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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-09-23 · N° 39. (23.9.1887) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 39. (23.9.1887)
Date
1887-09-23
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 39. Jüdisches Jahrg. XVI. Litteratur-Blatt. 2«r BeleichUag all«r J«de1thnm «ad Jidm betreflfoedaii lltararisrhi■ Kr• «ehelRUKgei •af d«w Gebiet« dar Philo• ipfcle. Geschichte, EthNOgraphle» Theo• locle, Orleatalla, Kxefefle. Homiletik. Mtaretk, Pidajrofflk. Heransgegeben ▼OD Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. 0TCo^9e^>ut^, 23. Septemfoi Bicher der tlaiehlif lg•■ l.itteritar.n^leh* der Bednet^on un;«11dt werde■• Inden 1■ diene■■ Blatte eingehende Beepreehnng Bel Einsendung von swel Becensloun- Kxentplnreu erfolgt elnnisllge knrse 18b;־. ttretls. Insertion. Das »Jüdische Littarmtnr-Blitt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bozen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 6 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei a len Postanstalten nnd Buchhandlungen 8 Mark kostet) erbalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit 85 Pf. tür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 15 Hark» berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler, welche direct oder durchRobert Friese in Leipzig Inserate einsendeu, erhalten 2ES yi Rabatt. I I nhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Zum siebzigsten Geburtstag des Prot. H. Grätz. — Kaiser Rudolfs Contirmatio zum Bau einer .Tudenschul in Hanau L it teraturbericht: Recensionen: Kurrein, Dr. Adolf, Rabbiner in Bielitz. Traum und Wahrheit. Lebensbild Josefs nach der Aagada. (Schluss.) L itte rarische Notiz. Nachdruck nur mit *voller Quellenangabe gestattet. Zum siebzigsten Geburtstag des Prof. H. Grätz. Keine ausgezeichnete Persönlichkeit ist leicht unter die gewöhnliche Parteischablone zu bringen. Die Formeln, die Rubriken, die Parteischlag werter sind dazu da, um die grosse Masse der mittelmässigen Menschen einzuordnen und in bestimmte Klassen zu tbjeilen. Aber eine bedeutende Natur geht ihre eigene Wege, folgt nur den Gesetzen, welche sie sich selbst gegeben hat und ist, sei es nun, dass sie in Politik oder Religion oder wissenschaftlicher Arbeit sich hervorthut, nicht so ohne Weiteres in die gang und gäben Ordnungen einzureihen. Hier gilt das Wort Carlyle’s, dass die Grösse eines Mannes sich wesentlieh darin bekundet, dass er ״alle Formeln verschluckt“, dass er keinem Parteischlagwort sich gefangen giebt, dass er wie die Biene aus allen Blumen Honig saugt. Kein wahrhaft grosser Staatsmann geht in die Formeln auf: liberal und konservativ, sondern jeder vereint in mehr oder minder glücklicher Mischung Elemente beider Anschauungen in seinem Geiste; so gist auch ein tiefer angelegter religiöser Schriftsteller niemals schlechtweg orthodox oder freisinnig, sondern er ist beides zugleich, verschiedene Elemeute, innig gesellt, bilden sein Leben, bilden die Welt seiner Ideen; nur die Herdenmenschen, deren Gesichtskreis beschränkt ist, deren Denken keine individuelle Prägung hat, gehen gleichsam blindlings nach einer bestimmten Richtung; die Grösse eines originellen Geistes besteht darin, dass in seinem Kopfe Raum vorhanden ist, für Gedanken, die den verschiedensten Gebieten entstammen, dass in ihm scheinbare Gegensätze sich vereinen nnd versöhnen. Gehört Prof. H. Grätz zum konservativen oder liberalen Judenthum? Sowohl die Orthodoxen wie die Radikalen sind böse mit ihm umgesprungen, haben ihre schärfsten Pfeile gegen ibn gerichtet, das hat ן ifcht gehindert, sondern im Gegentheil nur gefördert, dass Grätz’s Ruhm und Ansehen bei seinen Glaubensgenossen fort und fort gewachsen ist, und heut ist Grätz der einzige Israelit, der eine wahrhaft internationale Autorität geniesst, der gekannt und gefeiert ist weit über die Grenzen des deutschen Vaterlandes hinaus, ja dessen Verdienste im russischen Osten sowie in England und Frankreich und in Nordamerika eher neidlos gewürdigt werden, als in der deutschen Heimath. Hier in Deutschland giebt es Kleinigkeitskrämer, die ein Geschichtswerk von so gewaltigen Dirnensionen wie das Grätz’sche sich darauf ausehen, ob nicht hin und wieder ein schiefes Gleichniss, eine sprachlich nicht ganz haltbare Wendung sich findet, die es vergessen, dass sprachliche Korrektheit allein noch keinen schriftstellerischen Ruhm begründet, dass Männer, wie Gervinus und Gutzkow klassische Autoren sind, obgleich Kritiker, die nie über die Gymnasiasten- Weisheit hinausgekommen sind, auch ihnen eine Menge von kleinen Stilfehlern nachgewiesen haben. In der Fremde ist der Sinn freier, um den grossen Wurf dieses Geschichtswerkes, die edle Leidenschafr. des Vortrages, den Glanz und die Kraft der Sprache zu würdigen, durch welche die Schilderung entlegener Zeiten wie ein Gegenwärtiges uns auregt und <lie gauze Darstellung, ohne darum die höchste Würde, die der Wahrheit zu verlieren, die Frische und Wärme des Lebens empfängt. Die grosse Schaar seiner Verehrer weiss es, dass Grätz aut einer böhern Warte steht, als auf der Zinne der Partei, dass er den redlichsten Willen hat, Personen und Einrichtungen nur danach zu beurtheilen, ob sie dem Judenthum zum Heile gereicht haben und gereichen, dass er Jude ist vom Scheitel bis zur Sohle und dass er jene Liebe zum Gegenstand seiner Dar- Stellung mitbringt, ohne die es *bei aller Hochachtung vor der Objectivität keinen Historiker giebt. Und wie Grätz weder ausschliesslich konservativ, noch ausschliesslich liberal ist, so ist er auch keineswegs Nationaljude in dem landläufigen Sinne, wie man etwa von einem Nationalpolen redet. Wer ein zwölfbändiges Geschichtswerk in deutscher Sprache schreibt, wer zu diesen! Behule alle Feinheiten dieser Sprache studiert und sich zu eigen gemacht hat, der kann unseres Erachtens schon aus Egoismus kein schlechter Deutscher sein. Freilich kann es einem jüdischen Geschichtsforscher am allerwenigsten entgehen, dass die Wurzeln der jüdischen Kraft in unserer Geschichte liegen; unsere Religion ist nicht vui> gestern und darf auch in ihren äusseren Formen ihren Ursprung nicht verleugnen. Die Deutschen, die Hermann dem Cherusker Denkmäler aufrichten, sollten es uns am wenigsten verargen, wenn wir die s!01zen Erinnerungen an unsere Vergangenheit., an unsere Helden der Thaten und der Leiden nicht aufgehen, wenn wir nicht gewaltsam das Band zerreissen, das

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