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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-10-02 · N° 40-41. (2.10.1887) · p. Seite 157

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 40-41. (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
Seite 157 (sequence 3)
Language
German
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— 157 ■dem in dein Manne, der auf seine Unwandelbarkeit I sich so viel zu gute thut und der durch die Uebertreibung und bis zum Fanatismus gesteigerte Conse• quenz seiner Principien die Strenggläubigkeit früherer Zeiten überbietet. Grätz hatte sich durch seine Schrift ״Gnostizismus und Judenthum“ eine feste Position in der wissenschaftlichen Welt erworben; der junge Autor hegte nicht ohne Grund die Sorge, dass eine Schrift, die sich ganz abseits von den hef• tigen religiösen Kämpfen dieser so lebhaft erregten Zeit hielt, nicht für zeitgemäss gelten möchte und unbeachtet bleiben könnte, da die Leser damals, wie es schien, nur solche Schriften begehrten, die entweder direkt in den Streit der Parteien, in die religiösen und politischen Strebungen eingriffen, oder falls sie, wie die gelehrten Arbeiten Frankel’s aus dieser Periode, streng wissenschaftlichen Charakters waren, indirekt dieselben beeinflussten. Aber die Gediegenheit der Forschung, die Fülle der Gelehrsamkeit, der Scharfsinn und der Reieht.hum au neuen Ideen und Anregungen hat dieser ersten Arbeit von Grätz sofort Beachtung verschaffen; man folgte mi$ Spannung dem Nachweis, wie die Gnosis zur Zeit der Entstehung des Christenthuras auch in’s Judenthum Eingang gefunden und sodann vom Judenthum zurückgewiesen worden ist, man war entzückt durch die glänzende Erläuterung, die eine ganze Reihe von Talmudstellen erfuhr, indem Grätz sie individualisirte, aus dem Charakter und der wissenschaftlichen Anschauung ihrer Urheber erklärte, oder indem er die polemische Spitze nachwies, die sie gegen bestimmte Männer oder gegen bestimmte Ansichten haben, uud so den talmudischen Stoff belebte und beleuchtete. Noch heut nach mehr als 40 Jahren behauptet diese Jugendschrift, die aber nirgends jugendliche Unreife, sondern durchweg strenge wissenschaftliche Zucht bekundet, ihren Platz würdig in der Wissenschaftliehen Litteratur. Es war ein Glück für Grätz und für die jüdische Wissenschaft, dass die Hoflnungen desselben, auf Grund des gewonnenen litterarisohen Ansehens ein rabbiui8ehes Amt in einer grossem Gemeinde zu erlangen, nicht in Erfüllung gingen. Jedermann weiss, dass um als Prediger zu wirken, gewisse rein ausserliehe Mittel und Fähigkeiten sehr wichtig, nahezu ausschlaggebend sind, oft fehlt den Besten, die etwas Gediegenes und Tüchtiges zu sagen wissen, angesichts einer grossen Menge der Muth, das auszusprechen, was sie doch so wohlerwogen und vorbereitet in der Seele tragen; die ״Scheu vor der Gemeinde“ erreicht bei Vielen — und die Verschämten sind nie die Schlechten — einen so hohen Grad, dass sie bei aller innern Kraft, untauglich werden als Redner zu wirken. Grätz war die schönere und edlere Aufgabe zugefallen, statt als Redner zu einer Gemeinde, in herrliehen duroh die Tiefe der Forschung wie durch den Glanz der Darstellung gleich ausgezeichneten Werken zu seiner ganzen Glaubensgenossensohaft, ja über diese hinaus zu dem weiten Kreise derer zu reden, denen Israel und seine Geschichte Interesse und Theilnahme einflosst. Einige Jahre hatte Grätz nach Beendigung seiner Studien in dem bescheidenen Amte eines Schuldirigenten in einem kleinen österreichischen Orte gelebt; es waren für ihn Jahre hohen Glückes trotz der engen Lebensverhältnisse; denn er hatte dorthin diejenige y, als Gattin geführt, mit der er schon seitdem er zur Universität gegangen, durch die innigste Liebe verbunden war; und da er in seinem Heim sich so wohl fühlte, überkam ihn ein reger