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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-09-02 · N° 36. (2.9.1887) · p. Seite 140

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 36. (2.9.1887)
Date
1887-09-02
Page
Seite 140 (sequence 2)
Language
German
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140 ~ ו Und dooh — esjst unsj heiliger Ernst — Iberkommt uns oft Wehmuth über die hässlichen Verirrungen eines Mannes, der ohne dieselben eine Zierde wahrer Wissenschaft geworden wäre. Wohin verirrt sich L. schon allein im Gebrauch der deutschen Sprache! Wir haben bereits einige Proben seiner deutschen Ausdrucksweise gegeben, S. 27 ff. liefert auch Dr. B. eine Lese aus den Deutschen Schriften Lagarde’s, die wirklich Haarsträubendes enthält. Wir übergehen die einzelnen Wortgebilde, welche deD von uns bereits gewürdigten ״ Embryonenbauereien “ in Bezug auf Logik, Euphonie und Aesthetik gleichkommen, zum Theil sie noch übertreffen (wie Unland statt Wass er!) und führen nur einige Satzgebilde auf:; ״Der Horizont, der ehrlose graue Dunst einer J Bierhöhle, in welche 3die Familie allabendlich untertaucht, oder die schwüle gasheisse Athmo- Sphäre eines Theaters, in welchem der Münchener Bilderboge nsty 1 von Girofle-Girofla noch eine Erquickung, Jphigenie eine Anomalie, und Victonen Sardou oder gar Offenbach das Paradigma ist, nach welchem alles abgewandelt(!) wird. Und was mit zagender Stimme im Angesichte Gottes der Mensch ן beschämt darüber bezeugen «oll, dass er, der arme Staub, so Grosses in den Mund nehmen darf, das mit der grellen Stimme einer Signaltrompete hinausgeschmettert in eiue Welt, welche nur Trompeten noch hört und in dem trompeteten (!) Ideale nur die Trompete vernimmt, weil die Trompete das Ideal todt geblasen hat. (!) Was wie der Wiederschein einer ahnungsvoll langsam heraufdämmernden ewigen Welt die höohsten Spitzen der jungen Seelen leise röthen müsste (!), um mählich, mählich sie in vollem Tage zu baden, (!) das in elektrischem Lichte so grell und eilig den aus dem Nichts auftau• chenden Augen zugeworfen, dass sie geblendet und voll Schmerz für immer sich ab wenden.“ Errege das nicht immer mehr Schaudern, je öfter man es liest? So oft wir uns anschickten, zu diesen und ähnlichen Stellen aus Lagarde’s Schriften humoristische Notizen, zu denen sie so überreichen Anlass bieten, niederzuschreiben, immer wieder sträubte sich unsere Feder . . . Wir können Schopenhauers ebenso gerechtes wie herbes Wort nicht durchweg auf Lagarde anwenden: ״Die andern Nationen sind streng hinsichtlich ihrer Sprache; hingegen jeder deutsche Schmierer setzt ohne Scheu irgend ein unerhörtes Wort zusammen, und statt in den Journalen Spiessruthen laufen zu müssen, findet er Beifall und Nachahmung. Ohne irgend eine Bücksicht auf Grammatik, Sprachgebrauch, Sinn und Menschenverstand schreibt jeder Narr hin, was ihm eben durch den Kopf fährt... Die aus der deutschen Eigentümlichkeit entspringende Manie der Sprachverhunzung ist universal; alles greift zu, die Sprache zu demoliren, ohne Gnade und Schonung, ja, wie bei einem Vogelschiessen sucht jeder ein Stück abzulösen, wo und wie er nur kann. Hat einer eine rechte Eselei gemacht, bewundern sie die und beeilen sich, sie nachzumachen.