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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-05-05 · N° 19. (5.5.1887) · p. Seite 72

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 19. (5.5.1887)
Date
1887-05-05
Page
Seite 72 (sequence 2)
Language
German
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— 72 — Harmlosfe Layardeana. Von Dr. Krön er, b'abb. in Brandenburg a. d. H. II.*; In der Einleitung zu seinen ״Erinnerungen an Friedrich Rückert“ (S 82) bemerkt Herr Lagarde, dass er vor! jeher ein einsames, trauriges Menschenkind gewesen sei. Es liegt uns fern, solche Klagen irgend eines Menschen, selbst eines Judenfeindes wie Lagarde, etwa in der herzlosen Weise der Antisemiten, die uns später noch beschäftigen wird, bespötteln zu wollen . . . Doch scheint uns, dass so ganz einsam und traurig das in Rede stehende Menschenkind nicht gewesen. Herr Lagarde selbst erhärtet diese Vermuthung. Weiter (S.!11) bekundet er nämlich in wahrhaft rührender Weise, wie ein guter Mensch mit dem Handwerksburschen und dem Tagelöhner ebenso gerne, ja• lieber rede, als mit dem Gelehrten. Wir wollen nun nicht untersuchen, ob der gute Mensch Lagarde mit seinem Lehrer Rückert, den er als Gelehrten so hochpreist, nicht mindestens ebenso gern geredet habe, als mit Handwerksburschen und Tagelöhnern; wir wollen nicht untersuchen, ob er jene Ansichtsäusserung so allgemein aufgefasst wissen will, wie sie gehalten ist: Thatsacho bleibt, dass Herr Lagarde au der Unterhaltung mit Handwerksburschen und Tagelöhnern eine besondere Lust gefunden und, da sich zu solcher Unterhaltung Jedem überreichlich Gelegenheit bietet, nicht gar so einsiedlerisch freudlos gelebt hat. Herr Lagarde zeigt uns ferner, dass ein guter Mensch nicht nur mit Handwerksburschen und Personen ähnlichen Standes, sondern auch von solcheu gern redet. Wie selig ist Herr Lagarde, wenn er von Nadelhelden und Küchenfeen plaudert! Glückstrahlend beschäftigt sich Herr Lagarde (Lipmau Zunz und seine Verehrer, S. 145) mit den Schneidergesellen, die am Sonntage ihre grosscarrierien Hosen, rothen Halsbinden und Talmi-Uhrketten vor Dienstmädchen spazieren geführt haben, und am .Montage sich rühmen, man habe sie gestern aller Orlen für Kavallerie-Offiziere in Civil angesehen. Entzückend, reizend das, zumal in strengwissenschaf&lich sein sollenden Mittheilungen eines Professors, nicht wahr? Wir begreifen sehr wohl, dass Herr Lagarde es rügt, wenn in Zunz’ Schriften irgend einmal ein Komma fehlt: Etwas apart Schönes und Begründetes ist die InterpunktionsweLe des Herrn Professors, der, zu jener Rüge also wie kein Anderer befugt ist. Ein Spezimen findet sich schon auf der ersten Seite der ״Erinnerungen“, woselbst (unten) in einer einzigen Satzverbindung von vier Zeilen nicht weniger als vier Kola stehen. Es ist bekannt, dass Göthe, wie er die Interpunktion Riemer und dem Drucker überliess, in derselben auch nicht genau war. Welches Verdienst würde sich Herr Lagarde um die gebildete Welt erwerben, wenn er in seiner Manier die Satzzeichen in Göthes Werken verbesserte! Herr Lagarde knüpft (S. 84) an eine merkwürdige Eriunerung aus seiner Jugendzeit eine ebenso merkwürdige Naturdeutung, die geeignet ist, die Gegenwart zu beschämen, tief zu beschämen, da eben kein Geringerer denn Herr Lagarde als laudator temporis acti auftritt: er ist ״so manchmal hinweggeschwitzt unter glühender Sonne — denn diese gute Alte meinte es damals noch besser mit den Menschen und hatte auch Ürsach — au Kartoffeln, rothen Rüben und Roggen, und Roggen, rothen Rüben und Kartoffeln vorbei.“ *) ln 1. bitten wir zu verbessern: S. 5Wb Julius Benzian, 8. 