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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-04-28 · N° 18. (28.4.1887) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 18. (28.4.1887)
Date
1887-04-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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״ M 18. Jüdisches Litteratur Jahr g«XVI. Blatt. Zur BdeHthtaag aller JileitkiM ■•4 Jude■ betreffende■ litterarlsetae■ Er• •cbelnaagea a«f dem Gebiete der Philo- ■ophle, tiMchlehte, Ethnographie, Theologle, OrleoUJU, Eztgene, Homiletik, LltargU! Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahnier. 28. GLfiit 1887. Bficher der etneclilägigeii l.Itter.tur.welche der Kedaetion xngeeandt werden, Anden In dienern Hlatteeingehende Beaprechung Bei Klneendung von *wei KecenHlouN״ Kxeuiplaren erfolgt einmalige kurze Oratla-lnaertlon. Das »Jüdische Litteratar-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buohhandlungen!'in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschritt“ (die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mark kostet) erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt" gratis. — Inserate werden mit 8& Pf. iör die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit li Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. SMS־ Buchhändler, welche direct oder durch Robert Friese in Leipzig Inserate einsenden, erhalten 15•־ Rabatt. Inhn11: Wissenschaftliche Aufsätze: Zur Erinnerung an *Leopold Kompeit. — Der 110. Psalm. Historisch - kritisch bearbeitet von Arthur >S. Weissinann. (Schluss.) Li 11erat urbericht: 11 ecensionen: Lewin,Dr.M.Lehrbuch der biblischen Geschichte und Litteratur. — Bernhard Ziemlich. Dr. Das Mach&oi Niimherg. Ein Beitrag zur Erl'orschung des Ritus und der (.,cnimentarlitteratur des deutschen .Machsor. Nachduck nur mit ־voller Quellenangabe gestattet. Zur Erinnerung an Leopold Kompert.*) Wer vor einigen Jahrzehnten in einer grossen altjüdischen Gemeinde unseres Vaterlandes seine Jugend verlebt hat, der hat Erinnerungen in seinem Gynüth, so lieblich, so innig und von so heiterem Humor umflossen, das aus ihnen naturgemäss ein lebhaftes Heimatsgeluhl sich entfaltet. Pas eil förmige Flachland, in dem der grösste Theil der europäischen Juden wohnt, dessen Felder, dessen Städte sich wenig unterscheiden, ist sonst nicht geeignet, diese tesoLdeie Vorbei e für den Geburtsort zu ei wecken; man hat Anhänglichkeit am Vatejhause, an Verw׳andttu und Freunder, aber da sowohl die Flur wie die Stadt fast nichts Figenthümliebes bieten, da hundert Meilen vorwärts wie rückwärts die Lfcndscl aft und die Bewohner denselben Clarakter haben, so entwickelt sich derXokalpatriotismus nur selten. y Ganz anders war es bei den Insassen einer alten jüdischen Gemeinde, denn solch eine Gemeinde war eine Welt für sich, das war eine Stätte, wo gleichsam die Originale wild wuchsen, wo neben den Mustern hoher Tugend die drolligsten Menschen sich fanden, wo Frönmigkeit und Fröhlichkeit ein ganz eigenartiges Leben schufen. Dieses Lob soll natürlich nicht bedeuten, dass | irgend ein Mensch mit gesunden Sinnen sich nach dieser Zeit der Absohliessung zurücksehnt; der Jude ist im Allgemeinen kein romantischer Schwärmer, er giebt nichts füi’s Gewesene, l'ür’s Ueberlebte. Zudem 'var unseren Altvordern ihr Dasein karg und schwer;enug, und nur der wirtschaftliche Stolz, der mit dler Kraft sich anstrengte auf eigenen Füssen zu teilen, ״mit Ehren“ und unabhängig zu leben, nur lä?• geringe Maass von Bedürfnissen, das nicht viel grösser war als das des bekannten Philosophen in der (Tonne, und über Alles der fromme Sinn, der nicht ■ orzagte, hielt sie aufrecht. . *)_K«do bei der .Seelenfeier des Passahfestes. Was war das für ein Zustand, wenn zur Herbstzeit aus einer Gemeinde hunderte von Famlien vätern, mit dem Packen beladen, fortzogen und wohl ein halbes Jahr fern von den Ihrigen auf den Dörfern lebten! Die Frömmigkeit zwang zu einer Entsagung der einfachsten Genüsse, zu der ohne dies der schmale Beutel gezwungen hätte. Dort lebten sie in innigstem Verkehr mit den Bauern, die freilich nichts von Judenhass wussten, die es nicht übel nahmen, wenn die Wanderer ihre fremdartigen Gebete und Bräuche übten. Es ist merkwürdig, das Dorf, wo doch schlichte Frünnnigkeit am ehesten zu Hause ist, weiss heute so wenig wie in alter Zeit von dieser Giftpflanze, sondern dort war der Jude der Vertraute, der Eathgeber von Jung und Alt. Diese geplagten Leute, von ihrer Familie, von den Boden der Heimat getrennt, tuigen in dem schweren Pack etwas, was sie vor der Verwilderung bewahrte, jenes kleine handliche Buch, die heilige Schrift, die fast Jeder verstand, die ihnen Erbauung, Unterhaltung, Zerstreuung gewahrte, und auf den weiten Wegen summten sie die Synagogenmelodieu still vor sich her und behielten den Zusammenhang־ mit der Gesammtheit. Aber wenn der Frühling kam und das Fest sich nahte, da zogen sie alle zur Heimat. Bestäubt und beladen kamen sie heim, aber die auf dem Dorfe die Knechte gewesen, waren in der Gemeinde die Freien. Hier schritten sie stattlich und sauber, bedächtig und aufrecht einher; die jüdischen Studien wurden wieder aufgenommen, es gab so viele Betstuben; und so viele der Heimgekehrten hatten das Ehrenamt eines Vorbeters oder Vorlesers der Thora; welche Schande, wenn nicht etwa ein Wort falsch gelesen — das war fast unerhört — nein, wenn nur ein Schnörkel der traditionellen Melodie fehlte! Da trugen sie den festlichen Rock, der oft, wie er den Bräutigam unter dem Trauhimmel geschmückt hatte, noch zur goldenen Hochzeit vorhielt, der dann als Erbstück eine Wandlang eifuhr und einen jungen Knaben mit den verblassten Resten einstigen Glanzes zierte. Diese Zeiten sind entschwunden, und es ist gut, dass sie dahin sind. Indess sollten die uachgeborenen Ge־ schlechter nichts ei fahren von der Poesie, die in der jüdischen Gasse webte? sollten die nicht-jüdischen Landesgenossen, die nur die Knechtesgestalt, des alten Judenthums kannten, nichts hören von dem Lichte und der Freude, von der Heiterkeit, von dem frischen Sinn, der mitten unter allen Entbehrungen und Deuuithigungen unserer Väter geblieben war? Es gielt horrliehe Palläste im Orient, deren nach aussen gerichtete

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