Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 26. (23.6.1887)
- Date
- 1887-06-23
- Page
- Seite 101 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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101 .,Alle sind gleich vor Gott. Wer deine zehn Gebote spricht Ohn' Furcht und Scheu und doch sie bricht. Das nimmer, Herr Gott, wahre Liebe heisst. So Mancher: ״Vater!“ zu Dir spricht.: Sieht er mich an als Bruder nicht: Dann spricht er mächtge Wort’ mit schwachem Geist. Aus einem .Stoff wir all’ gedeili’n. Es nährt uns Speise und wird klein. Sobald sie durch den Mund ging ein. AVer kann mir Knecht und Herren nennen, Macht’ er sie auch im Leben kennen. Sieht er ihr bleichendes Gebein, Sobald das Fleisch vom Wurm verzehrt? Der Eine Gott uns all' ernährt: Der Heide, Jude, wie der Christ, An Gottes Tisch ein Jeder isst “ (Gedichte AAralthers von der Yogelweide. Nachgedichtet von Dr. Adelbert Schröter, Jena ISS!. S Aut die Frage im obigen Gedicht antworten wir: Herr L. ״kann“ das. Der Dichter war eben zu weuig Prophet, um vorherzusehen, dass ein Epigone sogar ״Judenleichen und Christenleichen“ werde nennen können . . . Herr L. wird uns glauben, auch ohne dass wir’s ihm betheuern, dass uns schon dies eine , Gedicht Walthers höher steht, als hundert Schriften 1 gewisser Professoren. Aber nicht allein uns neuen, sondern auch alten ״Asiaten“, wie z. B. dem Apostel Paulus, was I. Korinth. 13, 1 und 2 bezeugt. Wenn ״Asiaten“ wie .,Europäer“ die Geschichte des Mittelalters einen grossen garstigen Fleck in der Geschichte der Menschheit genannt, so haben sie damit gewiss nicht die paar Sterne in der schaurigen Nacht des Mittelalters bezielt. Ob aber jene Zeit — Herr L. meint damit alle Zeitgenossen — ״diese Menschen verstand,“ ob diese Sterne jene Nacht so taghell lichteten, wie Herr L. nach Vogel-Strauss-Manier die Welt glauben machen will, darauf antworte die fast jedem Schulbuben bekannte Geschichte des Mittelalters. Oder haben etwa gar die Juden des Mittel- »Hers ganze Länder mit Feuer und Schwert verwüstet, Städte und Werke der Kunst zerstört, die wehrhafte Bevölkerung niedergemetzelt, Weiber und Kinder in die Sklaverei geschleppt, Scheiterhaufen in Brand gesteckt und darauf Andersgläubige gebraten, während die Christen damals lauter Heilige, Forscher, Künstler waren?- Herr L. betheuert (ebendas.), er sei nicht orthodoxer Christ. Wozu diese Betheuerung? Wer seine Ansicht über Christus kennt, die wir später erwähnen, glaubt ihm ohne Betheuerung sogar noch etwas Anderes. — Aber Freund alter christlicher Frömmigkeit | will er sein. Wie solche jedoch bei jener Ansicht j über Christus denkbar ist, das ist eben nur—•Herrn j L. denkbar. Ebenderselbe leistet (ibid.) folgendes : Geständniss: ״ich stehe mit voller Ueberzeugung in der durch Photius wie durch die Reformation und deren Gegner unterbrochenen Entwickelung der Kirche, als einer Entwickelung, die aber (״aber“ hier ist gut. Kr.) ihren Ursprung nicht verleugnet. Herr, dunkel ist der Rede Sinn! Oder meinen der Herr Professor jene Entwickelung, wie sie Walther von der Vogelweide der Kirche und ihren Angehörigen wünschte? Gewiss! nicht, denn eine solche Entwickelung würde ״das allein i Werth habende Charakteristische“ entbehren, würde | seichter ״Deismus,“ verschwommener ״Kosmopolitismus“, würde ״liberales Philisterium“ sein, würde ״zu keines Menschen Besserung und Erfreuung (! Kr.) dienen.