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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-10-02 · N° 40-41. (2.10.1887) · p. Seite 156

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 40-41. (2.10.1887)
Date
1887-10-02
Page
Seite 156 (sequence 2)
Language
German
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die Strebungen grosser geschichtlicher Epochen zu erklären und in inneren Zusammenhang zu bringen und wenn er Geiger zur Zielscheibe seiner Angriffe machte, wenn er seine radikale Reform tadelte, wenn er Ruf wissenschaftlichem Gebiete mit Geigers Geschichtsanscbauung und dessen nicht immer haltbaren Hypothesen sich nicht befreunden konnte, so hat er diese üeberzeugnng seiner Jugend in späteren Jahren nicht geändert; er ist überhaupt, was seine Anschauung vom Judenthum betrifft, sich während der ganzen Zeit seines öffentlichen Wirkens völlig gleich geblieben, und das ist immerhin ein Vorzug. Obscbon eine Wandlung der Ueber- Zeugungen nicht selten aus inneren Gründen eintreteu kann und so auch zu erklären und zu entschuldigen ist, so taucht doch in solchen Fällen gar leicht der Verdacht auf, dass der Wechsel mit Rücksicht auf äusseren Vortheil geschehen ist. Wenn wir das freundschaftliche Verhältnis in Betracht ziehen, in welchem Üraetz zu Hirsch noch in den vierziger Jahren stand, und welches dann in dei Mitte der fünfziger Jahre so jäh von Hirsch vernichtet worden ist, so könnte es scheinen, als habe Graetz später andere Seiten herausg kehrt als in seinen ersten schriftstellerischen Arbeiten. Dem ist je loch nicht so. Graetz spricht schon damals von makabäischen Psalmen, er betrachtet den Talmud mit unbefangenem Blick, wie z. B. aus folgenden Sätzen hervorgeht, die Graetz im Jahre D4ü geschrieben hat und die an der Spitze eines in der Frsnkel’schen Monatsschrift veröffentlichten Aufsatzes über Einleitungaschriftan in den Talmud stehen: ״Der Talmud! welch ein 1nä111׳tip;es {Stichwort! welch ein Schwarm von Missverständnissen umsummen dieses Woit! Kaum f;ieht es in der Geschichte ein ähnliches Schriftwerk, desseu Geschick — dem Bücher so gut wie Menschen unterliegen — so wechselvoll wäre — von der Apotheose bis zur Verdammniss zum Scheiterhauten! Wie unsicher ist noch jetzt• das Urtheil über den Talmud! Die Einen scheuen ihn, wie das mumitioirte Mittelalter, dosseu finstere Schatten das helle Sonnenlicht der Civilisation nur verdunkeln, bekreuzigen sich davor wie vor einem mitternächtig schauerlichen Gespenst und die Andern vergöttern jeden Buchstaben dieses händereichen Buches, betrachten es al״ den unmittelbaren Ausfluss göttlicher Weisheit, als die ewige (Quelle alles Wissens und aller Wissenschal*. — Allein wäre der Talmud auch uicht das goldene Buch, wäre er auch nur das Medium, wodurch die das menschliche Auge zu sehr blendenden Strahlen der sinaitischen Gesetzgelmng, getrübt zwar und gebrochen, doch auch gemildert und beschattet, hindurchgegangen sind, wäre er auch nur der Spiegel von sechs Jahrhunderten jüdischer Geschichte, so verdiente er auch die ganze Aufmerksamkeit wissenschaftlicher Untersuchungen, so sollte man sich doch nicht achselzuckend von ihm wegwenden, ihn vornehm ignorireu und diese Ignoranz ollen zur Schau tragen Ein geistreicher Schriftsteller nonut den Talmud das Herkulanum und Pompeji des jüdischen Alterthums: und in der That, im Talmud ist das Leben mehrerer Generationen, ihre Tugenden und Schwächen, ihre Weisheit und Beschränktheit in solcher Frische erhalten, dass er schon als Kuriosum, auch ohne sonstige Beziehung zu demselben das Intet esse des Forschers in hohem Grade erregen muss. Und wie wenig ist dieses Buch nach allen Seiten 11 in gekannt! Es gehört allerdings dazu die ganze Unparteilichkeit eines an der Brust achter Wissenschaft genährten Geistes, verbunden mit tiefer Eingedrungenheit in diesen dunklen oder goldhaltigen Schacht, dem vielfach verkannten, von Feind und Freund gemissdeuteten abwechselnd gekreuzigten und vergötterten Talmnd jene Gerechtigkeit zu verschaffen, die ihm Jahrhunderte versagt haben. In jüngster Zeit hat es eine Meisterhand verstanden, eine Partie des talmudisohen Litteraturgebietes durch geniale Darstellung zu beleuchten und hat dadurch den Tarnud dein Verständniss moderner