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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-04-28 · N° 18. (28.4.1887) · p. Seite 68

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 18. (28.4.1887)
Date
1887-04-28
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
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— 68 — Wände, von keinem Fenster durchbrochen, einen düstern Eindruck machen, aber nach den Höfen und im Innern der Gemächer wird Glanz und Pracht eiltfaltet. Das ist ein Gleichniss des alten Judenthums; Israel konnte zu den Völkern mit den bekannten Worten des hohen Liedes sprechen: ״Düster bin ich, und doch lieblich, ihr Töchter Jerusalems, nach aussen bestäubt wie Nomadenzelte, nach innen prächtig wie Salomo’s buntgewirkte Decken.“ Da gab die Vorsehung, die so viele vortreffliche Männer uns in dieser Zeit gewährt hat, uns auch die Dichter, die in anmuthigen lebenswahren und lebenswarmen Erzählungen die schon im Entschwinden begriffeneu Bilder des altjüdischen Lebens festhielten und der erstaunten Welt zeigten, aus welchen Quellen die Juien dereinst dieHofluung und den Lebensmuth geschöpft haben. Sehr leicht stellte sich dabei heraus, dass der Jude auch lange vor der Einancipatiou keineswegs überall derselbe gewesen sei. sondern in der Eisenart des Volke? wurzelie, unter dem er lebte; die jüdische Gasse war eine andere im preussischeu Osten, eine andere in Boehmen, und wieder eine andere in Galizien, Rumänien und Russland. Alle diese Männer, unter denen sogar ein Nichtjude, der nur aus Liebe zu den Unterdrückten in das jüdische Wesen sich versenkt hat, besonders ausgezeichnet, alle diese Männer haben der jüdischen Religionsgemeinschafo grosse Dienste geleistet. Nicht nur die Andersgläubigen, die in eine Deuentdeckte poetische Welt eingeführt wurden, lernten besser urtheilen von dem alfjiidischen Leben; auch uns selbst und zumal der heranwachseuden Jugend that es noth, unsere Altvoderu im verklärenden Lichte der Dichtung zu betrachten. Wohl der tr.fflichste dieser Männer ist im vergangenen Jahre aus dem Kreise der Lebenden geschieden und in dieser Stunde der Erinnerung ziemt es Allen seiner zu gedenken, der uns die Eriunerung an die Väter, an die jüdische Gasse, durch seine Dar- Stellung lieb und werth gemacht hat. Leopold Kompert verdient es, dass sein Name in unsern Gotteshäusern gefeiert wird. Vor fünfundsechzig Jahren zur Maienzeit ist dieser Mann dem ein Hauch Gottes das Herz beseelt hat, den’ tiefes Empfinden und helles Denken und die mannigfachste Lebenserfahrung zum Dichter schuf, in einem böhmischen Städtchen zur Erde gekommen. Er hat die jüdische Gasse nich mehr in ihrem Urzustand gesehen; die Ideen Josephs des II., dieses grossherzigeu Fürsten, dessen einziger Fehler darin bestand, dass er sich überstürzte, dass er leider, nach dem Urtheil seiues grossen Rivalen, den zweiten Schritt stets zuerstgethaa, hatten über des Ghetto Maoht gewonnen und Hessen sich auch aus den Kanzleien der Regierenden nicht bannen. Ist ja noch heute der Josephinismus in unserem Nachbarlande der Name für den Geist der Aufklärung, den finstere Gewalten dort völlig niederringen möchten. Er sah das Ghetto im Entschwinden, er sah mit dem Auge, mit dem Herzen des Dichters die Kämpfe eines ueuen Geistes und der alten Ueberlieferung und hat davon mit Innigkeit, mit Worten, die sich dem tiefsten Gemüthe entwanden, dem deutschen Volke gemeldet; er hat dadurch das Ghetto für die deutsche Litteratur gewonnen und so Viele von dem Hasse geheilt, den sie als ererbtes Vorurtheil in sich trugen. Wir haben einen jüngeren Schriftsteller, dergleiohfalls die jüdische Gasse schildert, den möchten wir den Anatomen des Ghetto nennen, 80 unerbittlich