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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-04-07 · N° 15-16. (7.4.1887) · p. Seite 59

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 15-16. (7.4.1887)
Date
1887-04-07
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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jenes Professors, entrollt; alle drei haben 80 treu u. treffend porträtirt., dass wir zur Bewunderung hingerissen werden; Berliner u. Ziemlich zeichnen mehr realistisch, homerischer Derbheit sich zuneigend u. an das Sprichwort Tomgroben Klotz und groben Keil gemahnend, Kaufmann zeichnet mehr idealistisch, der von den Schlacken gemeiner Wirklichkeit gereinigten Wahrheit sich befleissigend und Farbentöne von erquickender Liebens- Würdigkeit darbietend. Herrn Dr. Berliner wie Herrn Dr. Ziemlich zollen wir für ihre tüchtigenBüchelchen wohl verdiente Anerkennung, Herrn Prof. Kaufmann bringen wir für seine noch bedeutsamere Arbeit—eine kritische Glanzleistung in des Wortes schönstem Sinn — verehrungsvolle, warmherzige Huldigung. Und doch wollen wir den drei Herren, wenn sie unser ganzes Urtheil zu hören wünsch n, nicht verhehlen, dass sie ein Anderer an Treue und Wahrheit in der Zeichnung der betreffenden Sujets weit, weit übertrifft; es ist — Herr Prof. Paul de Lagarde selbst. 'Seit langer Zeit hat sich uns nicht Gelegenheit geboten, eine solche Kunstfertigkeit in der Selbstdarstellung (in dem Schüler konterfeit der Lehrer ebenfalls sich selbst) anzustaunen, wie sie Herr de Lagarde besitzt.!Diese Selbstdarsteiiung, oft mit rührender Herzenseinfalt ausgeführt, übt eine Wirkung, die in unserer griesgrämigen Zeit nicht hoch genug anzuschlagen ist — Superlative Heiterkeit. Wir hatten uns vorgenommen, die erwähnten vier Broschüren mit einigen ernstwissenschaftlichen Bemerkungen zu versehen, aber das Lagarde’sche Libell lässt nirgends eine ernste Stimmung in uns aufkommen, wenigstens vor der Hand; wo wir’s paoken, da ist’s uns von einer überwältigenden unfreiwilligen Komik, die lange in uns nachwirkt. Schon wenn wir uns den Titel des Libells ansehen! Da steht geschrieben: ״Lipman Zunz und seine Verehrer. Von Paul de Lagarde.“ Hier stock’!)Loh schon, wenn ich ernst bleiben soll . . . Lipman /und de Lagarde! Jener Name ist ebenso entsahieden deutsch, wie dieser entschieden französisch, und doch beabsichtigt der Träger des Namens de Lagarde den Namen Lipman als undeutsch dem Gespötte preiszugeben; ja, das unternimmt ein deutscher Professor, der seinen deutschen Namen Bötticher mit dem französischen de Lagarde vertauscht hat, ein Professor, der sioh in philologiois über alle Welt erhaben dünkt. Leicht ansteckbare Witzbolde, die mit ebenso heisser Leidenschaft und beispiellosem Geschick wie Herr Lagarde Personennamen bekalauern, werden gewiss der Versuchung nicht widerstehen können, ihm zu folgen. Möchten sie uns doch gnädiglich mit Bej merkungen verschonen, wie die bereits vernommene, Herrn Lagarde sei mit Ablegung seines deutschen Namens Bötticher die deutsche Fähigkeit abhanden gekommen, reiflich zu überlegen und fasslich darzustellen. Das heisst denn doch wirklich, Herrn Lagarde noch ״über“ sein. Bitte, bitte, verschont uns! Vor Jahren fragte uus in einer Gesellschaft ein antisemitisch angehauchter Studiosus medicinae, warum die Juden nicht alle ursprünglich hebräischen Namen meiden. Wir erwiderten mit der Gegenfrage, warum dies nicht auch die Christen thäten, warum beispielsweise seine Eltern ihm und seinem Fräulein Schwester ursprünglich hebräische Vornamen gegeben. Er meinte stolz: Hans ist doch wohl ebensowenig ursprünglich hebräisch, wie Marie. Wir belehrten den jungen Mann, dass Hans, eigentlich Johannes Jochanan (Gotthold), Marie Mirjam (die Bittere, Herbe, n. A. die Starke, Herrscherin), ebenso