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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-06-23 · N° 26. (23.6.1887) · p. Seite 100

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 26. (23.6.1887)
Date
1887-06-23
Page
Seite 100 (sequence 2)
Language
German
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_ 100 — Oelgemälden, Autographien und der sonstigen interessauten Reliquien genauer beschreiben, doch würde dies zu weit führen. Wir laden vielmehr alle diejenigen, die den Wuusch hegen, mit eigenen Augen diese Antiquitäten zu sehen, ein, dies ohne Zögerung zu thun, da die Ausstellung schon in wenigen Wochen geschlossen wird. Ch. Harmlose Lagardeana. Von 1)1■ Krön er, Rabl), in Rramlenburg a. d. Ji. VI. Nachdem Meister L. mit seinen poetischen ״Embryonenbauereieu“ die erstaunte Welt entzückt und beglückt, giebt er der Erwartung Ausdruck, Uubefangene würden mit Hinblick auf solche Proben nicht anstehen zuzugebeu, dass Zunz’ Uebersetzungen nicht durchweg treu sind; man hätte eigentlich, lügt er hinzu, das Recht, sich stärker auszudrückeu. (S. 142.)' Bravo, bravissimo, Maestro! Jawohl, fast alle Ueber- Setzungen aus alten und neuern Sprachen sind so wenig treu, dass man wohl sagen darf, sie ״fälschen und iügen “. (Cfr. S. 1 11 Anmerkung, die nach S. .180 ״bescheiden ,zu’ Seite tritt.“) Sehen wir uns z. B. nur so eine ungetreue Uebersetzung des Anfangs von Xenophons Anabasis an — wir haben diese Stelle so eben mit einem Schüler durchgencmnien, der sie, gleich den ״Fälschern und Lugnern“, also übertrug: Dnrius ujkI l’nrv salis haiten zwei Si׳lme:!lei• ältere war Arlaxorxes. 11er ji111e;ere Cyrus Als Darins kränkelte und das Lebensende vuraussali. wünschte er. dass beide Söhne in seiner Nähe wären. Der ältere war zutällig zuzeiten“ eie. Wir bemängelten diese Uebertraguug als ungetreu, lasen dem Knaben mehrere Uebersetzungen unseres Meisters L. vor, empfahlen ihm dessen Treue, und alsbald übersetzte der verteufelte Junge unter bedenkliehen Lachexplosionen: ״Dos Darcios und der I’arysatis Kinder werden (y:yv0VTZ1) zwei, älterer einerseits Artaxerxcs, ,jüngerer andererseits Kyros. Als aber kränkelte Darcios und vermutliete Knde des Lehens, wollte er, die beiden Kinder beide gegenwärtig sein. Her einerseits nun ältere daseiend trat sich‘• ('()jtsv Ojv r. 21(07 ן iTjyyavs) etc. Welche .gewissenhafte Treue, welcher ästhetische Genuss, welcher grossartige Gewinn für Wissenschaft und Leben! Wer fühlt und sieht das nicht bosonders bei dem participiumgesehmückten Satze: ״Der einerseits nun ältere daseiend traf sich“? Fürwahr, Jugend hat keine Tugend — da sitzt der Schelm, noch immer Thränen lachend, und bemerkt mir, demnächst wolle er mit lagardeaniseher Treue dem Französischlehrer ״mainten a 11t“ durch ״handhaltend“ wiedergebeu! Doch kehren wir zu dem alten Griechen zurück. Die 1 )arstellungsweise der Anabasis gilt als herrlieh, zweifellos sogar bei Herrn L. Wollte nun Jemand von der sogenannten treuen Uebersetzung derselben auf das Original schliessen und sich die Bemerkung erlauben, dass er für Leute, welche dasselbe bewundern, ״keinen Platz in Deutschland finde“: so würde ihn Herr L. sicherlich einen Abderiten nennen. Aber verhält sich denn Herr L. den Piutim gegenüber anders? Doch wir haben vergessen, dass es sieh hier um jüdisches Schriftthum handelt. Das muss ja als solches ״Unrath“ sein. (), welche Bereicherung würde das antisemitische Schimpflexikon erst erfahren haben, wenn Herr L. die in unserra vorigen Artikel angegebenen Liturgica in jüdischen Schriften aulgegattert hätte! Ja, dann würde er nicht! nur in Deutschland, sondern auf der ganzen, weiten : Erde keinen