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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-03-17 · N° 12. (17.3.1887) · p. Seite 46

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 12. (17.3.1887)
Date
1887-03-17
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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wegen der Menschen ’), der Menschheit, — die Lebenden sollten durch den Anblick des Grabes gesühnt, weil gedemüthigt werden. Das heistdoch gerade dieSacbe aut den Kopf stellen *עד מתי אתה מעוות עלינו את וכר "Wegen ähnlicher Sophismen rief ihm auch schon Herr Dr. H. einmal in der ״jüdischen Presse“ zu: לא תיןלן כתר א״פכא; ich meinerseits erkenne in solchen Lucubrationen keine wissenschaftliche Abhandlung, sondern eine Predigt, antworte nur noch diesmal, weil ich einmal die Discussion ausdrücklich heraus- oder aufgefordert habe, der Predigt gegenüber werde ich fortan das talmudische אין משיבין על הדרוש befolgen. Und nun fordere ich zu einer unparteiischen Kritik Collegen der verschiedensten theologischen Richtungen auf, wenn es bis jetzt noch nicht geschehen, sich über folgenden Punkt ein Urtheil zu bilden. Wie viele Spalten füllt Herr K. mit Exclamationen über die Abfassung des ״ הטוב והמטיבwozu hätte denn“, 80 ruft er aus, ״unsre frommen Weisen diese Lenediction verfasst, wozu sich dieser Mühe unterzogen“ — es bedurfte wahrlich dazu keiner Mühewaltung, wahrlich keines Märtyreithums — ,und dazu eine zweifache Benediction הטוב und המטיב, wenn der Talmud, wie Wiener glaubt, die Cremation für so etwas ״Unschädliches hielt?“ Die Juden brauchten גן nur einen Scheiterhaufen zu errichten und die Tausende von Erschlagenen zu verbrennen!‘‘ Aber musste Dr.K. sich nicht selber sagen, da es Hadrian lediglich darum zu thun war, unsern Vorfahren Leid und Weh zu bereiten, er eben so die Cremation, wie die Humation verboten hat?! Dazu sagt ihm ja noch die Gemara, dass die Römer ihre Gärten sieben Jahre lang mit den Leichnamen der Erschlagenen gedüngt (nach Andern mit den Gebeinen umzäunt) haben. Ueber seine rationalistische, freisinnig-rhetorische Erklärung des שר א הסריחו haben sich die Leser gewiss ihr Urtheil gebildet. Die Thosseph. hatten auch das Bedürfniss, eine natürliche Erklärung dafür zu geben (Ende Thaanith); ich lasse mich darauf nicht ein אם קבלה היא נקבל, aber jedenfalls wird dort der einfache Wortsinn nicht entstellt, verrenkt. (Sehr auffallend ist die Lesart sowohl in Jeruschalmi Thaan., wie auch im Midrasch Echah ולא גזר עליהם שיקברו, wir würden doch unbedingt erwarten die Lesart ומר עליהם $לא יקברו. Ferner daselbst עד שעמד מלך ומר עליהם וקברום. Antonin hätte also — nach der Wortbedeutung — nicht blos nicht verboteu, sondern die Bestattung geradezu geboten! Kann vielleicht jemand hier Aufschluss geben?) Dr. K. führt zur Erhärtung einer rigorosen Sühnetheorie — ich werde nicht sagen des Talmud ut narrat Rabbinus Talmud, denn in demselben fitiden wir auch eine sehr milde Sühnetheorie, wie sie jedem nichtfanatischen Denker zusagt, aber auch kleinliche Mittelchen4) zur Erlangung der ewigen Seligkeit, die *) Es ist wiederum eitel Flunkerei, wie bei קביר בא״י (wo nicht לבור. sondern ausschliesslich בא יי zu betonen ist), wenn K. in מכי חזו צערא דקברא zweimal den Plural חזן betont, um in seiner Rhetorik glauben zu machen, es handele sich nicht sowohl um den Leib, der ins Grab gesenkt wird, sondern um die Menschheit, um die Lebenden, die es mitanseheu. Wendet nicht die Gemara diese Worte aut הרוגי בית דין an? Nun wenn das Sul.ject im Plural steht, nuss doch wohl auch das Prädikat in der Mehrheit stehen. *) Eben so wenig verscherzen wir auch durch uns wenigstens durchaus nicht als irgendwie von Bcdeutuug erscheinende Vergehen unserer Seligkeit. Wir können dies durchaus nicht als ernst gemeint aunehmen, sondern als orientalische Hyperbole und hagadische Uebertreibuugeu Mittel zur Seligkeit: Wer in der Liturgie aut die גאולה sogleich die eigentliche תפלה folgen lässt, wer täglich dreimal den Psalm Hb recitirt: wer aus allen Leibeskräften Amen spricht; wer am Sabbath 3 Mahl- Zeiten abhält; wer Perek Schirah hersagt; wer in Palästina wohnt, dort bestattet wird, oder auch nur — wie wir schon früher angeführt — 4 Ellen dort lustwandelt; auch die kananitische Magd erlangt durch des