“ Dieses Wort können wir nicht durchweg auf L. an wenden; denn L. ist kein deutscher Schmierer, sondern ein deutscher Professor, er ist ferner ein Mann, der — wenn auch aut falschen Bahnen — nach Weisheit ringt. Nichtsdestoweniger schreibt er hin, was ibm eben durch den Kopf fährt, verhunzt, demolirt er die Sprache. Ergo verhunzen nicht nur Schmierer und Narren unser geliebtes Deutsch. Wenn übrigens Schopenhauer klagte, dass nirgends und nimmer der Demolirung unserer Sprache entgegengetreten werde, so ist das seitdem, wenn auch noch lange nicht gut, doch immer etwas besser geworden; es wäre freilich zu wünschen, dass bald die Stimme des Unwillens über die Sprachverderbniss ganz allgemein und vernehmlich^werde und durch das Ohr auch zum Herzen dringe und dass namentlich bei gewissen Männern der Wisseusohaft der stampf gewordene Sinn für die grammatischen, logischen und ästhetischen Sprachmomente sich wieder schärfe. Wohin hat sich ferner Herrn Lagarde’s Forsohung und Polemik verirrt, wenn eia Manu wie Herr Prof. Weber zu schreiben wagt und wagen darf, was er auf S. 7 seiner Schrift ״Zu weiterer Klarstellung“ äussert. Wir begreifeu Weber’s Ansicht von der Nothwendigkeit dieser zermalmenden Kritik; und doch bedauern wir Herrn L. aufrichtig . . . (Schluss folgt) Die Erd- und Feuerbestattung. Von Rabbiner Dr. Kohn-Inowraziaw.*) VII. (Schluss.) Nur so lange der Mensch in seiner ursprünglichen Gestalt vorhanden, 80 lange diese göttliche Würde über das Wesen des Menschen ausgegossen ist, wirkt die Leiche — auch der kleinste Theil derselben (נזיר.בןדנור.-?צב כשעורך) verunreinigend. Schädel und Rückgrat z. B. wirken verunreinigend, wenn sie auoh alles Fleisches baar sind 4 לפי שצורת אדם ניכרת ״ בהםweil die Menschenform und Menschengestalt durch sie und an ihnen erkennbar ist“ (S. Oholoth Hl); wenn diese ursprüngliche Menschengestalt, iu der Gott den Menschen geschaffen, zerstört und veruicutet ist, dann ist auch alle Würde und Göttlichkeit gleiohsam vom Menschen abgeslreift, es ist kein מת, keine Leiche mehr vorhanden und dergestalt- und formlose Klumpen, der vor uns liegt, wirkt nicht verunreinigend. Nicht nur wenn die Leiche total verbrannt und in Asche umgewandelt worden ist, אפר שרופי] טהור, ist die Asche reiD, da ja kein מת vorhanden, sondern auoh, wenn sie nur so verkohlt ist, dass die Form, die Gestslt des Menschen verloren gegangen, die ״Formlosigkeit“ benimmt der Leiche die Unreinheit**) ,מת שנהבלכלד צורתו טהור. Ist, wenn die Leiche in Gotha verbrannt worden ist, diese Leiche noch vorhanden oder nicht? Existirt nach dem Verbrennen dieses מת noch, oder nicht? Die Mischnab, also die älteste und competenteste Tradition des Judenthums lehrt, ״wenn die Leiche verbrannt ist, dann ist ein כת nicht menr vorhanden, die Asche ist ein neuer, anderer Körper, und desshalb ״rein“ ... Ist aber kein מת vorhanden, was sollen wir ״beerdigen“, was dann in die ״geweinte Erde“ legen? Wir haben doch nur einen Friedhof für Leichen, ist keine Leiche da, wozu Friedhof, wozu Beerdigung? Wir haben doch nur ein נ בית הקברות für מתים! Ist kein מת da, wozu und mit welchem Recht das בית הקברות beanspruchen? Was sollen wir uns denn — nach jüdisohen Begriffen — dabei denken, wenn wir eine Aschen-Urae nich dem Friedhof bringen? Unter welchem Namen, nach welchem ״ Gesetze “ können wir eine solche Urne dem Friedhof übergeben, ohne uns dem ״Fluche der Läoherlichkeit“ auszusetzen?! Asohen-Urnen! Ist der jüdische Friedhof etwa ein Aschen-Kasten, eine Reliquien- Sammlung, ein Urnen-Kabinet? dass wir ihn mit derlei eitlen, nichtigen Dingen füllen, wir möohten *) In No. 30 d. Litt.-Bl. soll es Col. 1 Z. 33 heissen, wenn auch nicht wie die bei Saul und seinen Söhnen — und Seite 11Ö Col. 1 Z. •r>3 statt ״unorganischen“ — anorgani sehen. K. **) Siebe ״Ramban“ zu Nidd&h 1. c. Er schreibt: כיון'i" שאין דאבריו צורת בשר ולא צורת עצם נפק ליה מבין כזית ״ •בשר ועצם כשעורה וטהוריןWenn den einzelnen Gliedern I die Form, das Gebilde des Fleisches und der Knochen abgeht, hören alle Unreinheits-Gesetze auf, und es ist Alles rein.“

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