Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 40-41. (2.10.1887)
- Date
- 1887-10-02
- Page
- Seite 158 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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158 legene Freund dem Ändern spielte, liegt ein strenges, aber nicht ungerechtes Urtheil; man kann doch kein Haus anstreichen, wenn die Bausteine fehlen man kann allenfalls einige Löcken mit Fachwerk ausfüllen, aber wenn der ganze Bau aus solch leichtem Stoffe hergestellt wird, so darf es nicht Wunder nehmen, dass er bei dem ersten,^stärkeren Windhauch zusam* menstürzt. Als Grätz die Arbeit unternahm, waren schon treffliche Bausteine in Fülle zusammen getragen, dennoch blieb noch unendlich viel zu thun übrig; es giebt wohl kaum noch ein anderes geschichtliches Specialwerk, das über so weite Zeiträume, über so verschiedene Kulturgebiete sich erstreckt; es gehört eine erstaunliche Arbeitskraft dazu, ein so weites Gebiet zu meistern, besonders wenn sich der Autor nie auf andere Forscher verlässt, sondern selbst zu den Quellen hinabsteigt. Man kann das Grätz’sche Geichichtswerk, das vielleicht einzig dasteht, nicht mit Massstäben messen, die anderwärts hergeholt sind; Die meisten Historiker behandeln Zeiten und Völker, die seit Jaihunderten Gegenstände der Forschung und der Darstellung sind; wer heute römische Geschichte schreibt, hat natüilich noch Gelegenheit getug, sich auszuzeichnen, aber da das Thatsächliche so oft durchforscht, die Charactere so oft erwogen sind, 10 düifen auch geringere Fehler mit Schärfe gelügt werden. Die jüdische Geschichte jedoch glich Loch am Anfarg dieses Jahrhunderts einem Uiwald, den die Civilisaticn nicht berührt hatte; seitdem war sch< n manche!Strecke urbar gemacht worden, aber an \ielen Stellen war der Wald noch nicht gelichtet, als Grätz ans Weik ging; auch das Uriheil über die geschichtlichen Persönlichkeiten stand noch nicht fest. Kien and weiss so gut, ulsGraiz selbst wie viel noch;n! Einzeln( n an seiner Aibeit zu lessern ist; aber wäie es vernünftig, wenn eine Aibeit unter freiem Uiirmel bliebe als in einem Hause, das noch einige Schäden hat!׳ Fun, Grätz hat die jüdische Geschichte unter Dach und Fach gebracht, und wer wegen einigen Schwächen das ganze Werk verwirft, der ist gerade so weise, wie einer, der ein stattliches llaus verlässt, weil es nicht den höchsten Anforderungen entspricht, und im Freien übernachtet. Kein Historiker kann die Phaiuasie entbehren, den divinatorischen Blick, der das Richtige gleichsam erräth und daun es durch die exacte Forschung bestätigen lässt. Vollends auf diesen vor ihm fast unbetretenen Bahnen, die Grätz zu wandeln hatte; nicht, immer konnte Alles aktenmassig gelegt werden, die Hypothese war nichtzu entbehren, und wo das unbedingt Wahre nicht geloten werden konnte, galt es mit dem Wahrscheinliehen sich zulrieden zu geben. Heil uns, dass Grätz den Muth hatte, diese gewaltige Arbeit zu unternehmen, dass er nicht, wie vielleicht mancher andere bedeulende Mann sich durch die Grosse der Aufgabe zurückschrecken liess. Zunz soll einmal, nachdem Grätz schon die ersten Bände seines Geschichtswerkes veröfientlicht hatte, auf die Frage, was er von dem Buche halte, die Antwort gegeben haben, dass ja schon Jost das geleistet habe, und dies Wort soll bei Grätz gerechte Missstimmung hervorgerufen haben; wenn dies richtig ist, so war dieser!Satz nicht das Urtheil von Zunz, denn so gescheidt war dieser Meister, um den Unterschied zwischen Jost und Grätz zu erkennen, sondern nur der Ausdruck des Unmuthes, dass Grätz sich an die Arbeit gewagt hatte, die er selbst liegen gelassen. An der Grätz’schen Darstellung haftet Nichts von dem Staube der Bibliotheken, die der Autor batte durchwandern, hatte