Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 36. (2.9.1887)
- Date
- 1887-09-02
- Page
- Seite 141 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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sagen, entweihen dürfen?! Ist er nicht einzig und allein da, zur Aufnahme von Menschen, von מחים von Todten, die in ihrem ״göttlichen Ebenbilde“ noch vor uns liegen, und denen Nichts fehlt zum ״Leben“, als der ״Geist Gottes“, der soeben die Hülle verlassen? Warum denn gerade die ״Urne mit Asche“ beerdigen? Haben Haare und Nägel eines Todten nicht dasselbe Hecht? Müssten wir consequenterweise Urnen, gefüllt mit Haaren und Nägeln, wenn es die Familie wünscht, nicht ebenfalls der geweihten Erde übergeben? Wir halten diejenigen, die der modernen Verwirrung Concessionen machen, und Aachen-Urnen beerdigen lassen, nicht gerade für ״schwere Sünder“, es ist eben eine moderne Nachäfferei heidnischer Sitten, wie bei hundert anderen Anlässen, die sich heute nur schwer radical entwurzeln lässt. Aber sind w ir Rabbinen, die wir ja die Hüter des Gesetzes sein und die Lauterkeit der Tradition wahren sollen, nicht verpflichtet, laut und vernehmbar in die Gemeinden hinauszurufen: ״Die Beerdigung der Asohen-Urnen ist eine heidnische Komödie, eine ״uralte“ Thorheit, ein Widerspruch in sich selber, bei dem von einer ״religiösen Zeremonie“ gar keine Hede sein kann, denn wenn keine Leiche vorhanden, wozu ein Leiohenacker? Entweder — Oder! Entweder Ihr bringet ״Leichen“, oder verzichtet auf die ״Beerdigung“. Ein Drittes ist — Absurdität!“ Und nun wollen wir zur Hauptfrage übergehen: Ist die Leichenverbrennung ■erlaubt oder verboten?! ,־Schlussartikel folgt.) Der Judeneid in Andernach. Von den ältesten Zeiten au war für die Juden eine eigene Ei des form in ganz Deutschland in Gebrauch. Im hiesigen Schöffenbuch (Blatt 66 bis 67) .wird dieselbe folgendermassen eingeleitet: -•» Juden aydtaus Ihrer Churfürstl. Gnaden zu Mainz Hofgerrohtsordnung Tit. 20. Vorred. Adonai ich ruffe dich und deinen heyligen Nahmen und Allmächtigkeit an, dass du heimst bestetigen meinen aydt, den ich jetz thuen soll, und wo ich unrecht und betrüglieh sch wehren werde, so seye ich beraubt aller gnaden des ewigen Gottes und mir werden auferlegt alle straffen und flüch, die Gott den verfluchten Juden auferlegt hat und ich soll auch nicht theil haben an Messias, noch an dem versprochenen Erdreich des heyligen landts. — Die Formel selbst hat nachstehenden Wortlaut: Aydt. Adonai, ein schefler der Himmeln und des Erdtreichs und aller Ding, auch mein und der Menschen, die hier stehen. Ich ruffe Dicli an durch deinen heyligen Nahmen auf diese Zeit zu der Wahrheit und sohwehre bei demselbigen, dass ich umb alles das, 80 ich in dieser Sachen befragt werde und mir wissendt ist, ein recht lautere Wahrheit sagen und darin keinerley falschheit, Verborglichkeit oder Unwahrheit gebrauchen will; also bitte ich mir gott adonai zu helfen und zu bestätigen diese Wahrheit, wo ich aber hierin einigen betrug und Vorhaltung der Wahrheit gebrauchen würde, «eye ich verflucht ewiglioh und übergehe und zerstöre mich das teuer, dass Sodoma und Gomorra überging und alle die flüch, so an der Thorash geschrieben steht und dass mir auch der wahre gott, so laub und grass erschaffen hat und alle ding, immer zu hülf noch zu statten komme in einigen meinen saohen? und nöthen; wo ioh aber wahr und reoht thun in dieser sachen, so helfe mir der wahre Gott Adonai und nichts anders! (Niederrh. Geschichtstr. 