Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 21. (19.5.1887)
- Date
- 1887-05-19
- Page
- Seite 80 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Beziehung lockern; sie müssten wünschen: Fort mit der Liebe zu den Grosseltern, sie schwächt die Liebe zu den Eltern! Fort mit dem Bürgersinn, er schwächt den Familiensinn! Fort mit dem Christenthum, es hat sich vom ״asiatischen“ Judenthum die kosmopolitische Lehre der allgemeinen Menschenliebe wärtlieh angeeignet und schwächt darum die Vaterlandsliebe! Fort mit uns Professoren selbst, die Geschichte unserer Wissenschaft erinnert uns an so Vielerlei, das vir andern Völkern zu verdanken haben, au so Vielerlei von ihnen, das zum Aufbau unserer Wissenschaft unentbehrlich ist, diese Erinnerung verpflichtet uns zu Anerkennung und Dank, und die Anerkennung und Würdigung fremdländischer Verdienste führt zum Kosmopolitismus uud schwächt ebenfalls nnsern Patriotismus Das wäre Consequenz. ähnlich derjenigen eines dentschtlnimelnden Elementar-Mathematikers, der seine Schüler bi' zum pythagoräischeu Lehrsatz einschliesslich führen sollte, die Behandlung desselben aber dem Kollegen der höheren Klasse überliess, weil er es nicht über sein urgermanisches, natiouallieiliges llerz bringen konnte, ״fremdländische Weisheit“ zu lehren, uud, als ihm aus der Geschichte der Mathematik begreiflich gemacht ward, dass er alsdann konsequenterweise gar nicht lehren, ja nicht einmal die!arabischen) Ziffern sein eiben dürfe, sich höchst unglücklich fühlte und seinen Beruf verwünschte. Das Verhalten dieses Mannes, der sich für einen grossen Gelehrten hielt, gemalmt9 uns an die herrliche Wahrheit, die in der Job.-iade ausgesprechen wird: ״Denn es trifft leider manchmal ein, Dass grosse Gelehrte meist Narren sein.“ An diese herrliche Wahrheit dachten wir auch in netterer Zeit, Angesichts gewisser Erscheinungen in sogenannten Gelehrtenkreisen gar oft. — Nachdem uns Herr L. kund und zu wissen gethau, dass es ihm unbegreiflich sei, wie sich Rückert überhaupt als Deutscher habe fühlen können, da er der folgerichtigste Kosmopolit war, den mau sich denken mochte, fährt er buchstäblich fort: ״Aber es war hübsch leben mit ihm“. ״Aber“ ist bier doch gut. Der Herr Professor meinen so: Obgleich Rückert auch Kosmopolit war, so war es dennoch hübsch leben mit ihm; denn es ist hübsch leben sonst nur mit einem fanatischen Nationalisten, sei es ein deutscher oder ein französischer. Letzterem wird Herr Lagarde gewiss ebensoviel Existeuzberechtiguug zusprechen, wie Herr Bötticher ersterem. Wir freuen uns übrigens ungemein über Herrn Lagarde’s Andeutung, dass er auf dem Gebiete des geselligen Lebens, des Hübschlebens, es neben einem Gelehrten noch erträglich finden konnte, nachdem er zu seiner höchsten Beseligung so oft mit Handwerksbursehen und Tagelöhnern sich unterhalten. ״Aber“ Herr L. ist nicht immer so waschecht national, zumal wenn er eben erst vom Kosmopolitismus gesprochen; der Kosmopolitismus scheint für Herrn L. doch etwas kontagiös zu sein. Oder bekundet es vielleicht nationale Gesinnung, wenn Herr L. S. 95 den Glauben, dass in Preusseu ein unabhängiger und das Rechte, niemals sich, wollender Mann — wie er nämlich, der verkannte Herr L. — schliesslich doch wie ein Stern hinter Wolken aufgehe, als närrisch b zeichnet? S. 9׳i wird behauptet, Rückert hätte zu weite, unmögliche Ziele gehabt, die Sprache aus den Sprachen, die Menschheit aus den Völkern zu erkennen, darum habe er kein Ziel erreicht. Herr L. hat sich freilich ein engeres Ziel gesteckt, und darum hat er es