Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-03-03 · N° 10. (3.3.1887) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 10. (3.3.1887)
Date
1887-03-03
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/6492408-5990847-5991199--1133-5368379
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 39 — Herr Professor, wir zweifeln nicht, dass Sie über all den feststehenden Ergebnissen der Wissenschatt hocherhaben sind, wonach die Juden weder der mongolischen noch der indianischen Rothhaut-Rasse, sondern gleich den Deutschen, der reinen kaukasischen Rasse angehören, wonach freilich auch die Juden das Unglück gehabt, schou mehr als ein Jahrtausend vor Hunnen, Dothen und Vandalen civilisirt zu sein; wir zweifeln nicht, dass Sie über der, für jeden Deschichtskundigen unanfechtbaren Thatsache hocherhaben sind, dass die ״von allen übrigen Menschen getrennte Demeinschaft“ überall, wo es ihr nur irgend gestattet war, in Biirgertugend und Vaterlandsliebe mit den andersgläubigen Ücterthanen gewetteifert und hoffnungsreiche Jünglinge und vortreffliche Männer dieser ״Gemeinschaft“ ihr Blut auf dem Felde der Ehre vergossen; aber, Herr Kirchenrath, wir zweitein noch sehr stark, dass Sie das Alte Testament, die Drundschrift des Christenthums, pro nihilo erachten. Und nun fragen wir Sie: Was sagt denn Ritter eigentlich anderes, als was das A T. 80 oft l sagt? Ja, was sagt Ritter eigentlich mehr, als was Christus bezeugt, wenn er von den Juden das Heil kommen lässt? Dass Ritter in fraglicher Hinsicht das Ceremonialgesetz und ähnliche Degenstände nicht | urgirt, brauchen wir wohl nicht erst zu versichern, I nachdem wir bemerkt, dass Ritter Prediger der Berliner jüdischen Reformgemeinde ist, und — nachdem wir des Oeftern dargethan, dass selbst die orthodoxesten Juden (wie der sei. Plessner) jenes Versöhnungsamt in idealster Weise auffassen. Aber, aber die trennende Rasse! Welcher Rasse gehörten denn Christus und seine Apostel an, die doch der Herr Kircbenrath des Versöhnungsamtes für fähig und würdig hält? Aber, aber die trennende Religion! Welcher Religion gehörten denn in wesent- Sehen Punkten Christus und die Apostel an? Scheidet doch einmal die heidenchristlich-paulinischeu Elemente aus dem N. T. aus: was bleibt dann? Wir weisen den Herrn Kirchenrath noch auf Römer 11,17 24 hin: Ihr seid die wilden Reiser, die auf den edeln Oelbaum gepfropft sind: wir weisen Hochdieselben auch daraufhin,dass ungezählte Millionen Christen die Psalmen jener Rasse und jener Religion, denen der Versöhnungsberuf aberkannt wird, in Haus und Kirche beten und sich dadurch geheiligt, verklärt, versöhnt fühlen. O, aut wie viel Aehnliches könnten wir den Herrn Kircheurath S. hin weisen! Wir könnten ihn sogar darauf hinweisen, dass er ohne jene Rasse, jene Religion, jene getrennte Gemeinschaft weder Professor י י der evangelischen Theologie, noch evangelischer Kirchenrath wäre . . . -Ach, wann wird es endlich die Welt den Juden verzeihen, dass sie ihr, wie vor einigen Jahren der Urgermane 0. E. v. Warmb- Eysnern im Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes klagte, einen Dott gegeben, dass ihr ein ״Semit“ das ״frische und fröhliche Heidenthum“ geraubt? Hierneben sei an ein Wort des ebenso frommen wie berühmten christlichen Theologen Tisohendorf erinnert: ״Wunderbar! die Stimme des Ue8etze8 mit ihren strengen Mahn- und Strafworten, wie sie Allen erklungen, so ist sie auch Allen klar und theuer geblieben, während die Stimme der himmlisch frohliehen Verheissung, die der erlösenden Er- Füllung zum unheilvollen Missverständniss, zur Spaltung unter den Völkern der Erde geworden“. (Aus dem heil. Lande. Leipzig 1862.) Und nun unsere Schlussfrage: Mit welchem Erfolge hat denn die evangelische Kirohe ihres Versöhnungsamtes