links hinübergeschielt hat. Hätten diejenigen, die ihn aus religiöser, aus politischer oder aus persönlicher Gegnerschaft augriffen, eiue Ahnung gehabt, wie kühl er bei all diesen Angriffen blieb, so weit sie nioht wissenschaftlich begründet waren und sonach ihn belehrten, sie würden die Pfeile in ihrem Köcher behalten haben. Vielleicht lässt sich Grätz’s religiöse Meiuuug nicht auf eiue bestimmte Formel bringen, Gemüthstiefe ist eine inkommensurable Grösse, sein lebhaftes jüdisohes Empfinden, das er unumwunden aussprach, gewann ihm die Gemüther, man fühlte, dieser Schriftsteller, der wegen seines Freisinns geschölten wurde, würde getrost — wenn es noth thäte — auch ein Märtyrer für sein Judenthum werden. Dass ein solcher Maun auch als Lehr, r von unschätzbarem Werthe ist, bedarf keiner laugen Ausführung. Es war eiue besondere Gua le Gottes, dass das Breslauer Seminar, als es 1ns Leben trat, so seltene, so ausgezeichnete Männer zu Lehrern erhielt; ein jeder derselben hatte seine Eigenart, war durch ernstes geistiges Ringen zu der ihm eigenthiimlichen Auffassung des Jnüenthums gelangt, aber diese Männer wirkten im inuig<ten Einvernehmen, der Knorr konnte den Knubben hübsch vertrugen und die Schüler wurden nicht in dogmatischer Einseitigkeit und Engherzigkeit erzogen. Frankel besonders genügt es vollständig, dass seiue Mitarbeiter, dass seine Schüler religiös waren; ob sie es gerade in seiner Weise waren, das schien ihm weniger wichtig. Ein Moment aus der Lehrthätigkeit Grätz’s sei es erlaubt herauszugreifen, um zu zeigen, wie sehr er seiue Schüler anregt. Grätz hält auch historische Uebuugen am Seminar, um die reifen Hörer zu selbstständigen Arbeitern zu erziehen; es ist bekannt, wie selten detartige Uebungeu anderwärts zweckentsprechend geleitet werden, wie oft sie die Jugend abstumpfen statt sie anzuregen. Schon bei der Wahl der Themata kann viel gesündigt werden; ist der Lehrer hierin ungeschickt, wählt er Gegenstände, bei denen nichts mehr zu leisten ist, wo die Forschung schon abgeschlossen ist, wo also!ein emsigsten Fleisse kein anderer Erfolg bleibt, als sohon längst gefundene Resultate zu bestätigen, so wird dadurch der Eifer für wissenschaftliche Arbeit nur abgekühlt; man kann auch fehlgehen, indem mau die Themata zu weit, zu umfassend stellt und dadurch der wichtigste erziehliehe Moment, die gründliche Durchdringung, versäumt. Und zuletzt kommt noch der Eigensiun und die Selbstvergötterung vieler Professoren, die keine andere Meinung dulden, als die ihrige und mit jedem Worte der Anerkennung zurückhalten, wenn der Jünger einmal das erfüllt, wozu derartige Uebungen da sind und selbstständig denkt und urtheilt. Hier kann die Grätz’sche Manier als mustergiltig bezeichnet 1 werden. Auf einem immensen Forschungsgebiete j völlig heimisch, weiss er fast stets engbegrenzte Aufgaben zu stellen, bei deren Bewältigung der fleissige und verständige Schüler etwas Neues findet uud so zu weiterer wissenschaftlicher Thätigkeit a )geregt wird. Grätz ist auch nichts weniger als rechthaberisch; ja es gilt bei den Schülern geradezu als ein Sport, bei den Uebungsarbeiten irgend etwas gegen Grätz vorzubringen und der Lehrer erträgt den Tadel gutmüthig und gelassen, erwägt unparteiisch das Für und Wider, geht auch aut das Unreife mild und rücksichtsvoll ein, um nur nioht die Regungen za selbstständigem wissenschaftliohenSchaffen zu ersticken. Thäte Grätz nichts weiter