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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-05-26 · N° 22. (26.5.1887) · p. Seite 84

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 22. (26.5.1887)
Date
1887-05-26
Page
Seite 84 (sequence 2)
Language
German
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— 84 — einzig und allein gegeben. Dieselbe Humanität, welche Wohlwollen, Güte, Liebe gegen die Mitgeschöpfe fordert, ist es der objsctiven Realität nach, welche auch die Belastung, die Nutzbarmachung, die Tötung, ja die Vernichtung der Schädlichen derselben vorschreibt, und überall, wo die Humanität selber höhere Forderungen aufstellte, wird sie selber die niedrigem Forderungen des Wohlwollens und der Liebe zurückziehen. Wenn dies noch paradox erscheint, 80 möge folgende Betrachtung zu Hilfe kommen Die Li9be, ist die unbedingt höchste Forderung der Humanität; aber eben — der Humanität. Da diese, die Humanität, die Gesetzgeberin der Liebe ist, so ist mit ihr die Unbedingtheit durchbrochen. Jedes noch so unbedingte Gesetz eines Gesetzgebers ist bedingt von dem Willen des Gesetzgebers. Das Wohlwollen gegen Pflanzen und Steine hat — das sieht jeder ein — nicht seinen Grund in der Mineralität und Botanität. Aber eben so gewiss ist es, dass das Wohlwollen gegen die Thiere nicht im Gefühle der Thiere, sondern im Gefühle der Menschen, nicht in der Animalität, sondern in der Hum.tnität seinen letzten Grund hat. Ware deim nicht so, die Vegetarianer hätten das Anrecht auf Weltherrsch aft. — Ist aber die Humanität die höchste Gesetzgeberin in allen Sachen des Wohlwollens gegen die Thiere, so ist sie eben Gesetzgeberin, und die höchste Instanz wird nicht die Thierheit, sondern die Menschheit sein müssen. — Wir wollen schon jetzt darauf hinweisen, wie schon in dem Namen: ״Thier-Schutz-Voroin״ sich das falsche Humanitäts-Princip der Thierschützler roanifestirt, und es ist wohl paradox, aber wahr: ein ״Thier-Schutz-Verein“ ist genau genommen, und unter Umständen ganz reell, ein Verein gegen die Humanität. — Das Judenthum steht auf dem Humanitäts-Standpunkte; die Thier- Schutz-Vereine stehen auf dem Animalitäts- Standpunkte. — (Schluss folgt.) Zur Erd* und Feuerbestattung in der Bibel. Schlussartikel vou Rabbiner Dr. Wiener- Oppeln. (Schluss.) Wir kommen nun zur Hauptbeweisstelle, die ein unwiderlegbares Zeugniss für das von mir Behauptete ist. Wir lesen nämlich 1. Sam. 31, 12 u. 13: ״Die Jabesiten nahmen die Leichen Saul’s und seiner Söhne und verbrannten sie, und sie nahmen deren Gebeine und begruben sie.“ Hier haben wir, was jeden Zweifel an stattgehabter Cremation ausschliesst, den Accusativ ושרפו אתם, Auf das אתם gestützt, weist der hervorragendste Mischnah-Commentator R. J. Heller (Pess. 4,9) jeden Einspruch, dass nicht die Leiber, sondern Specereien verbrannt wurden, mit aller Entschiedenheit zurück. Dass man nicht auch die Gebeine verbrannte? Vielleicht war man zu jener Zeit in der Pyrotechnik noch nicht so weit, wie die Moabiten zur Zeit des Propheten Arnos (2,1), die die Gebeine des Königs von Edom zu Kalk verbrannten.*) Herr *) Die Rüge (1er Schrift, auf die sich Dr. Steck No. 1 beruft, gilt der unbarmherzigen Grausamkeit, einen Menschen, einen König zumal, bei •lebendigem Leibe zu verbrennen — das ״ לשידzu Kalk“ ist ausschmückende Schilderung — beweist aber nicht, dass die Cremation einer Leiche als etwas Beschimpfendes und dergleichen angesehen wurde, ebensowenig ist, wie Dr. St. meint, aus 1. B König 13,2 oder 2. K. 23, lt; zu ersehen, dass in der Verbrennung dort vorzugsweise eine Beschimpfung manifestirt werden sollte, es sind dort vielmehr d 3' Worte עליך und על המזבח besonders zu betonen, weil die Dr. Steokelmacher beruft sich auf 2. Chr. 10,12, dort sei ja nicht vou einem Verbrennen die Rede. Selbst