Anschauung näher gerückt und eben der sich spreizenden Unwissenheit ein beschämendes Gestäudniss at gerungen. Bei der ebenso gerechten als geistreichen Behandlung gewann aber nur die eine Seite des Talmud, die Agada, der Ausdruck der au don jüdischen Institutionen gezeitigten Subjektivität, die andere umfassendere hingegen, die Halacha, bei deren Konstruktion der subjektive Einfluss nur gering war und die datier den Gehalt des judenthümlichen Be« wusstsoins reiner reflektirt, hat bisher noch nicht die eriorderliehe wissenschaftliche Behandlung gefunden. Und doch ist diese Seite der Haupttkeil des Talmuds, die Ilalaclia bildet die f'־ •יי ״ ■ —. . Knochengerüst des tahnudischon Körpers, au das sich die weiche Muskulatur und der farbige Ueberzug der Agada aalegt — und gerade diesen Theil hat die Wissenschaft noch nicht unter ihre pflegende Obhut genommen.“ Wir haben diese ganze Diatribe d esshalb hier mitgetheilt, um an einer grossem Probe das Stiltalent und allerdings auch die Hypertrophie des Stils zu zeigen, mit dem Grätz debütirte; vor Allem aber ist daraus zu ersehen, dass die Orthodoxie, die ein Jahrzehnt später so wüthend über den vierten Baad von Grätz’ Geschichte herfiel, sich schon früher dies Vergnügen hätte verschaffen können, denn nur die oben angeführten Sätze bieten tausend Gründe, um eineu Menschen auf den von der Orthodoxie geschürten Scheiterhaufen zu liefern. Grätz ist sich eiues Gegensatzes zu Hirsch in jener Zeit nicht bewusst geworden, er hat vielmehr seine erste selbstständige grössere Arbeit ״Gnosticismus und Jndeuthum“, Sr. Ehrwiirden dem Herrn Landrabbiner Samson Raphael Hirsch, dem geistvollen Kämpfer für das geschichtliche Jndeuthum, dem un• vergesslichen Lehrer, dem väterlichen Freunde in Liebe und Dankbarkeit“ gewidmet Derselbe Grätz, der in den oben citirten Sätzen Zunz ein begeistertes Lob spendet, feiert und verehrt auch Hirsch; ihm schien das ״geschichtliche Judenthum“, der gemeinsame Boden, auf dem alle diese Mänuer, deren Versehiedenheit in den religiösen Anschauungen er nicht verkannte, zusammentraten und sich sehr gut vertragen konnten. Die gewaltsam erzeugte und erweiterte Kluft zwischen dem konservativen un 1 ge- Schichthöhen Judenthum und der Orthodoxie war damals noch nicht vorhanden. Hirsch und Jellinek scheinen uns heut himmelweit auseinanderzustehen; aber im ״Orient“ lesen wir eine Anzeige eines Hirschsehen Buohes, die nach dem Register von Jellinek herrührt, in welcher dieser geistvolle, gelehrte und wahrhaft für das konservative Judanthum begeisterte Prediger den damaligen Landrabbiner von Emdeu mit Lob überschüttet. Jellinek preist ihn als ehrenhaft und charakterfest und sagt zum Schlüsse: Was aber nicht mit Stillschweigen übergangen werden darf, das ist die Entschiedenheit uni Konsequenz, die Herr Hirsch in alleu seinen Schriften zeigt. Er ist kein rationalistischer Seiltänzer, der mit der Balancirstauge des Rationalismus alle möglichen Kunststücke macht; ernst, beharrlich und um das Lobhudeln der Meuge sich nicht kümmernd, verfolgt er seine Bahn eis würdiger Volkslehrer in Israel und wir kennen keinen zweiten Rabbiner in Deutschland, der ihm zur Seite gestellt werden könnte.“ Ob Jellinek dieses Urtheil noch heute fällen möchte? Es war noch die Zeit, wo alle diejenigen, welche dem geschichtlichen Judenthum treu waren, unbekümmert um einige Differenzen, iu einer Phalanx standen, wo Hirsch es noch vorzog, ein Haupt von Gemeinden statt ein Häuptling von Konventikeln zu sein. Frankel nennt Hirsch (Jahrg. 1844 der Monatsschrift) einen Ehrenmann, einen scharf ausgeprägten Charakter Hirsch hat diese Anerkennung später schlecht vergolten. Wir führen diese Urtheile hier nur au, um zu erweisen, dass der Widerstreit zwischen dem konservativen und dem orthodoxen Judenthum, das jetzt iu Deutschland, man möchte fast sagen, so eifrig gepflegt wird, damals auch exisiirte; wer wie Grätz wissenschaftlich sich an Zu uz und Frankel anschloss und dabei Hirsch zu Dank verpflichtet war, war nicht vor die Alternative gestellt; zwisohen dem Einen und dem Andern zu wählen, sondern konnte Allen diesen Männern zugleioh seine Liebe und Verehrung widmen. Nicht in Grätz ist eine Wkndlung vorgegangen, son-

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