wie der deutsche Michel Michael (Wer ist wie Gott) und viele andere von Christen getragene Namen, selbst Jesus Jeschua (Heiland) ursprünglich hebräisch, ja dass Christ nichts anderes als die griechische Uebersetzung des hebräisehen Maschiach (Messias — Gesalbter) sei. Da wollte der junge Mann vor Lachen schier bersten, bis ihm ein anwesender Gymnasiallehrer des Hebräischen unsere Erklärungen vollauf bestätigte. Einem Studiosus medicinae gegeuüber konnten wir ernst bleiben, selbst als er u. A. Anfangs geltend machen wollte der deutsche, Michel stamme vom griech. megaloi und bezeichne so recht die arische Rasse von hol em Wuchs, Marie stamme von Mars —— Ares und beze.chne so recht das arische Heldenweib — dem Professor der Philologie gegenüber, dem Lagarde urdeutsch und Lipman französisch ist, vermögen wir beim besten Willen nicht ernst zu bleiben. Aber anzunehmen und zu behaupten, der Herr Professor habe das Richtige gewusst und dennoch den deutschen Namen lächerlich zu machen versucht, nur weil derselbe der synagogale Name eines Juden ist — das sei fern von uns; zu einem solchen Sport, der für Herrn Lagarde selbst am bedenklichsten wäre, halten wir selbst Herrn Lagarde nicht für schwarzgallig genug. Gehen wir von einem Büchertitel zu einem — Dobtortitel über. Der Herr Professor nimmt seinen Schüler, den unsterblichen Techinimdoktor, mit pyladeischer Zärtlichkeit gegen den Vorwurf falscher Pluralisation in Schutz. Er weist darauf hin, dass Tefilla im Plural neben Tefillot auch Tefillin, Tehilla neben Tehillot auoh Tehillim hat. Sehr wahr; aber was ebenso wahr und jedem halbwegs gut unterrichtete Schüler einer jüdischen Religionsschule bekannt ist, wird Tefillin (Phylakterien) von Tefillot!,Gebete), ebenso Tehillim (Psalmenbuch) von Tehillot (allgemein laudes) in der Bedeutung sehr wohl unterschieden. Das wissen nicht allein ״Juden,“ sondern auch Christen; wir ersuchen den Herrn Professor und seinen Schüler höflichst, Heinrich Ewald, Ausführl. Lehrbuch der hebr. Sprache § 177e Anm. 2 und Victor Ryssel, Hebr. und Chald. Handwörterbuch s. v.!תהלד einzfP■ T sehen. Schade, dass Fritzchen Tintenkleks, der ewige Sextaner, und Karlchen Miesnick, der ewige Quartaner, die Autoritäten Lagarde und Techen nooh nicht kennen, deren blühende Kathederweisheit noch nicht verstehen und zu fruktificiren wissen. Welch frülingshelles Glück würden die ohnehin beneidenswerthen Ordinarien erst empfinden, wenn ihnen die hoffnungsvollen Jungen unter Berufung auf jene Autoritäten, welche die in der Bedeutung unterschiedenen Pluralia nach Belieben zu gebrauchen erlauben, in den deutschen Arbeiten sprachliche Kostbarkeiten leisteten, wie: die B a n k e n, die wir in der Schule drücken, und die Bänke, was (Karlchen würde schon sagen: die 1 öffentliche Geldkassen sind — die B ä n d e r der Freundschaft, die Bande am Hute — die Lichte des Himmels und die Lichter aus Talg — die Wörter der Ermahnuug und die Wortebüchor — loci terrarum und loca librorum (diese Diversion ins Lateinische würde sich Karlchen gestatten, um darzuthun, wie ungerechterweiseer ewigin Quarta zurückgehalten wird). Allerdings bilden schon im A. T. manche Feminina den Plural auf ot und im; darf darum überall nach Belieben pluralisirt werden? Die Herren Lagarde und Techen scheinen es anzunehmen. Wiederum scha le, jammerschade, dass die hoffnungsvollen Prachtjungen von solcher licentia philologioa nichts wissen; sie würden sonst naoh Analogie von Länder und Lande den Ordinarien zu deren Wonne sprachliche Kleinodien liefern, wie: Ränder und Rande — Pfänderund Pfände — Wänder und Wände. Dann aber sage uns nooh einer, das Dictum der Alten ״Quem di ödere, magistrum fecere“ sei zutreffend! Doch genug von dem Buch- und dem Doktortitel

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