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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-09-23 · N° 39. (23.9.1887) · p. Seite 152

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 39. (23.9.1887)
Date
1887-09-23
Page
Seite 152 (sequence 2)
Language
German
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uns mit unseren glorreichen Ahnen verknüpft. Das ist das national-jüdische Feuer, welches im Gemüthe eines Grätz pulsirt, und mit dem er auch sein Geschichtswerk durchdringt. Grätz ist stolz darauf, der Genosse einer Gemeinschaft zu sein, welche die Makkabäer erzeugt hat, und erträgt es nicht, dass wir deutschen Juden betteln, wo wir nach der vaterländischen Gesinnung, die uns beseelt, fordern dürfen, oder dass wir schachern und überlieferte Satzungen aufgeben, nur um bürgerliche Rechte einzutauschen. Wo immer Juden 'sich zu diesem Schacher verstehen, wo immer Nichtjuden ihn anempfehlen, hat er ein scharfes Wort des Tadels. Der deutsche Patriotismus ist in letzter Zeit sehr empfindlich geworden. Es ist jedoch kein Glück für eine Nation, wenn der aus dem redlichsten Herzen und der unbefangensten Erwägung kommende Tadel einzelner in der Nation vorhandener Uebelstände sogleich wie eine Lästerung empfunden und verfolgt wird, und das patriotische Gemüth in zornige Wallung versetzt, statt dass dieser Tadel einfach abgewehrt oder auch beherzigt wird. Grätz ist nicht thöricht genug, um die Bedingungen zu verkennen, unter denen in der Gegenwart die Juden in den verschiedensten Ländern leben, um es nicht einzusehen, dass nur im engen Anschluss an die nationale Bildung und Sitte die bürgerliche Freiheit zu erringen und zu behaupten ist; nur hat er nicht im Entferntesten die Absicht, dem Judenthum einen Selbstmord anzurathon, damit es dem einzelnen Juden bequem werde. Wieviele der besten deutschen Männer müssten aus der Reihe der Patrioten gestrichen werden, wenn es ein Schimpf und eine Schände wäre, was in Wirklichkeit ein Verdienst ist, seinem Volke in derben Worten die Wahrheit zu sagen; es ist dem Deutschen jüdischen Bekenntnisses nicht angenehm, sei es nun, dass er sein religiöses oder sein nationales Bewusstsein zu Rathe zieht, dass in deutschen Ländern dem Juden so übel mitgespielt worden iet, dass der Hass gegen die Juden sich bald brutal und roh äussert, bald in philosophischer, gelehrter, staatsmänuischer und religiöser Gewandung sich einführt. Der Ingrimm, mit dem Grätz diese unwürdige Gesinnung auf allen ihren Schleichwegen verfolgt, ist nur der versteckte und verschämte Ausdruck des patriotischen Schmerzes, dass gerade auf deutschem Boden ein solcher Missbrauch der Gewalt oder gar der Gelehrsamkeit so häufig ist. Grätz liebt es, sein individuelles Empfinden unumwuuden auszusprechen; er hat seit langen Jahren die unabhängige Stellung, die es ihm ermöglicht, rücksichtslos zu sagen, was er für wahr hält; er ist keinem andern Rechenschaft schuldig als sich selbst. Diese freie Aussprache seiner Individualität, die um Stimmungen und Strebungen der jüdischen Gemeinden und des öffentlichen Lebens sich nicht kümmert, ist das Geheimniss seiner Kraft, seiner grossen Wirkung; darum will er auch dem Judenthum das individuelle Gepräge bewahren, er will durch die Schilderung der geschichtlichen Grösse des Judenthums das Band befestigen, welches nur allzulose die Juden in der Zer- Streuung zusammenhält; das heisst noch nicht, dass er utopischen nationaljüdischen Plänen nachhängt und deswegen die nationaldeutschen Pflichten der Juden gering anschlagt. Alle diese Momente werden noch deutlicher hervortreten, wenn wir seinen Entwickelungsgang etwas genauer uns vergegenwärtigen. Zerkow, ein entlegenes!Städtchen in der Provinz Posen, ist der Ort, wo Grätz seine erste