für das Seminar, als dass er in der Stunde vor Aufaug jedes Semesters diese Themata stellt, er hätte schou dadurch sich um das Seminar ein grosses Verdienst erworben. Grätz hat in den letzten Jahr ■11 der Bibelexegesa seine Arbeit gewidmet. Er hat die grosse Masse von bibelexegetischen Stoffen, der irl der talmulischen Litteratur vorliegt, der besonders für die Fragen der hohem Kritik so wichtig ist und den christlichen Exegeteu nicht zugänglich war, für die Wissenschaft nutzbar gemacht; das scheint uns eiue garnicht verächtliche Leistung; sodann erntet sein Soharfsinn, seine Gelehrsamkeit, seiu Kombinationstalent auch hier Triumphe, während freilich Vieles, was Grätz auf diesem Gebiet lehrt, bestritten wird. Es liegt vielleicht schon in der Natur des Gegenstandes, dass der Frfolg hier keiu so glänzender seiu konnte, als auf dem Gebiet der Gesohichte, wo Grätz als bahnbrechend auftrat. Aber auch auf diesem Felde hat er so tiefe Spuren eingegraben, so neue Wege eingesohlagen, dass er iu der Entwickelung der Bibelexegese eine wichtige Stellung eiunehmen wird, und der geringschätzige Ton, iu dem zuweilen christliche Gelehrte von diesen Arbeiten reden, ist nur erheuchelt, ist nur der Ausdruck des Aergers, dass ihnen sowohl die Vertrautheit mit der hebräischen Sprache wie mit dem talmudisohen Schriftthum fehlt, welche Grätz besitzt und die ihm von wesentlichstem Nutzen für seine exegetischen Versuche sind. Freilich seine grosse Stellung im Judenttium der Gegenwart verdankt er vor Allem seinem Geio'iichtswerk, das er fortwährend zu verbessern trachtet. Es giebt Schriftsteller, deren litterarischer Ruhm einige Aehnlichkeit mit dem eines guten Bäckermeisters hat, der nur täglich frische Semmeln bäckt, um sein Renommee aufrecht zu erhalten; und so müssen gar manche Literaten fortwährend neue büoher schreiben, um sich immer wieder in Erinnerung zu bringen um sich davor zu schlitzen, dass si י iu Vergessenheit geratheu. So ist es mit dem Grävz’soheu Ruhme nicht, er ist so fest als wohlerworben. Der Neid kleinlicher Menschen wird daran ibsolao Niohos ändern. Grätz selbst ist zu sehr in sich gefasst, um daduroh gestört zu werden, sondern es ist ihm nicht selten ein sioheres Zeichen, ob er das Rechte getroffen, und darum eine helle Freude, wenn gewisse Leute sich über ihn ärgern. Göthe sagt von sich: Ich bin Euch sämmtliohen zur Last, einigen sogar verhasst; das hat aber gar nichts zu sagen, denn mir behagt es in alten Tagen, sowie es mir in jungen behagte, dass ich nach Alt und Jung nioht fragte. Ungefähr so unabhängig deukt auch unser Grätz von manchen Blücheu der Tageskritik. Der Beifall der kundigsten au 1 würdigsten Männer hat ihm nicht gefehlt. Sc könnt-! der Verfasser dieses Aufsatzes durch Zufall Finsicht iu eiuen Brief nehiu.ni, den Olshausen, der bekauute Bibelforscher an Grätz, geschrieben uni der folgendermassen lautet: ״ Wiederum, hochgeehrter Herr Professor, haben Sie mich durch eiue sehr werthvolle Gabe erfreut, für welche ich Ihnen lebhaften Dank zolle. Zwar wird Ihr kritischer Kommtutar w!gen der Kühnheit Ihrer Kritik bei der grossen Zahl der Exegeteu grossen Anstoss erregen, die als Exegeten selber überkühn, aber schwache Kritiker sind Für ' mich hat, wie Sie wissen, die Kühnheit iu der Kritik ■» nichts Erschreckendes, wo sie mit Sprach- und Sachkenutiiiss, mit Scharfsinn mul vor Allem mit ge-

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