188:1.) Litteraturbericht. Recen8ionen, Jüdische Kalender für das Jahr 5648. 1. Illustrirter isr. Volkskalender von J. Br andeis in Prag. 2. Illustrirter isr. Volkskalender von Jacob W. Pasoheles in Prag. 3. Illustrirter j&d. Famillen-Kalender von Jul. Meyer in Halberstadt. 4. Volkskalender des ״Israelit“. J. Kauffmann, Frankfurt a. M. 5. Dr. Poppelaner’8 Berliner Volkskalender für Israeliten. (Berlin, neue Friedrichstr. 61.) 6. Berliner Kalender für Israeliten von H. Itzko wski. 7. Hebräischer Kalender mit Notizen über Palästina. Von M. Adelmann in Jerusalem. Von den hier aufgeführten 7 Kalendern sind die meisten unsern Lesern von früheren Jahren gewissermassen als ״Stammgäste“ wohlbekannt, einige derselben, wie die sub. No. 5 und 6, bedürfen auch schon desshalb keiner besondern Besprechung, weil sie ausser dem Kalendarium und den übliohen synagogalen, rituellen und lokalen Notizen keinen literarischen oder belletristischen Hecensionsstoff bieten. Da entscheidet die Gewohnheit. Jeder wird den Kalender wählen, an den er sich gewöhnt hat; der eine lieber den Poppelauer’schen, weil er auch das Verzeichniss der Jahrmärkte nnd Messen, der andere seinen jüngern Bruder, den Itzkowski’sohen, weil er stattdessen ein Verzeichniss der Vorstände der Berliner Gemeinden, Vereine und Stiftungen enthält. — Chaquun ä 80n goüt. — Die andern mit ״Beiträgen“ ausgestatteten Kalender wollen wir hier nunmehr dia Revue passiren lassen. Zuerst die reichhaltigsten, die beiden Präge r, von welchen dem altern (von Pascheies), der bereits seine 36. Rundreise antntt, den Vorrang gebührt; doch nicht nur seines Alters, sondern auch seines Inhalts wegen. Er bringt an seiner Spitze eine wissenschaftlich-litterarische Abhandlung, den Schlussartikel des Grünwala’schen historischen Essay’s: ״Die Juden in Böhmen“, der die Zeit vom Regierungsantritt Kaiser Josefs II. bis auf die Gegenwart skizzenhalt behandelt. Wir entnehmen daraus die Notiz, dass Böhmen nach der jüngsten Zählang 89,539 Juden hat, von denen 12 589 auf den Prager Kreis kommen. Die darauf folgende ״Prager Ghettogeschichte“ von Bernhard Auerbach (pseudonym?) ist in gutem Deutsch geschrieben — wir haben diesmal nur 2 sprachliche Fehler bemerkt: S. 112 ״diesen einen Wunsch willfahre“, und S. 120 ״ohne diesen Pees“ — und erfüllt ihren Zweck: sie unterhält und hat eine schöne reinmenschliche und nicht bigotte Tendenz. Sodann folgt eine Biographie des Wilnaer jüd. Gelehrten R. Sam. Jos Finn (mit Titelbild), des ehemaligen Redacteurs des ״Hakarmel“ (erschien 1860—1871), der jetzt in seinem 68. Lebensjahre mit der Herausgabe zweier bedeutenden hebr. Werke beschäftigt ist; eines hebr.- talmudischen Lexikons, von dem bereits 10 Lieferungen erschienen sind, und eines grossen jüdischen Gelehrtenlexicons, das die Biographien von mehr als 5000 jüd. Gelehrten bringen will. Mit einem ״Anekdoten-Füllhorn“ schliesst der Kalender. Der Brandeis’sohe Kalender beginnt mit einer gut geschriebenen ״Jahresrevue‘־, bringt kurzgefasste Biographien von Philippson und Jellinek (mit deren Bildern) und eine längere Erzählung von dem bekannten Novellisten S. Kohn. Ehe wir auf den Inhalt der-