Jugend verlebt hat. Man kann nicht sagen, dass dieser Ort, dass die dort übliche Methode des Unterrichts geeignet waren, die schlummernden Keime in dem talentvollen Knaben zu wecken und zu fördern. Zerkow ist unter den Jaden im deutschen Osten besonders bekannt duroh einen Rabbiner, der in Folge seiner gänzlichen Unbekanntschaft mit weltliohen Sitten und Bräuchen zu den drolligsten Streichen und Reden geführt worden ist. Nur sehr begabte Talmadjünger haben durch die Kraft des eigenen Geistes die Fähigkeit erworben, die Fehler der vernachlässigten Erziehung zu ver- * bessern und sich in der Welt zurechtzufinden. Aber beschränkte Menschen haben wohl durch eisernen Fleiss und religiösen Eifer sich Talmudkenntnisse angeeignet, sie blieben jedoch unerfahren wie die Kinder im praktischen Leben, und gaben sich dadurch die lächerlichsten Blossen. Als der Typus dieser frommen, fleissigeD, indess über die Massen bortnrten Talmudisten gilt dieser Rabbi von Zerkow, der durch seine Schrullen und Schnurren sogar ein unfreiwilliger Mitarbeiter deutscher humoristischer Blätter geworden ist. Von diesem Manne, der einen Schluss gestattet auf die geistige Atmosphäre der Zerkower Judengemeinde in Grätz’s Jugendzeit, wird erzählt, dass er, als er in ein hübsch angetünchtes Zimmer trat, die Frage stellte, ob die Stube nicht in Berlin gemalt sei, dass er aus religiösen Bedenken nie in der Postkutsche |Platz nahm, sondern hoch oben auf dem Platze neben dem Kutscher nach Posen hineinfuhr, dass er in seiner Zerstreutheit, als er sich von seinem Lager erhob, ganz beunruhigt war, weil er wohl alle seine Sacheu, aber nicht sich selbst faud, dass er dem Eisenbahnschaffner auftrug, mit der Abfahrt des Zuges za warten, bis er ״Minchah“ gebetet, dass er einmal in vollem Selbstbewusstsein die Gemeinde mit einem Bottich verglichen habe, er, der Rabbi, sei der Reif, die andern Gemeindegenossen seien die Bretter; so lange der Reif die Bretter umfasse, sei der Bottich gut, wenn aber der Reif abfalle, so platze der Bottich, so platze auch die Gemeinde,, wenn er, der Rabbi, von inr scheide. r Dieser Rabbi ermöglicht einen Schluss auf die Intelligenz in Zerkow und somit auf die Nahrung, die dem frischen regen Geist unseres Grätz in seinen jungen Jahren zugeführt wurde. Die Ghedergewaltigen Zerkow’s hatten vom Geiste Pestalozzi’s keinen Hauch verspürt. Hier galt noch jene polnische Rohheit, welche, wie dem Schreibor dieser Zeilen berichtet worden ist, den Stock den ״Wedibarto bom“ nannte, welche es gestattete, dass der Rabbi an jedem Freitagnachmittage, um den nöthigen Respekt den Schülern einzuflössen, alle Schüler der Reihe nach durohprügelte; falls aber einer der Jungen die hohe Weisheit dieser Massregel nicht begriff, so galt die Entschuldigung: Hast du noch nichts Böses gethan, so wirst du es künftig thun. Zerkow kann auf Grätz eher stolz sein, als Grätz auf Zerkow. Der Lehrer zwar, bei dem er den ersten Unterrieht genoss, gewann den jungen Knaben lieb, und dieser machte so rasche Fortschritte, dass er nach kurzer Zeit zu einem Lehrer aufstieg, der reifere Knaben unterrichtete. Dieser aber lehrte nach dem Grundsätze, dass nur der Stock die Köpfe öffne, und Grätz erlitt das Schicksal, das so oft geniale Menschen in den Erziehungsjahren von bomirten Schulmeistern erfahren: weil gerade ein intelligenter Kuabe sich schwerer in eine eiserne Schulordnung fügt und findet, hält solch ein unter Kindern kindisoh gewordener Sohultyrann seinen fähigsten Sohüler gewöhnlich für ganz dumm und unbrauchbar. Grätz erhielt durch diesen rohen Patron, in dessen Cheder er jetzt kam, in ganz Zerkow den Ruf einer geradezu exceptionellen Dummheit und wurde dem entsprechend nicht eben

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