Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 40-41. (2.10.1887)
- Date
- 1887-10-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisehes Litteratur-Blatt. I«r Rtltiflitiag alUr •ad Jvdea betreffcadea IlttaraiitflieB Er* icbeliiagea aaf den Gebiete der Philo• aophie> Geechfchte, Ethaogcraphte^ Theo• logle» OHeatalla, Exegese, RorrUetlk, Mtnnrlk, Pidaffoelk. Herausgegeben ▼OB Rabbiner i)r. Moritz Rahmer. 2. öhtokcv 1887, •fteher derelasehliglgen Lltteratar! welch der BedaetloH ««gesaadt wer<lea» fladea ta diesen Blatte eingehende Bespreehaag Bel Eiasendnag ▼01t *wel Beeensloa•• Exenplarea erfolgt etanallge karse Gratts-lasertioa. Das ,*Jüdische LUteratiir-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 6 Mark• 4bonnenten der ,,Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei a'len Postanstalten und Buchhandlungen 3 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 Pf. lür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 15 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. B9** Buchhändler, welche direct ״der durchRobert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 }( Rabatt. Inhalt: W iss ensch at'tl iche Aufsätze: Zum siebzigster Geburtstag des Prof. H. Grätz. — Zur Chronologie. Von L. Cohen, Lehrer in Rees a. Rhein. (Fortsetzung ) Li11eratnrhericht: Recension: Trauerrede an der Bahre des Rabbiners Dr. P. Frankl von Dr. S. Maybaum. Berlin 1887. Nachdruck nur mit ■voller Quellenangabe gestattet. Zum siebzigsten Geburtstag des Prof. H. Grätz. (Schluss.) Aii wen sollte sich ein Jüngling halten, an weu sich wenden, der wie Grätz fromm begeistert für das S^te Juden thum nur durch die Unwissenheit und Formlosigkeit der alten Rabbiner abgestossen wurdet׳ Ein neuer Stein schien in Samson Raphael Hirsch aufgegangen; noch wusste man ja nicht, dass er an Fanatismus die Alten weit hinter sich lassen werde. So schien er dem jungen Grätz der Rabbiner, wie er sein sollte, ein moderner Mensch und ein frommer Israelit, gläubig und gebildet, weltlich und religiös; er hatte ein Banner entfaltet, um das sich viele schaarten, er hatte dem konseiyativen Judenthum die Sprache wiedergegeben. An ihn, der damals in Oldenburg Rabbiner war, wandte sich Grätz mit der Bitte, dass er ihn aufnehme und unterweise. Die Bitte war keine vergehliehe; Grätz wanderte nach Oldenburg und blieb dort ייי mehrere Jahre, um sich für die Universität vorzubereiten. Es ist natürlich, dass Grätz’s lebhafter Geist durch das leidenschaftliche Feuer Hirsch’s eine sehr wohlthätige Anregung empfing und Grätz hat noch weit über diese Lehrjahre hinaus für Hirsch eine glühende Dankbarkeit empfunden. Die Begeisterung, mit der Hirsch seine Anschauungen vertrat, der schwärmerische Eifer, mit welchem er das unbedingte Recht der Tradition verfocht, war gaEz danach augethan, jugendliche Gemüther zu fesseln und anzuregen. Der Einfluss, den Hirsch auf Grätz ausübte, war kein ungünstiger. Bevor Grätz zur Universität ging, verweilte er noch einige Zeit in der Provinz, welche seine engere Heimath war, und hier lernte er diejenige kenuen, die ')'*später als Gattin durch ihre Anmuth und durch ihren ז edlen Sinn das Grätz’sche Haus so selir versohönt hat und bis zum heutigen Tage versohönt, die durch ihr gastlich liebenswürdiges Wesen und ihr klares verständiges Urtheil, das sie in den mildesten Worten ausspricht, Allen denen, die das Glück hatten, in ihrem Hause zu verkelireD, in freundlichster Erinnerung ist. Auch in der Schilderung des öffentlichen Lebens unseres grossen Historikers darf das traute Familienleben nicht unerwähnt bleiben. Grätz’s ungestüme leidenschaftliche Natur gleicht eiDem Bergström, der über jedes Hinderuiss hinweg zum Ziele stürzt; es war gut, dass eine edle mit aller Frauentilgend geschmückte Seele frühzeitig dieses Ungestüm eindämmte; mit ihrem zaiten Takte hat sie nicht selten seinem genialen Stürmen Einhalt geboten, wie denn überhaupt das Grätz’sche Haus eine Werkstätte ist, in dem auch Weib undKind sich au d;r Wissenschaftliehen Arbeit betheiligen, wo Wort und Werk des Mannes einen vollen und zuweilen geklärten Wiederhall findet in der Seele der Gattin, in der Seele der Kinder. Grätz hat, seitdem er seine Lebensgefährtin kennen gelernt hatte, nie mehr einsam gearbeitet, sondern was er immer dachte und schrieb, das bat die hochstrebeude Genossin sich zu eigen gemacht. Nicht gerade dass sie blanstrümpfig gelehrt in alle Details der Forschung sich vertiefte, aber den besten und reinsten Gehalt seines Wirkens hat sie völlig begriffen und in sich aufgenommen, und Grätz hat aus dem Wort der Schrift, das dem Abraham wurde, ״Alles was Sarah redet, horch auf ihre Stimm*“, die bestimmteste Nutzanwendung für sein eigenes Leben gezogen. Dass eine solche Frau in den Jahren des Kampfes mit tapferem Sinn, mit frischem, fröhlichem Mathe ihm zur Seite gestanden hat, bedarf kaum noch weiterer Erwähnung. Von der ersten Zeit an, wo er in die wissenschaftliche Welt als Lerneu der eintrat, hat hohe Frauenliebe wie ein lichter Stern ihn geführt, wie war die Genossin und Beratherin bei allem, was er litterarisch plante und arbeitete. Grätz machte sich zum erstenmal öffentlich bemerkbar, als er in Breslau gegen Geiger auftrat und sowohl dessen praktisch rabbinische wie dessen wissenschaftliche Leistungen aufs Schärfste kritisirte. Das sicherste Zeugniss dafür, dass Grätz nicht in den Wind hiueinsprach, soudern die wunden Punkte traf und Eindruck machte, ist der rabiate Hass, mit dem damals alle Fortscbrittsfreunde ihn in Breslau bedachten. Diese ersten schriftstellerischen Versuche des jungen Autors bekunden nicht selten eine gewisse Ungelenkigkeit des Stils, es ist nioht entfernt der leichte Fluss der Rede, die glatt und klar dahinströmt, aber es ist auch nicht die seichte oberflächliehe Manier, mit vielen Worten Nichts zu sagen, es ist dem Autor ernst damit Etwas zu sagen er ringt mit dem Ausdruck, er will möglichst viel in die Worte hineindrängen, er möohte markig und kraftvoll, tief und kernig sein; er offenbart einen gediegenen historischen Sinn, er findet mit Geschick die Formel,