Platz für uns finden. Und doch sind! die, jene Liturgica enthaltenden Gesangbücher von hohen Consistorien und andern hohen ■Würdenträgern j empfohlen und weit verbreitet. Wir ersuchen Herrn ' L. wiederholt, sich davon zu überzeugen, wie wir I ״Asiaten“ über die betreffenden Lieder, welche ״Euro- 1 päer“ verfasst haben, urtheilen, nicht etwa aus Scheu l vor dem Konflikt mit gewissen Strafgesetzparagraphen 1 — leben wir doch in einem Rechtsstaate, in welchem j uns ganz dasselbe zusteht, was Herr L. sich erlauben : darf — sondern aus Scheu vor der Verletzung des j religiösen Gefühls derjenigen christlichen Mitbürger, denen jene Gebete heilig sind. Eines der grossartigsten Speciinina eruditionis eines Professors finden wir auf S. 113, wo Herr L. 5. M. 23,20 und 21 deutet. Kein Wunder, da=s er es so weit gebracht. Wendet er doch angeblich (S. I •">!)) ein Leben von Arbeit•, Opfern und Entsagung (und dieses entsagungsreiche Leben wird durch ״ kaufliehen Erwerb asiatischer Zahlnummern“ noch entsagungsreicher!! an die Erforschung des Judenthums. Schade nur, dass er dieser Erforschung in Wolkenkukuksheim (.Wfs/.ox«׳./־.׳jylzi «ich hingiebt und demgemäss das Ergebniss derselben sich gestaltet. Alle neuern und altern Erklärer jener Deuteronomiumstelle, wie u. A. Herxheimer, Abravauel, Storno, Talmud babyl. Synhedr. 25, Baba rnezia TO, Mackoth 2 t 1 ״Der Fromme verleiht sein Geld selbst Heiden ohne Zins.“) kennt Herr L. nicht, oder will er nicht kennen, denn es muss ä tout prix ״der Wucher den Juden von ihrem Gott warm und unmissverständlich an ihr hartes Herz gelegt worden“ sein. Erröthet Herr L. wirklich nicht, wenn er sich nach solcher Blasphemie ausser den gedachten Erklärern Ps. 15, 1—5; Spr. 28,8; Jechesk. 18,13 (wo Gott den Wucherer dem Mörder gleichstellt, 'דמיי — י!) ansieht? Und die Juden selbst müssen ä tout prix an den Verfolgungen, die sie im Mittelalter erduldet, selbst schuld sein. Dies ist einer der Hauptgründe, weshalb Herr L. das Mittelalter verhimmelt. "Warum sagt der Herr Professor nicht ganz offen, die Juden früherer Zeiten hätten sich selbst vom öffentlichen Leben, von Ackerbau, Handwerk, Kunst und Wissenschaft ausgeschlossen, sie wollten nur wuchern oder Zickelfeilchen handeln, wie ihre Voreltern in Palästina es thaten, diese hätten nie Ackerbau oder Handwerke betrieben, die gegentheiligen Zeugnisse der heiligen und sogenannten profanen Schriften seien falsch? Der allein unter allen Menschenkindern ״könnende “ Herr L. meint!das.): Unsere Dichter — die Wolfram wie die Walther etc., von denen vermuthlich Lipman und Abraham nicht einmal wissen, dass sie existirt haben, diese alle stehen mir zu hoch, als dass ich sie, mit denen ich Tag für Tag umgehe, gegen den Unverstand und die Lieblosigkeit zugewanderter Asiaten zu vertheidigen für nötliig hielte; eine Zeit aber, die diese Menschen hervorbrachte und verstand, ist mit nichten ein ״grosser garstiger Fleck in der Geschichte der Menschheit“ Gvie A. Geiger behauptete). Nun, P . doch nein, überlassen wir eine solche Sprache den dames de la halle und ihresgleichen . . . Herr L. darf sich versichert halten, dass selbst Leute, die ihr bescheiden Wissen dem der Zunz und ahnlicher ״Asiaten“ gleichzustellen sich nicht vermessen, von Wolfram und Walther etwas mehr als ihren Namen wissen. So kennt zum Exempel unsere Wenigkeit ein Gedicht von Walther, dem ״süssesten Liedermunde des Mittelalters“, das — wir meinen das Gedicht, nicht das Mittelalter — Herrn L. gewiss schon manche trübe Stunde bereitet hat; widerstreitet es doch der gauzen Lebens- und Weltanschauung des Herrn Professors:

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