Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 9. (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 35 Weise unterschieden: der Verf. der ,Geschichte der Juden in Erfurt“ ist dort zugleich der Verf. der Aufsätze gegen die ״Gedanken eines Juden“ etc. Sein ingenium acutum bekundet der kritische Herr Jahresberichterstatter auch S. 64 in der Notiz: ״J. Barth hat 15 Stellen des Jesaia mit wohliiberdachten Bemerkungen versehen.“ Herr S. theilt ups nun vier dieser wohläberdachten Bemerkungen — selbstverständlich die besten — mit: 1. Cap. 1, 22 gegen מהול verschnitten, da im A. T. dafür stets מול gebraucht werde; der Verf (B.) erinnert an מוהל ־_ Fruchtsaft und erklärt ״verwässert.“ Demnach soll die Stelle, wenn wir die Herren recht verstehen, wörtlich heisseu: Dein Trank ist (wie) .,Fruchtsaft geworden durch Wasser. Und warum diese gezwungene Erklärung? Nun, da im A. T. für verschneiden sonst stets מול gebraucht werde, meinen die Hm. S. und B. Haben die Herren hier wirklich wohl überdacht, was sie sagen? Das Verb. מהר z. B kommt ebenfalls nur in einer Bibelstelle (2. M. 22, 15) in der Bedeutung heirathen, eig. durch Gabe eine Frau eintausohen vor, und doch wird Niemand bestreiten, dass dieses מור מהר ein tauschen ist. Dass häufig zweilautige Stämme durch Härtung des vokalischen Jnlauts zu He dreilautig werden, ist bekannt, oder sollte doch bekannt sein. Ewald 1. c. 114 b (über die Alten der Wurzeln nach ihren Lauten) bemerkt sehr gut: ״Tritt eine bestimmtere Unterscheidung im Sinne hiuzu, so setzt sich die Lautveränderung am leichtesten fest, wie מהל beschneiden vomWeine gesagt wird Jes. 1,22 zum Unterschiede des gewöhnlichen Beschneideus מל.“ CJebrigens kommt ־־־־־ מוהל Fruchtsaft auch nirgends im A. T. vor und ist nicht weniger chaldäisch, als מהל statt מול bezüglich der Circumcision chaldäisch ist. (Möglich , jedoch, dass, wie allgemein angenommen wird, I. Chr. / 7, 33 במהל aus בז־מהל filius circumcisionis ent- * t : 1 ז ־ standen ist.) Schliesslich können wir nicht umhin, im Interesse der wissenschaftlichen Gewichtigkeit zu konstatiren, dass die qu. ״wohlüberdachte Bemerkung“ nicht einmal neu ist; der verewigte Landesrabbiner Prof. Dr. Herzfeld hat bereits ״Einblicke in das Sprachliche der sem. Urzeit“, S. 175, ausgeführt: ״In מהול Jes. 1, 22 haben Manche schon die distrahirte chald. Form erblickt und ״verschnitten“, vom Wein, in dem Sinne von verfälscht genommen, gleichwie das arabische שחש und jugulare Faleruum bei Martial vom Mischen des Weines mit Wasser gebraucht wurde; noch besser aber erscheint mir, das Wort mit dem chald. מוהל und מוחל Saft, Flüssigkeit zu combinireu, auch im Arabischen werden unter מהל mehrerlei Flüssigkeiten verstanden.“ Es sei daneben noch au das ähnliche vinum castrare bei Plin.h. n. 19, 4, 19 erinnert. — Was nur Herr Nestle sagen wird! Herzfeld’s ״Einblicke“ enthalten eine ״wohlüberdachte Bemerkung“, sogar nach dem Urtheil eines deutschen und evangel. Professors und Kirchenraths! Die Welt geht unter! 2. Jes. 3, 12 setzt Herr B. כלל בלע verwirren. Wozu ״verwirren“? Giebt die Stelle mit keiner der feststehenden verschiedenen Bedeutungen des בלע einen vernünftigen Sinn? Muss dieses ohne einleuchtende Begründung dem בלל gleichgestellt werden? 3. Das. 28,7 _. ״sie sind verwirrt vom Wein“ und 4. das. 5,17 ״ נריםwegwandernde Arme.