unter ihren eigenen Zugehörigen gewaltet? Der Jahresbericht selbst giebt S 444 die Antwort: dass die evangelisohe Kirche zur Zeit nicht volksthümlich ist, dass vielmehr mindestens 90 Procenten der heutigen evangelischen Christenheit jedes kirchliehe Bewusstsein fehlt. Die Folgerungen sind hier leicht genug. Doch wir befinden uns schon ausserhalb desjenigen Theiles des Jahresberichts, den allein zu zeiohnen wir uns vorgenommen. Bemerkt sei indess noch zur Steuer der wissenschaftlichen Wahrheit, dass die übrigen Jahresberichterstatter zumeist ihre Aufgabe tiefer erfasst und vorurteilsfreier gelöst als Herr Siegfried, und dass sie nur höchst selten an das Wort Eduard v. Hartmann’s gemahnen, wonach gewisse Richtungen des Protestantismus eben im Begriff sind, wegen ihres immer offenkundiger werdenden Widerspruchs gegen das protestantische Princip den letzten Rest ihres Kredits zu verlieren. Litteraturbericht. Recensionen. Goldhauuner, Dr. Leopold. Die Psychologie Mendelssohns. Aus den Quellen dargestellt und kritisch beleuohtet. Wien. Ch. D. Lippe. 1886. (Schluss.) Der Verf. weist nun des Weiteren mit Recht auf die ״ Subjeotivität der Urtheile“ hiu, welche sich bis auf die neueste Zeit herab in den Aeusserungen hervorragender Forscher auf dem Debiete der Deschiohte und der Philosophie über die Stellung Mendelssohns in der Qesohichte der Philosophie und über den Werth seines geistigen Schaffens überhaupt, kundgiebt, so dass von einer einheitlichen und übereinstimmenden Auffassung seiner Leistungen noch immer nicht die Rede sein kann. Er führt die Urtheile von Dervinus und Kuno Fischer an, die in sehr ungünstiger Weise über Mendelssohn sich ausgesprochen, während andererseits Zeller ״in schönen und anerkennenden Worten“ über ihn geurtheilt hat. Dieser ״Subjeotivität der Urtheile* gegenüber hätte der Verf. unserer Ansicht nach, hinweisen sollen auf Mendelssohns eigene Worte, die derselbe im Anhänge zum Phädon geschrieben, woselbst er sagt, dass er aus Prinoip und mit Bewusstsein das Dute und Brauchbare überall da annehme, wo es sich ihm darbiete,*) dass er aber das goldene Zeitalter der Philosophie nooh nicht für gekommen erachte**); er hätte hinweisen sollen auf die echt deutschen Empfindungen, denen Mendelssohn in der mannhaften Würdigung der Leistungen deutschen Deistes beredten Ausdruok giebt, zu einer Zeit, in welcher der französische Einfluss sich noch als sehr mächtig erwies.***) Dass nun Herrn Doldhammer bei seiner reichen Belesenheit in Mendelssohn’s Schriften diese Stellen unbekannt ge- *) Ich habe mir niemals, sagt Mendelssohn daselbst, in den Sinn kommen lassen, Epoche in der Weltweisheit zu machen oder durch ein eigenes System berühmt zu werden. Wo ich eine betretene Bann vor mir sehe, da suche ich keine neue zu brechen. **) Noch hat zwar die Philosophie ihren hellen Mittag nicht erreicht, in welchem sie vielleicht unsere Enkel dereinst erblicken werden, aber man müsste aut die Vernunft seiner Zeitgenossen sehr neidisch sein, wenn man den Neuem nicht in Absicht auf die Philosophie grosse Vorzüge einräumen wollte. *״*) In den ״philosophischen Gesprächen“) II. Gespräch) lässt Mendelssohn seinen Philopon sagen: ״Werden denn die Deutschen niemals ihren eigenen Werth erkennen? Wollen sie e>vig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen? Sie könnten sich ja wohl damit begnügen, dass sie grössere und die Franzosen artigere Philosophen unter sich haben. Darauf antwortet Neophil: Gewiss! Leibnitz, Wolff and verschiedene ihrer Nachfolger, zu welcher Vollkommenheit haben sie die Weltweisheit gebracht! Wie stolz kann Deutschland aut sie sein! (Wir citiren nach der Stahr’schen Ausgabe (nicht Rohr’schen) wie es in vor. Nr. verdruckt stand.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.