Arbeitseifer und er schrieb, zumal er auf diesem Gebiet sohon durch frühere Forschungen sich heimisch gemacht hatte, in raschem Flusse die Geschichte des talra ulisohea Zeitalters, welche den vierten Band seines grossen GeschichtsWerkes bildet Mit diesem Maausoript im Koffer zog er naoh Berlin und fand hier iu Ve i t einen bereitwilligen Verleger. Als dies Werk im Jahre 1853 in die Oeffentliohkeit trat, erwies Hirsch seinem einstigen Sohüler, allerdings einige Jahre später, einen letzten grossen Dienst von einem fast uuschätsbarem Werthe. Er wandte wohl einige hundert Druckseiten darauf, das Grätz’sche Buch za kritisireu, zu verniohten. Der Erfolg stand in umgekehrtem Verhältnisse zu dem Willeu und den Absichten des Kritikers; man sagte sich, ein Buch, welches mit solchem Aufwand bekämpft wird, wie bedeutend muss es sein, wer sohiesst mit Kanonen gegen Spatzen? Da können die Feinde die Richter sein, kein Lob der Freunde konnte dem Werke so viel nützen, als dieser ungeheure Apparat., es zu verderben. Auch der lieblose böse Ton, der aus dem schier unerschöpflichen Schimpfwörterlexikon, das die deutsche Kritik sich im Laufe der Jahrhunderte geschaffen hatte, die heftigsten herausgriff und gleichsam ganze Eimer von kritischer Lauge über den Autor ausgoss, fiel unangenehm r.uf. Es giebt auch eine Dankbarkeit des Lehrers gegen den Schüler; es ist ein unendlich werthV01193 Glück für den Meister der Wissenschaft, wackere und begabte Schüler zu gewinnen; wie wusste Frankel z. B. dieses Glück zu würdigen, mit welch väterlicher Liebe und vor allem mit welch ausserordentlicher Geduld und Nachsicht ist er seinen Schülern begegnet, aber wo bricht in allen den langen, langet! Artikeln Hirsoh’s auch nur einmal der Ton der Liebe durch zu dem begabten und redlich strebenden Jünger? Man hat es damals merkwürdig gefunden, dass ungefähr drei Jahre seit dem Erscheinen des Werkes verstrichen waren, bevor die Kritik erschieu und dass gerade in dieser Zwischenzeit in Folge dieser Wissenschaftliehen Leistung Grätz in das Lehreroollegium des neu gegründeten Seminars berufen worden war. Man hat damals angenommen, dass die Kritik noch mehr dem Seminar als dem Buche galt. Hirsch hat sich hiergegen in seiner bekannten, die Superlative bevorzugenden Form verwahrt; aber merkwürdig ist es doch, dass die Beurtheiluug Hirscb’s so spät kam; sie kam jedenfalls nicht zu spät, um die Grätz’sohe Autorität wesentlich zu befestigen, um seinen Ruhm auch in die orthodoxen Kreise zu tragen. Nichts ist für Grätz förderlicher, als ihn mit dem zu vergleichen, der einige Jahrzehute vor ihm eine Geschichte der Juden iu vielen Binden geschrieben hat; man thut Jost mit einem solchen Vergleich fast Unrecht. Jost hat mit völlig unzulänglichen Mitteln zu einer Zeit, wo nooh sehr wenig Speoialforschungen über die Geschichte der Juden Vorlagen, diese Arbeit übernommen, die damals gar nicht gelingen konnte; sodann hat er sich seinem Stoffe so kühl als möglich gegenübergestellt; ihm war, als er seine recht viele bändige Gesohiohte schrieb — er hat später seine Ansichten gemildert — das ganze traditionelle Judenthum ein überwundener Standpunkt; wer seinem Stoffe so gleichgültig gegenübersteht, den wird dieser S.oö dadurch strafen, dass er sioh spröde der darstellenden Hand widersetzt. Es wird erzählt, Jost habe den ersten Band seiner Geschichte Zunz zur Prüfung übergeben, und lange Zeit auf die Rückgabe des Manuscripts gewartet. Als diese naoh Monaten nicht er* folgte, wurde der sonst so gemüthliche Jost ungedul lig, erkundigte sich nach dem Schioksal seiner Schrift und hörte mit Schreoken, sie sei verbrannt, was übrigens wie Zunz malitiös hinzufügte, nooh das Beste wäre, was ihr passiren konnte. In diesem wohlgemeinten Streich, den, wie man sagt, der überlegtere und ü;>er-

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