“ Diese beiden letzten Bemerkungen schienen auch ר Hrn. S. nicht so zweifelsohne wohlüberdacht, und er konnte nicht unterlassen, ihnen ein Fragezeichen in Parenthese nachzufügen. Eine seltene Pansophie will Herr S. wohl durch die Worte S. 78 des Jahresberichts zeigen: ״Mose bekommt von zwei französischen Medizinern und einem deutschen Theologen ein 80 glänzendes Zeugniss als Hygieniker ausgestellt, dass mau nur bedauern kann, dass er nicht in der Lage ist, dasselbe persönlich entgegennehmen zu können. Er ist mit einem Wort ״der Vorläufer der modernen Gesundheitslehre “ Die unreinen Thiere sind die besonders von Parasiten stark behafteten Säugethiere. Das Sprengen des Bluts und die Verbrennung der Fettheile beim Opfer sind ganz vortreffliche prophylaktische Massregeln. In Lev. 14, 34 zeigt sich eine intuition prophetique des miorobes. Dies ״kräftige Zeugniss“, wie es der B. G. (Beweis des Glaubens) nennt, stammt aus dem Jahre 1885.“ Weiss der allgelehrte Herr Professor wirklich nicht, dass sich in neuerer Zeit auch zahlreiche nichtfranzösische Mediziner (11. A. Geh. Medioinalrath Prof. Dr. Virchow, der weltberühmte Forscher, über die jüdischen Speisegesetze) über die betreffenden Themata in ähnlicher Weise ausgesprochen? Aber Herr Siegfried, der eben Alles und noch Einiges weiss, muss das besser kennen. Leopold Stein’s ״Morgenländische Bilder in abendländischem Rahmeu“ erfahren S. 81 das — witzig sein sollende — Urtheil: ״Die Poesie ist massig, hingegen der Dünkel masslos.“ Ueber die poetische Begabung des sei. Stein, die von Männern anerkannt worden, welche von dergleichen Dingen denn doch etwas mehr verstehen als Herr S. und unsere Wenigkeit, wollen wir hier nicht streiten: w.is dem Einen ״geschliffen“, erscheint dem Andern ״ungeschliffen“ — chacun ä sou gout; aber was bringt Hrn. S. in solche Wallung, dass er dem sei. Steiu masslosen Dünkel vorwirft? Stein soll gesagt haben: Gott liess die jüdische Zerstreuung desshalb zu, damit die Juden die Sieger über alle Völker der Welt würden. Ganz so hat sich wohl Stein nioht ausgedrüokt, wenn auch seine Poesie ״massig“; und ganz so zu verstehen, wie sio Herr S. verstanden haben möchte, sind Stein’s Worte in Bezug auf ״die Sieger“ aucu nicht, obgleich Herr S. hinter ״die Sieger“ in Parenthese ein Ausrufungszeichen der Entrüstung gesetzt hat. Meinte etwa Stein eine ״Weltherrschaft der Juden“, wie die Antisemiten sie diesen imputiren? Das glaubt Herr S. selbst nicht und wird ihm auch kein Mensch glauben, der Stein’s Worte liest und so viel Deutsch versteht, um dieselben richtig auffassen zu können. Stein hat gar nichts anderes metrisch wiedergegeben, als was der Talmud, in Uebereinstimmung mit dem A. T., das dem Herrn Kirchenrath doch ehrwürdig ist, lehrt: dass der Monotheismus, d. h. die Idee der Gott-, Welt- und Menscheneinheit dereinst überall herrschen und so Israel — als Träger dieser Idee — Sieger über alle Völker sein werde. Was hat üur der Herr Kirchenrath dagegen einzuwenden? Widerspricht dem etwa die Geschichte? Ist es etwa nicht richtig, was Johannes Scherr sagt, dass noch bis zu dieser Stunde dass Antlitz der civilisirten Welt die geistige Signatur trägt, welche ihr der semitisohe, zuerst durch die hebräischen Propheten zu einer sittlichen Macht ausgebildete Monotheismus verliehen hat. Widerspricht dem auch nur das N T. an mehreren Stellen? Wie in aller Welt fasst denn der Herr Kirchenrath die Worte Christi Joh. 4, 22 auf: Wir wissen, was wir anbeten, denn das Heil kommt von den Juden!? Sie ahnen vielleicht gar nicht, Herr Kirchenrath, was logisch denkende Christen aus dieser und mancher ähnlichen neutestamentl. Stelle in Nachahmung Ihrer Folgerungsweise in Bezug auf die Urheber solcher Aussprüche, auf diese Aussprüche und das Christenthum überhaupt schliessen . . . Die Juden entchristlichen das Volk — heisst’s nioht 80 bei Euoh? .. . (Schluss folgt.)