wenn, was aber durchaus nicht der Fall zu sein braucht, — weist doch selbst ein 80 orthodoxer Commentar, wie מנחת ערב, in den rabbinischen Bibeln zu 2. Chr. 10,12 auf das וישרפו אתם im Buche Samuel hin — die Chronik mit unserer Stelle in Widerspruch stünde, so würden wir doch, und wenn wir auch nur ein Minimum kritischen Geistes besässen, den Büchern Samuels, wie allen andern Büchern, eine grössere Autorität als der Chronik vindioiren. Dann beruft sich Dr. St. auf Jonathan, der unsere Stelle wiedergiebt mit וקלו פליהון כמא דקלו ער מלכיא und geht gar so weit, die Hypothese aufzustellen, dass unserem Targum wohl eine andere Lesart statt der unsrigeu וישרפו אותם Vorgelegen habe. Warum über das eiafache hiuausgehen, ist nicht im Gegentheil luoe meridiana clarius, dass bei unserem Paraphrasten eine tendentiöse Aenderung vorgenommen wurde, um nur die ihm unsympathische Cremation aus dem Texte zu elimiuiren, sind nicht dergleichen tendentiöse Um- Schreibungen vorgenommen worden, um nur ja eine gewisse Idee oder Institution nicht aufkommen zu lassen oder zu unterdrücken? Sind nicht zu diesem Behufe sogar manche Textänderungen vorgeaommen worden? Warum wollen unsere jüngeren Theologen oft römischer sein als Rom? Weist doch selbst der hochorthodoxe Abarbanel die Unterstellung Jonathaus zurück und schliesst sich der Annahme Kimchi’s an (ohne ihn zu nennen), dass es in dem vorliegenden Fall opportun war, die Leiche zu verbrennen.**) Wäre aber die eigentliche Beerdigung, wie wir immer hervorgehoben, nicht blosse, wenn auch noch so allgemein anerkannte und recipirte Institution (מנהגא בעלמא), sondern eiu strictes pentateuchisches Gebot, die Cremation dagegen eiu himmelschreiendes Delict, so. durfte auch die Leiche Sauls und seiner Söhne trotz/ aller Opportunität nicht verbrannt, sie musste beerdigt werden, und diejenigen, die entgegen gehandelt, die Jabesiten, anstatt von dem frommen Psalmisten belobt uud gepriesen, mussten als ״Abtrünnige“, als solche, ״die weder auf Erden, nooh im Himmel Verzeihung erlangt hätten“, hingestellt werden. Kehren wir nochmals zu R. Joncow Heller zurück, der an der citirten Stelle die Verbrennung, weil sie an einer Königsleiche executirt wurde, als ein Verbrennen durch Einbalsamirung praesumirt. Nach seinem Vorgänger Abrabanel (zu 1. M. 50) nimmt er an, dass das Wesen der Einbalsamirung darin bestanden habe, dass man den Körper mit ätzenden Specereien anfüllte, die die Fleischseite nach und nach ganz verzehrten, 80 dass nur die Gebeine übrig blieben, die alsdann verbrannt wurden. Man erkennt allerdings alsbald den Widersprueh zwischen der Dar- Stellung des Wesens der Einbalsamirung bei Abrabanel und Heller und der Schilderung bei Herodot, wonach die Einbalsamirung nicht wie bei jenen die Auflösung und Aufzehrung, sondern im Gegentheil die Conserj virung der Fleischtheile bezwecken sollte.*) Lassen, I fal scheu Propheten den Altar durch Götzenopfer entweiht hatten,! darum soll auf demselben Altar ihr Gebein vernichtet werden! was nur durch Verbrennen zu bewirken war. | **) Wenn anders der den rabbinischen Bibeln beigedruckte j Cummentar zu den Büchern der Propheten unter dem Namen ■ פירוש ר״ ישעיה wirklich R. Jesajali Trani dem Aeltern ange- | hören sollte, so bleibt es bei seiner nicht genau präcisirten I Ausdrucksweise zu unserer Stelle zweitelhntt, ob nicht schon 5(X) Jahre vor Heller die Veibreiiuung Sauls als durch Balsamirung mit ätzenden Ingredienzen, die das Fleisch nach und nach ganz verzohren, angenommen wurde. *) Sollte es aber nicht doch auch eine Art der Einbalsamirung gegeben haben, wie die, welche Abrabanel uud Heller praeeumiren und die bei Joseph in Anwendung kam, die in der That die Aufzehrung, ״Verbrennung“ der Fleischtheile bezweckte,

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