erreicht: das ״Vogel-Strauss-System“. Von der Erkenntuiss der Sprache aus den Sprachen, und der Menschheit aus den Völkern will er nicht die blässeste Ahnung haben, für ihn existiren die bezüglichen, der ganzen wirklichen Gelehrtenwelt imponirenden Forschungsergebnisse ebensowenig wie für Herrn Prof. Siegfried.! Allerdings haben gewisse Gelehrte nicht ohne Grund eine entsetzliche Angst vor der Verbreitung der Wahrheit, dass die Sprachen auf einen gemeinsamen Ursprung zurückzufiihrsn sind; aber die jenen Herren so unliebsamen Konsequenzen aus dieser grossartigen Wahrheit lassen sich doch nicht verbergeu; sie treten ja doch auf andern Forscbungsgebieten zu augeniällig hervor, als dass sie weiteren Kreisen von engherzigen Philologen verheimlicht werden könnten. Wir haben uns diesbezüglich bereits in unsern ״Federzeichnungen“ dos Näheren geäussert, uud weuden uns nun zu dem Aufsatz ״Lipman Znnz uud seine Verehrer.“ (Fortsetzung folgt.) Zur Erd- und Feuerbestattung in der Bibel. Schlussartikel von Rabbiner 1)1\ Wiener- Oppeln. (Fortsetzung st. Schluss.) Untersuchen wir jetzt, ob uud wo sich in der Bibel Fälle vou, wenn auch noch so selteu, an Lebenden als Strafurtheil oder an den Todten stattgehabter Cremation vorfinden. 1. AI.;18,2-4 — also uocli vor der sinaitischen Gesetzgebung — sollte Thatuar wegen eiues ehelichen D-dicts mit dem Verbreuuungstode bestraft werden. Nach der sinaitischen Gesetzgebung ist ebenfalls 3. AI. 20,14 und ibid. 21,9 von einer Bestrafung mit dem Feuertode die Rede. *) Wenn auch nicht sündhaft uud strafbar, so war einem grossen Tlieile der Tahnudisteu die Cremation, weil sie sie bei Heiden iu Gebrauch sahen, jedenfalls unsympathisch, und desshalb wicheu sie — im Gegensatz zu den Sadducäem - - von dem einfachen klaren Wort in der Schritt ab und ersannen eine andere Todesstrafe des Verbiennens: durch Einflössung von geschtnolzenem Blei. Und dies giebt uns den Schlüssel für die unter sich dissentirenden Versionen bezüglich der Schriftstelleu, die von Cremationen au Leichen handeln. Sehen wir uns jetzt iu den ausserpentateuchischen Büchern um. — Josua 7,25 lesen wir: Achan und seine Angehörigen, wurden, weil er eine Untreue begaugeu, verbrannt, und auch vou Steinigung ist dort die Rede. Wir sehen schon hier, wie, wenn auch nicht Sympathie, doch Antipathie auf die Uebersetzung ihren Einfluss geltend machte, der eine Codex ignorirt nämlich gäuzlich das רשרפו אותם באש und reflectirt blos auf die dort erwähnte Steinigung sA'.ib'HXrj^xv aöxöv -ä; Tap£r(X; eine andere Handschrift dagegen hat allerdings auch xa! xxxexa'jaxv £v 7vjpl. So excludirt Raschi den Achau vom Verbrennen und bezieht dies nur auf dessen irdische Besitzthümer, während Jonathan uud andere jüdische Exegeteu auch die Verbreuuung des Achan anuahmeu, getreu dem Wortsinn, der ja hierüber V. 15 gar keiuen Zweifel lässt, wo ja alle Codices wörtlich übersetzen xxxxxx'jlhjasxx: ev Ttopi aoxö; xai xxvxa etc. Ich übergehe jetzt die instructivste, die Hauptstelle über Cremation, 1. Sam. 31,12, auf die ich, als die sicherste, zuletzt zurückkomme, uud mache nur auf den Unterschied aufmerksam zwischen 1. K. 15,24 *) Auffallend ist, dass das sogenannte Thargum Jouathau nur an dieser Stelle :1. M. '20,14, nach Vorgang der pharisäischen Lehrer, gegen den klaren Wortsinu der .Schritt, ein Verbrennen durch Einflüssen geschmolzenen Bleies ("באתכות אבן) substituirt, während die anderen beiden Stellen wortgetreu von ihm übersetzt werden. Es zeigt sich schon hier, wie man zu versebiedeneu Zeiten verschieden über die Cremation gedacht.