zergliedert er das zum Theil verwilderte und verkümmerte Judenthum des Ostens; andere haben den Witz des Ghetto, den blendenden, den spaltenden, festgehalten. Leopold Kompert hat das tiefe Gemüth der jüdischen Gasse geschildert; denn dieser Mann hatte nicht vergebens in jungen Jahren zu den Füssen eines frommen talmudischen Meisters gesessen; zwar den Scharfsinn, den Berge versetzenden, hat er nicht in’s Leben hinausgenommen; von jenem echt talmudischen Geiste, der z. B. in jeder Zeile sich kund thnt, die Bernstein geschrieben und die darum dessen Schriften zu einer so interessanten, aber für den Deutschen etwas fremdartigen Lektüre macht, von diesem Geiste finden wir keine Spur in den Dichtungen Komperts, aber dafür sehen wir den felsenfesten Glauben des hochsinnigen Mannes an seine Religion, an die Mission des Judenthums; er stellt sich die kühnsten Probleme, er löst sie zuweilen anders, als einem religiösen Juden genehm ist, und doch können wir mit dem Dichter nicht rechten, weil er selbst in diesen Fällen nach seiner subjectiv dichterischen Stimmung Recht hat, weil er dabei dem Judenthum nichts vergiebt. Wie hat er zumal die Frauen des Ghetto dargestellt! In dieser alten Zeit, wo man von Frauenemancipatiou nicht redote, lag bekanntlich die Sorge um’s Haus, um die Jugend ungleich häufiger als jetzt auf den Schultern der jüdischen Frauen; sie sind demnach auch häufig der Mittelpunkt der Kompertsehen Erzählungen. Er schildert die Greisinnen voll Würde und Erhabenheit, die Mütter voll Tapferkeit und Tüchtigkeit, die Jungfrauen fröhlich und fromm, lebhaft und innig, licht und schlicht, von einem heissen und doch heiligen Empfinden durohhaucht. Kompert ist als Dichter nicht nur Künstler und Diener des Schönen, sondern er hat bestimmte praktische Tendenzen. Er wollte seine Stammesgenossen, die nur das Geschäft ua l den Geist caltivirten, hinrufea zur Pflege des Handwerkes und des Ackerbau’s; so idealisirt er zuweilen den jüdischen Bauern und Handwerker und karikirt ein wenig diejenigen, die sioh des Handels und der Mehrung ihres Wissens befleissen. . Das Streben war wohlgemeint, aber es ist vielleicht das Schwierigste, den Städter für die Arbeit des Dorfes zu bilden; es wäre ja besser, wenn die Juden, vielseitiger und auf mehreren Gebieten des bürgerliehen Lebens heimisch würden. Aber so nur der Handel ehrlich und das Wissensstrebea edel ist, so kann vom Standpunkt des allgemeinen Wohls kein Einwand dagegen erhoben werden, wenn sioh die Juden vorzugsweise diesen Zweigen widmen. Es ist kaum möglich im engen Rahmen einer religiösen Gedächtnissteier das volle Verdienst Leopold Komperts nach,, jeder Richtung hin zu würdigen. Aber das gerade ist sein Ruhm, dass es, wenu wir sein Andenken in einem jüiisohen Gotteshause feiern, dessen garnicht bedarf, denn wann wir nur dan Namen Leopold Kompert nennen, so steigen bei so Vielen Erinnerungen auf au erbauliche Stunden, der reinsten Freude voll, die seine Dichtung, die die Wahrheit im Gewände des Schönen, uns gewährt hat. Leopold Kompert hat es vor aller Welt erwiesen, dass von der jüdischen Gasse das Wort des hohen Liedes gilt: ״Düster bin ioh, und dennoch lieblich“, und nicht der geriugste Ruhm dieser Gasse ist es, dass eia Mann wie Leopold Kompert aus ihr hervorgegaugen ist. Seine Werke sind ia all© Sprachen der civilisirteu Welt übersetzt worden. Wie er um das Ghetto den Kranz der Ehren gewunden, so hat der Beifall der Besten unter seinen Zeitgenossen, ihm den Lorbeer verliehen, der so rasch nicht welken wird. Dieser Lorbeer gebührt dem Dichter, der bei der wärmsten Hingabe an den Geist der Zeit eine begeisterte Liebe hegte für Glauben und Sitte der Väter.

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