Verweilen in Palästina die wir gewiss (lesavouireu, — sondern ■- iniger Rabbi’s im Talmud die bekanute Stelle in Sifre 5 M. 2L zu לגלה ערופה und viele andere Citate an, die uns mit Schreckea und mit Serlenangst erfüllen müssen. Ich erlaube mir dagegen für leichtgläubige und unnöthiger, ja schädlicher Weise von Angst gequälte Gemüther hier wörtlich zu wiederholen, was ich 1873 in einer Broschüre, die nur als Manuskript gedruckt wurde, veröffentlicht habe und begleite sie nur unter dem Strich mit einigen neuen Bemerkungen. In allen mehr oder minder reformirten Gottesdiensten werden namentlich zur Seelenfeier Gebete für die Verstorbenen verrichtet. Unsere tüchtigsten Theologen scheinen darüber nicht ge״ügend nachgedacht zu haben und leisten dem Wahn und Aberglauben vollen Vorschub. Wer hat uns das Recht gegeben für die Todten Gebete zu verrichten? Nach ra binischem Grundsatz heisst es ja ״ מיתה מכפרתder Tod sühnt“5), geschweige denn, wenn die Vollendeten schon Jahre lang dem Reiche des Jenseits augehören. Freilich will Sifre zu uni aus 5. M. 21,8 nachweisen dass auch die Verstorbenen behufs ihrer Sühne unserer * Fürbitten und Lustrationen bedürftig sind. Es wird Keiner von uns jene Deduction für mehr als eine jener bekannten exegetischen Spielereien halten. •) Von allen möglichen Arten der Gebete sind die für und noch mehr die an die Toten am meisten anzuffchten. Und wie? Ist es nicht eine Herabsohätzung der Vollendeten, der eigenen Eltern oder Freunde, wenn wir glauben, dass wir, nachdem sie zumal schon längst von uns geschieden sind, noch immer für ihre Sühne beten müssen? Gehören sie immer noch nicht dem Reiche der Seligkeit an? Und klingt es andererseits wiederum als eiue Selbstüberschätzung, dass wir sie durch unser Gebet, durch einen Uebersohass unserer Tugend, unserer Frömmigkeit7), der Seligkeit י < jf Seligkeit. Die Seligkeit wird schon verscherzt, wenn man annimmt, dass auch nur eine Deutung der RakbineD in der Thora nicht begründet ist; wer da■( Tettaragrammatou nach den Buchstaben ausspricht; wer das Hohelied mit einer gewissen Modulation der Stimme recitirt; wer die Agadoth niederschreibt. (Mein Antagonist Dr. K. compensirt die Strafe für die Auf- Zeichnung der Agadoth mit der verheLsenan Seligkeit für die Bearbeitung deiselben zu Kanzelreden ד.דא אגרהא הכותנה אין לו הלק לעולם הבא והרורשה מתברך. Wozu soll ich noch I die 7 Beschäftigungen auäühren, die wir für recht verdienstlich halten, die aber nach dem 'l'halmudisten (Sopheriin c. 16) die Seligkeit verwirken. Entweder müssen wir dergleichen Seligsprecliungeu und Verdammnisse als pure Causerien halten, oder an dem Verständniss derselben vollends verzweifeln. Hören wir noch ein Mittel — uud es giebt wahrlich im Himmel und auf Erden nichts Le:chteres — um unsere Freunde aus der Hölle zu befreien. Man höre: Wir brauchen blos auszurufen : דצר. Also ist buchstäblich zu lesen im ארהות היים דלכוה דר׳ כפ סי׳ ל״ד wo es also lautet ומה שנהגו לזכור המתים מצאנו סמך בירושלמי: כשם שהחץ יורה הקשת כך מעלים צדיקים מדינה של גיהנום כשאומר זצ׳יל, ולכן נוהגים אבוד אותן בבית הכנסת. Wer von den Lesern weiss diese Stelle I im Jerusch, anzugebeu; ich habe sie nicht auf&nden können. In Moed katon 1.5, woran zunächst zu denken wäre, findet sich dies Citat nicht. Jedenfalls aber ist schon vor dem כפרי im Jerusch, von dergleichen Todtenandachten die Rede ‘) Wir sind hierin nicht so verschwenderisch freigiebig wie das Evang. Römer 6,7 (, ydp dnof)־avwv oeSixatwxat änö יז)? ajxapxta?: ״Wer gestorben ist, der ist gerechtfertigt von der Sünde,“ (Luther)ן sondern, wie wir ja schon oft hervorgehoben: ״Der Tod in Verbindung mit andern Sühnemitteln, namentlich mit תשובה aufrichtiger Sinnesbekehrung.“ *) Die weitere Motivirung bei M. Jateh (Lebusch hachur § 284) lässt den Brauch des Spendens und Betens für die Sühne _ u der Verstorbenen erst recht als ungereimt 0rk3nnen. ') Der lichtvolle Commentar des Abr. Rapaport Minchah belulah zu des Erzvaters Worten: ״der ich nur Staub und Asche bin,“ äussert sich also: Wer für Andere Fürbitte thut, erregt den Schein, als ob er sich für einen besonders Frommen vor Gott hielte, so dass er der Geeignete sei, für Andere Fürbitte zu thun, darum sprach der Erzvater jene demuthsvolleu Worte aus.

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