Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 22. (26.5.1887)
- Date
- 1887-05-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 22. Jüdisches Jahrg. XVI. u eratur-Blatt. Xir Releirhtng aller Jideitk«« «ad Jadm betreffend•• HtterariNCtae* Er- •«hei■■***■ •■f de■ Gebiete der Phil»* ■ >ph!e, Qearlifrfcte, KthaögTÄphle, Tleo* logle, Oriental!*, Kxegeee, flOMlIetlk, Llfnrgtk, PAdagoglk. Herausgegeben מס▼ Rabbiner Dr. Moritz Rahnier. 01t׳chj3eGn1׳<j, 26. §1£ai 1887. Bicher der elnstlilägigen l.ltteratiir,welche der Redart.oh ungenandt werden, finden in dienern niatte eingehende Henpreehnng Be! Eineenrtnn* ▼on *wei Recennlonn* Exemplaren erfolxt einmalige knrse GratiN-Innertlon. Das ״Jüdische Litteratar-ßlatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Hark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — Inserate werde• mit SS Pf. liir die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 16 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Smr Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 25 Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Die Agitation gegen den jüdischen Schlachtritus und die Humanität. Von Landrabbiner Dr. Goldschniidt-Birkenfeld. II. — Zur Erd- und Feuerbestattung in der Bibel. Schlnssartikel von Rabbiner Dr. W iener-Oppeln. Litteraturbericht: Recensionen: Rosin, Dr. David. Reime nnd Gedichte des Abraham Ihn Esra. Litterarische Notizen. Berichtigung._ Nachdruck nur mit -voller Quellenangabe gestattet. Die Agitation gegen den jüdischen Schlachtritus und die Humanität. Vom Landrabbiner Dr. Goldschmidt-Birkenfeld. r 11י. Als Josua das starkbefestigte Jericho zu belagern sich anschickte, erzählt die Bibel, da erblickte er einen Engel mit gezücktem Schwerte in der Hand, und Josua fragte ihn: ״Stehst du zu uns, oder zu unsern Feinden“? Human ität — herrlichster, lieblichster Engel der Geßchichte: ״Stehst du zu uns oder zu unsern Feinden?“ Dein strenger Bruder: ״Recht“, hat sein ernstes Antlitz uns zugewandt, (vgl. Lit.-Bl. No. 13: ״Der Recbtsslandpunkt etc.) er will nur da wohnen, wo seine Schwester: ״Pflicht“ wohnt; im Reiche der Thiere fühlt er sich als einen Fremdling. Humanität, Menschlichkeit — reichen deine Fittige, zu unserer Venirtheilung, über das Menschliche hinaus? Sollte das Judenthum, das dein edles Bild zuerst erschaut, dein Panier zuerst den Völkern entrollt hat, um sie, die Hassenden, zur Menschheit zu einigen, — sollte das Judenthum in deinen Zügen so falsch gelesen haben, dass es nun vor seinen späten Schülern im Glanze deines Angesichtes beschämt dastehen musste? Sprich dein Urtheil, dein ״Rein“! oder ״Unrein*! Und wenn du dein Gesicht von uns abwendetest — oder du hast es uns soviele Jahrhunderte des Mittelalters abgewandt, dass es nicht zu verwundern wäre, wenn uns einige Züge deines Bildes verloren gpgangen wären! — Doch r.ein, du lächelst, du wendest uns freundlich deinen Blick zu, und nur ein Seitenblick des Mitleids auf den ״Ankläger zur Rechten“ des Judenthums trübt deine heitere Stirne — o so sprich es aus, dein ״Rein“, deine Billigung, damit unsere Feinde, unsere späten Nachbeter, nicht Schüler, es hören, und in sich gehen, und sich schämen vor deiner himmlischen Glorie! — — Humanität, Menschlichkeit ist, als psycholo- *> Art. I siehe, in No 1 gisches Gebilde, das Gefühl der Theilnahme an fremder Freude und an fremdem Leid; als ethisches Moment, als Postulat der Moral, die Pflicht: fremde Freude und fremdes Leid mitznfühlen, erstere zu schaffen und möglichst zu erhöhen, letzteres zu verhindern oder möglichst zu vermindern. Die Pflichten des Rechtes sind historisch geworden, wenn auch mit Naturnothwendigheit geworden, aber doch nach Umständen verschieden aus der Wurzel der Gegen seitigk eit■ geworden. Darum sind die Pflichten des Rechts immer nur hypothetischer Natur, wechselnd nach Zeit und Umständen und der Beschränkung auf die Sphäre der Gegenseitigkeit fähig. — Anders ißt es mit den Pflichten des Wohlwollens, mit dem Gebote der Liebe, mit den Postulaten der Humanität: die Wurzel dieser ethischen Sphäre ist die eigenste Natur des Menschen; unabhängig von aller Aeusserlichkeit und Gegenseitigkeit, von aller Gesinnungs-Verschiedenheit der Personen, auf die sie sich bezieht, und aller Verschiedenheit der Objecte, will die Humanität Herrscherin sein: seit st der Pflanzenwelt, selbst der leblosen, indifferenten Natur, selbst dem Feinde gegenüber macht sich die Pflicht der Humanität geltend. Es geht also absolut nicht an, die Thierwelt von der Sphäre der Humanität auszuschliessen, wie wir dies von der Rechts-Sphäre nachgewiesen haben. Im Gegentheile, die edelsten und zartesten Blüthen der Humanität — wenn auch nicht die bedeutsamsten — erscheinen in den Regionen, cie unter der Sphäre der Menschenwelt liegen, da wo der Mensch von seinem Gefühle dem Fühllosen leiht und mit seinem Herzen das Empfindungslose beseelt. Aber auch die Pflichteu-Sphäre der Humanität hat ihre Grenze an den . . . Gienzen der Humanität, an den Schranken der Menschheit. Das übergrenzte, unendliche, bedürfuisslose, keiner Schranke unterworfeue höchste Wesen ist der unendlichen Liebe und Allgüte fähig, so dass selbst die Grenzen der Liebe und Güte ausschliesslich Liebe und Güte bilden, uud die Vernichtung eines Geschöpfes einem andernGeschöpfe, und Dicht etwa einem Egoismus des Schöpfers zu Gute kommt. Bei den begrenzten, den Schranken des Bedürfnisses mit Nothwer digkeit unterworfenen Menschen hat das Wohlwollen und die Liebe, hat die Humanität ihre Grenzen an den unerbittlichen Gesetzen des Egoismus; ״der Hunger und die Liebe“ das sind die beiden, gleicherweise berechtigten, vom Schöpfer selbst mit gleicher Macht und Hefugniss ausgestatteten, Kehrseiten der Humanität. — Darin ist das moralische Element des Privilegiums , der Menschheit über die Thieiwelt uud deren enipfinj dungsiosen Schwestern: Pflanzen- und Mineral-Welt,