durchleseu müssen, um sein Buch zu schreiben; es ist kein Prunken mit Gelehrsamkeit, keine Ueberfülle von Citaten, wie man sie sonst wohl wahrnimmt nnd die der fleissigste Leser dann kanm kontroliiren kann; der Autor will dem Leser nicht imponiren und ihm zeigen, wie viel er weise, sondern schränkt den gelehrten Apparat auf’s Nothwendigste ein; dazu sind auoh die gelehrten Untersuchungen so anregend geschrieben, der Leser wird so lebhaft an dem Gange der Verbandlang eingeladen, dass selbst die subtdsten und entlegensten Diatriben fesseln. Wer eine Geschichte der Juden schreiben will, die nicht nur gelehrt, sondern auch lesbar ist, der 8011 nicht nach kühler Objectivität streben, sondern der muss, wie Grätz es thut, um Herzeu zu erregen, mit seinem Herzblut schreiben, man muss merken, wie ihn die Schicksale bewegen, von denen er berichtet. Es hat ja überhaupt mit der Objektivität des Historikers seine eigene Eewandtniss; Keiner kann seine persönliche Meinung und Neigung ganz ausscheiden; selbst die kahlste Chronik ist nicht ganz ohne subjektive Momente; und oft genug sind die Geschichtsschreiber, die am objektivsten scheinen, es am wenigsten; die nüchterne Parteilosigkeit ist dann nur eine Maske, um persönliche Meinungen sicherer zu verbreiten. Nur dazu ist der Historiker verpflichtet, unbedingt wahr zu sein, nicht b e w usst Schönfärberei zu treiben, keine Tfatsache zu fälschen, und dann mag mau es immerhin durchmeiken, auf welcher Seite sein Herz ist. Es wird Grätz bei seinen Lesern nichts schaden, dass man gleichsam den Puh schlag seines Herzens aus seinen Büchern heraushört, das man es merkt, er sympathisire mehr mit den Märtyrern als mit den Henkern. Er ist der Geschichtschreiber Israels, der an die Zukunft Israels glaubt, und darum ist sein Werk im besten Sinne erbaulicher, als alle Predigtsammlungen zusammengenommen. So mancher gebildete Israelit, der z. B. am Jomkippur bei einen» wenig anregenden Gotte? dienst einer kleinen halbpolnhchen Gemeinde den ganzen Tag unverdrossen aushält, verdankt diese zähe Kraft dem Umstande, dass er neben dem Machsor sich noch einen Baud Grätz in die ßetstube hineingenommen hat. Grätz lehrt nicht nur, nein er fesselt, er reisst bin, er begeistert, und Unzählige, die heute religiöse Juden sind, sind es durch Grätz geworden. Es ist ein erstaunlicher Erfolg, dass ein zwölfbändiges Werk, welches von vornherein nur auf einen engen Leser-, kreis rechnen kann, drei Auflagen in wenigen Jahren erlebt; aber weil Grätz trotz einzelner Schwächen der Forschung oder der Auffassung dem jüdischen Bewusstsein einen so deutlichen und so innigen Ausdruck gegeben bat, hat er den gewaltigen und schier undurchdringlichen Wall der Gleichgültigkeit durchbrocheil, den so viele andere jüdisch-religiöse Strebungen in Deutschland nicht überwinden können, hat er weit über Deutschland hinaus für die Religion Juda’s begeistert und begeisternd gewirkt. Sein Werk ist m’s Französische, in’s Englische, in’s Russische, ist vor allem in die heilige Sprache Israels übertragen worden, deren Hobeit von Grätz so hoch gepriesen wird; das Publikum war keiu Ketzerrichter, das ihn über dogmatische Fragen examinirte, sondern achte te nur auf die heisse Liebe für das Judenthum, di״ aus seinem Werke ausströmte; der Hass, mit dem die Judenfeinde ihn beehrten, selbst das Ungestüm, mit dem er hin und wieder in gerechtem Zorn unwürdige Dinge allzustürmisch tadelt, haben es nicht hindern können, dass überall in der weiten Welt jüdische Herzen ihm lebhaft entgegenschlageu und jüngst bei seiner Anwesenheit in England hat es sioh gezeigt, (Fortsetzung in der Beilage.) Verantwortlicher ltedacteur l)r. Rahmer, Magdeburg. Druck v. D. L. Wollt, Magdeburg, y erlag von Robert Friese, Leipzig.