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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-04-07 · N° 15-16. (7.4.1887) · p. Seite 60

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 15-16. (7.4.1887)
Date
1887-04-07
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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«0 — Besprechen wir Einiges aus den vier Broschüren, was unser Blaustift in denselben flüchtig markirt hat. (Fortsetzung folgt.) Unsere Jugendschriften-Litteratur. Alljährlich um die Zeit derReligionsschulprüiungen, um die Pessechzeit, wiederholt sich bei Leitern und Lehrern unserer Schulen, wie schon während des Jahres bei Laien, bei Gelegenheit der Bar-Mizwa-Feier oder des Chanukafestes, die Verlegenheit um die Wahl passender Jugendschriften, die in poetischem, färbenreichen Gewände oder in künstlerischer Prosa jüdische Lehre, jüdische Geschichte und jüdisches Leben der Jugend vorführte, um damit den Fleiss und den Eifer für Erlernung unseres heiligen Schriftthums und alles dessen, was damit in Zusammenhang steht, zu belohnen, und zu erneuten Leistungen anzuspornen. Das ernste Schulbuch ist für diesen Zweck nicht recht geeignet, die Schulprämie soll keine Ersparnissquelle für das elterliche Haus sein, das Sc hulbuch als Prämie macht darum auch nicht sonderliche Freude. Vierzehn Jahre sind es, dass der für jüdische Bildung begeisterte Emil Lehmann in Dresden seinen Mahnruf an die Schriftsteller, Dichter, Maler, Lehrer und Rabbiner in unserer Mitte ergehen Hess, dafür zu sorgen, dass unsere Kinder nicht bloss in ernsten Schulbüchern, sondern in solchen, welche dem Nothwendigen das Schöne beigesellen, für das Judenthum erwärmt werden. Und was ist bis jetzt in dieser Richtung geschehen? Ist die Klage nicht heute noch am Platze, dass unser Sehriftthum arm sei auf dem Gebiete der Jugendschriften jüdisch-religiösen und jüdisch-geschichtlichen Inhalts? Man nehme zu dem köstlichen Buche des unvergesslichen Michael Sachs ״Stimmen vom Jordan und Euphras“ und dem ״Libanon“ des L. A. Frankl, der in seiner sorgfältigen Auswahl jüdischer Poesieen ein wahrer Familienschatz, von prosaischen Schriften dieser Gattung desselben L. A. Frankl ״Nach Jerusalem“ und A. Tendlau’s ״Märchen und Spriichwörter jüdischer Vorzeit“ und etwa noch einige Poesien in dem kürzlich aus dem Nachlass Leop. Stein’s herausgegebenen Buch: ״MorgeniändischeBilder im abendländischem Rahmen“, soweit sie für die Jugend passend und ansprechend sind, wie das von Emil Lehmann selbst herausgegebeue Haus- und Volks-Buch ״Z u Chanuka“, worin neben vortrefflichen prosaischen Aufsätzen des Herausgebers, wie des Kollegen Dr. Ro thschil d-Alzey, Gedichte von Zirndorf und Löwenstein (Oberdorf) sich finden, die der Wirkung auf ein jugendliches Herz gewiss nicht verfehlen werden, und es ist meines Wissens die hier gegebene Aufzählung der wirklich gediegenen Jugend- 8chriften, die wir in der bezeicliueten Richtung be- 8itzen, so ziemlich erschöpft, und dazu ist das Meiste 111 dieser Reihe, wie man sieht, älteren Datums. Je nach Geschmack wird ja diese Liste noch um einige Nummern vermehrt werden können, überhaupt müsste eine genaue, möglichst vollständige Zusammenstellung der besseren Jugendschriften von kundiger Seite nach Titel, Verlag und Preis dem Schulmann nur willkommen sein; vielleicht macht der gesch. Redacteur d. Bl. den Anfang dazu. (Wir überlassen diese Arbeit einem weniger beschäftigten Collegen oder Lehrer. Red.) | Gestehen wir es uns nur ein, so viel und 80 I vielerlei auch auf dem Gebiete jüdischen Schriftthums 1 in unseren Tagen producirt wird, für den Unter- | haltungstisch der Jugend von grösseren, zusammenl hängenden Erzählungen dieser Art, sei es in küust-! lerischer Prosa oder schwungreioher, tief empfnndener j Poesie fällt herzlich wenig ab. Der Freund der- Jugend, der für sie das Beste auswählen möchte — und solches erst ist bekanntlich gut genug für die Jugend — wird hier schon unter vielem Geröll suchen müssen, bis er auf das Gold echter Dichtung stösst. Freilich die Sachs, die L. A. Frankl, werden nicht alle Tage geboren, und es gehört schon ein gut Theil pädagogischen Tactes, durchgebildeten ästhetischen Geschmacks, vor