“ Alle gleich vor Gott! Das will Walther, ••'ftowohl diejenigen ״Asiaten,“ welche aus dem Geburtslande Christi und seiner Jünger, wie diejenigen ״Asiaten“ alias Germanen, welche nach Felix Dahn und andern nichtjüdischen Forschern von Weltruf gleichfalls aus Asien nach Europa ״zugewandert“ sind — alle gleich vor Gott! Nein, das kann nicht sein, da hat der gute Walther sich geirrt, da hat er schwer gesündigt, die Welt geht unter bei der Gleichheit Aller vor Gott, vor dem Gesetz, vor dem Recht! (Fortsetzung tolgtj Zum Räthsel Simsons. 1 Simsons Räthsel (Richter 14,14): ״Aus dem Esser i kam Speise, ans Nacken Süsses“ hat bekanntlich! das ibid v. 8 und 9 erzählte Faotum vom Löwen, in : dessen Cadaver Simson Bienenhonig gefunden, zur | Voraussetzung. Diese Erzählung stösst aber seit alter j Zeit auf einen inneren Widerspruch. Bienen meiden I jeden übelriechenden Ort, wie sollen sie sich in dem j stinkenden Löwenaas niedergelassen und dort Honig j fabrizirt haben? Die syr. Bibelübersetung geht diesem j Anstoss dadurch aus dem Wege, dass sie aus dem; Aase des Löwen (גוית האריה oder מפלת) ein geruchloses ״Skelett“ (תנרומתא - Knochen) macht. Aus diesem Grunde lässt wohl auch Ralbag ein volles Jahr (ימים v. 8) zwischen dem ersten und zweiten Besuch Simson’s verstreichen, um dem Cadaver Zeit zu lassen, Skelett zu werden. Zur Stütze dieser Skeletttheorie beruft man sich auf Herodot V, 114, wo erzählt wird, dass die Amathusier in dem abgeschnittenen, über dem Stadtthore aufgehängten Kopfe des Onesilos nach langer Zeit einen Bienensohwarm mit Waben gefunden hätten. — Die LXX lässt die Bienen gar im Rachen des Löwen bauen, vermuthlich um recht drastich zu zeigen, dass vom Verzehrer die Zehrung kam. Einige mittelalterliche Exegeten beruhigten sich mit der Skeletttheorie nicht, sondern suchten eine Unter- Scheidung zwischen Stadt- und Waldbienen zu machen; nur die erstem hielten sioh reinlich, die letztem seien weniger penibel betreffs des üblen Geruches. Doch wurde diese Unterscheidung für grundlos erklärt. Es sei nun daran erinnert, dass im Alterthum der Glaube verbreitet gewesen, die Bienen entständen aus dem Aase von Thieren (cfr. Bochart Hierozoicum IV,91|. Varro de re rustica 2,3 und 3,6 bemerkt, die Bienen entständen aus faulenden Rinderkörpern; ähnlich Philo de victimas offerentibus § 6, Plinius N. H. 11,20, Origenes contra Celsum IV, i>7 und Ovid, Metamorphosen 4,1, .... bedecke geschlachtete Stiere, denn die Erfahrung lehrt, dass aus faulenden Leibern gar oftmals Blüthen suchende Bienen entstehen .... Desgleichen Vergil (Georgica IV 281—314 und 541—558). Von diesem Volksglauben hiess die Biene auch 'rioysvy;?, die Stiergeborene.*) — Aus diesen Stellen wird nun abgeleitet, dass nach der Vorstellung des Erzählers der Simsongeschichte jene Bienen ein Erzeugniss des verwesenden Löwenleibes selbst gewesen seien. Unter dieser Voraussetzung gewinnt das Räthsel an Prägnanz: ״Süssigkeit geht hervor aus dem Starken“, und die Möglichkeit des Errathens ist in dieser volkstümlichen Vorstellung gegeben; denn jedes Räthsel setzt voraus, dass die zum Rathen Aufgeforderten die Frage überhaupt beant- Worten koennen. — Darum wird die Lösung wieder in Frageform gegeben? ״Was ist süsser als :Honig, was stärker als der Löwe?“ Die Spitze des Räthsels liegt in den Pointen עז und מתולן; auf das מהאוכל יצא מאכל wird nichts geantwortet, weil das Entste hen der Bienen aus Stieren bekannter Volksglaube war: dass diesmal ein Löwenkörper die Geburtsstätte des Honigs gewesen, war das novum. R. *) Baron von Osten-Sacken, glaubt, dass diese Vorstellung seine Entstehung einer Verwechslung der Biene mit der ihr ähnlichen Aastiiege (Eristalis tenax) verdanke, die allerdings ihre ' Larven in Misthaufen, verwesendem Aas u. dgl. entwickeln.