5'Jb, /j. 7 v. o. das Komma hinter ״deutsche“ weg und hinter ״wollte“ jresetzt! Etwaige andere Komma - Druckf ehler verbessern wir trotz Herrn L. nicht. Wenn wir nicht irren, glüht die Sonne auch jetz noch, meint ps also noch heutzutage gut mit den Menschen. Da aber die gute Alte in der Jugendzeit des Herrn Ligarde es noch besser mit den Menschen meinte, so muss sie damals noch viel intensiver geglüht haben, als heutzutage. Wie zutreffend ist diese Naturbeobachtung, wie naturwahr der entsprechende Ausdruck, wie zutreffend und begründet die Schätzung des ״Damals“ und des Jetzt! Wahrlich, kost-׳ liehe Perlen der deutschen Litteratur, nur Herr Lagarde konnte sie aus dem tiefen Grunde seiner reichen Phantasie hervorholen — eine Mühe, des Schweisses dieses Edeln werth, der unter glühender Sonne so manchmal ״hinweggeschwitzt.“ Wie grausam heiss muss es damals besonders in den Hundstagen gewesen sein, und wie manche Verheerungen wird die gute Alte wohl angerichtet haben, so gut sie es auch mit den Menschen meinte. Die guten Aiten, masculiui und feminini generis, können zuweilen in der besten Absicht recht grosse Thorheiten begehen. Dass der Herr Professor einen Vorrath von Kalauern gesammelt, haben wir bereits erwähnt. Schade < nur, dass er, seinem Geschmack ein so übles Zeugniss ausstellend, gerade die schlechtesten Witze in vorliegender Schrift bevorzugt. Am allerwenigsten glücklieh ist Herr Bötticher — wollte sagen Herr Lagarde — wenn er mit viel Behagen Namen bewitzelt. So wird S. 86 über Schleiermacher gesagt, dessen Tod habe gezeigt, dass der Abgrund, der schon damals gähnte, durch ihn, Schleiermacher, für die Gebildeten nicht überbriiekt, sondern nur ver schl ei ert worden sei. Ein herrlich Wortspiel: Sch leier mach er und verschleiert — ein noch herrlicher Bild: der verschieierte Abgrund! Was Herr L. ferner von Schleiermacher erzählt, ist uns total — verschleiert: ״Ich babe als Kind mehr als einmal auf des lebhafter;:,., kleinen, verwachsenen Mannes Schosse gesessen. Trotz seiner Leutseligkeit war Schleiermacher unnahbar, und Sandtorte und Graves, die er freundlich von seinem Frühstücke abgab, schienen mir nur Lockspeise, mit der ich gefangen werden sollte.“ Also: Schleiermaoher war ein warmherziger Kinderfreuud, ein leutseliger Mann, und dennoch war er unnahbar; und trotz dieser Unnahbarkeit wollte er Lagarde durch Sandtorte und Graves anlocken, fangen. Es geht doch nichts über die Klarheit, über die Logik gewisser Professoren. Was Wunder, dass ein so klardenkender Mann schon als Kind Alles, was ihm unklar vorkam, verabscheute. Unmittelbar nach der ebenbesproohenen Stilblüthe sagt Herr Lagarde י wörtlich: Schleiermachers höchst sonderbare Art sich auszudrücken liess mich in meinem Kindskopfe überlegen, ob wohl bei dem kleiuen Menschen Alles richtig sei. Andern wird Herr L. doch wohl gestatten, auch etwas zu überlegen. S. 87 wird von den Berlinern gesagt, dass sie Alles anerkennen, was sich nicht fürchtet. Wie gut der Herr Professor nur die Berliner kennt! Das waren also gar keine Berliner, welche in der Residenz s. Z. die doch gewiss noch etwas mehr als furchtlosen Spender von Freibier, Freiconcerten und anderen ״Freigenüssen“ nicht nur nicht anerkannten, sondern in enschiedenster, unzweideutigster Weise über die Rückkehr zu mittelalterlicher Reaction, Klassen- und Rassenjagd ihr Urtheil bei den Wahlen und andern ׳ Anlässen abgaben. Ueber das religiöse Leben Berlins in den dreissiger Jahren hören wir: Ein Leben in und mit Gott kannte die Stadt als solche nicht. Da brach, da das Nichts zu todtenkopfhaft zum Fenster hereingrinste, das Streben dureb, die alte christliche Frömmigkeit wieder

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