allem aber eine alles erklärende Innigkeit und Sinnigkeit des Gemüths dazu, um die noch zahlreich genug vorhandenen, bislang unbearbeiteten Themata, sei es unserer Lehre, sei es unsere Geschiohte, sei es des frisch pulsirenden jüdischen Lebens, wie sie in biblischer und nachbiblischer Litteratur zerstreut sich finden, iu eine für die Jugend ansprechende, von Anfang bis Ende fesselnde, ich möohte sagen, packende Darstellungsform zu bringen, bei der alles Matte, Fade, Langweilende vermieden wird. Die Aufgabe ist nicht leicht, aber ist sie nicht auch ״des Schwüsses“, ich sage nicht der Edelsten, nur der Berufenen und Befähigten unter uns werth? Hier wäre noch, statt des vielen und doch so unfruchtbaren Geschreis über den zunehmenden Indifferentismus in unserer Mitte, der Hebel rüstig anzusetzen, um in möglichst vielen Herzen unserer Jugend den Funken der Begeisterung für Lehre und Geschichte, für Glauben und Leben im Judenthum kräftig anzufachen. (Schluss folgt. Liitterarische Notizen. Eine Ungeheuerlichkeit in der Pädagogik. — ln einer kleinen, vielfach verwandten deutschen Schals?rammatik (Leitfaden für deutsche Grammatik von II. Damm und C. Niendorf) findet, sich S. 2!i als Beispiel für den Gebrauch eer Präposition ״vor“ der Satz: ״Sie verschlossen die Thüren aus Furcht vor den Juden.“ Dem Satze liegt wahrscheinlich die neutestamentliche Stelle J011. 20,11־) zu Grunde. Es heisst dort: Jesus sei nach seiner Auferstehung bei seinen Anhängern eingetreten, die sich aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Thüren versammelt hatten. Dieser Bericht findet sich nur bei Johannes, nibet bei , den übrigen Evangelisten. Das Evangolium Johannes hat bekmntlich viele Abweichungen: es ist das sog. Heidenevangelium und sehr spät geschrieben, und zwar im Interesse der bekehrten Heiden und im Gegensätze zu den Juden und Judenchristen. Dieser Gegensatz führte zu Hass und Streit, zu Spaltung und Trennung. Daraus erklärt sich die Furcht vor den Juden. Aber weder Jesus noch seine Anhänger wurden von den .Tnden verfolgt, vielmehr litten diese durch die Verfolgungon der lleidonchristen Wie dem aber auch sei, religiöse Polemik gehört nicht in eine Schulgrammatik; das Beispiel ist demnach unpassend und schlecht gewählt. Auch aus pädagogischen Gründen ist es zu verwerfen. Was sollen Lehrer den Kindern antworten, wenn sie nach dem Grunde solcher Furcht gefragt werden? Was Kinder sich von den .ludenkindern denken, mit denen sie in derselben Klasse, auf derselhen Bank sitzen, wenn sie glauben, sich vor ihnen fürchten zu müssen? Die Hinweisung auf das N. T. und dessen nackten Bericht giebt. keine ausreichende Erklärung und ist auch nicht jedem gegenwärtig. Die Meisten werden dabei nicht an die ferne Vorzeit, sondern an die nahe Gegenwart denken, zumal antisemitische Wühlereien den Boden für Gehässigkeiten empfänglich gemacht haben. Wenige werden vorsichtig und gutmüthig gonng sein, zu erklären, der Inhalt des Satzes bezieht sich aut Vorgänge der Vorzeit. Und selbst dann bleibt noch ein Stachel zurück, der tief verwundet, denn der böse Sinn wird leicht falsche Schlüsse von der Vorzeit auf die Jetztzeit machen. Gar Mancher wird aber bei diesem Satze gar nicht an dessen Zusammenhang mit der Vorzeit denken und aus Unkeuntniss odet mit Absicht ihn auf die Neuzeit beziehen oder übertragen. Von Kindern und namentlich bösartig angelegten Naturen ist derartiges sicher zu befürchten. Wir wollen nicht behaupten dass antisemitische Gesinnungen die Verfasser irregeleitet, oder auch nur die Lust zu antisemitischen Allüren angewandelt habe: aber wir glauben, dass um des religiösen Friedens und der practischen Nachtheile willen Abhülte in diesem Falle gefordert, werden muss und gefordert werden sollte. Es liegt dies im Interesse der Schule, und die Sorge für Gegenwart und Zukunft• _ bedingt es 80. K.-A. (Wir zweifeln nicht daran, dass Verfasser und Verleger, wenn sie hiervon Kenntniss erhalten, bei der nächsten Auflage eine Correctur des Gerügten eintreten lassen werden. Red.) Verantwortlicher Hedacteur Dr. Kahmer, Magdeburg. Druck von D. L. Wolf f, Magdeburg. Verlag von Robert F r ies 6 , Leipzig.

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