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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1887-02-17 · N° 9. (17.2.1887) · p. Seite 36

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
16 (1887)
Issue
N° 9. (17.2.1887)
Date
1887-02-17
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 — Recensionen Goldhanimer, Dr. Leopold. Die Psychologie Mendelssohns. Ans den Quellen dargestellt und kritisch beleuchtet. "Wien. Ch. D. Lippe. 1886. Es gereicht uns zur Freude auf eine schätzens- -werthe Bereicherung der Mendelssohns-Litterat.ur hinweisen zu können, welche derselben durch das Erscheinen der vorliegenden Schrift erstanden ist. Der Verfasser derselben, Heri Goldhammer, hat sich der dankbaren Aufgabe unterzogen, die psychologischen und psychologisch-ästhetischenLehrmeinuugen Mendelssohns im Zusammenhänge darzustellen, gleichzeitig aber auch die geschichtlichen Antecedentien derselben sowie die von Mendelssohn neu aufgestellten Lehren und Gesichtspunkte der Betrachtung, dem Leser vor- Zufuhren. Zu diesem Zwecke theilt Herr G. seine Schrift in zwei Hauptabschnitte, in deren erstem er auf Grund eines fleissigen Studiums der Monographieen, Skizzen und Briefe Mendelssohns eine urkundliche Darstellung seiner psychologischen und psychol.-ästhetischen Lehren giebt, während er in dem zweiten Theile die Beziehungen Mendelssohns zu seinen Vorgängern, zu Plato und Plotin, zu den englischen Sensualisten, zur Leibnitz-WolSPschen Schule, sowie seine Stellung zu Lessing und Kant zu prüfen unternimmt, um in Verbindung hiermit die von Mendelssohn neu gewonnenen Ergebnisse der Forschung hervorzuheben. In einem Schlusscapitel versucht der Verfasser die Stellung zu kennzeichnen, welche Mendelssohn in Folge der im vorangegangenen dargestellten Leistungen, in der Geschichte der Psychologie und der Philosophie überhaupt, gebührt. Der Verfasser hat nun, wie wir rühmend hervorheben können, seine Aufgabe im Allgemeinen glücklich gelöst, wenn wir auch in formeller und inhaltlicher Beziehung über Manches mit ihm zu rechten haben werden. Durch die Darstellung des Herrn Goldhammer lernt der mit dem Geiste der Meudelssohn’schen Schritten noch nicht vertraute Leser M. als einen feinsinnigen Beobachter der psychischen Phänomene und der menschliehen Natur überhaupt, kennen, der auch die Gründe dieser Erscheinungen aufzusuchen bemüht ist. Freilieh die eigentliche und für ihr Zeitalter grossartige Leistung der Mendelssohn’schen Psychologie, die durch ihre Anwendung auf ethischem und religiösem Gebiet erfolgt ist, hat der Verfasser, wenn er dem strengwissenschaftlichem Charakter seiner Schrift treu bl6ibeu wollte, nicht des Breiteren darstellen können, aber er hätte sie doch mit einigen Worten andeuten müssen, denn in dieser Anwendung liegt gerade der Hauptzweck der psychologischen Forschungen Mendelssohn’s, wie es denn überhaupt die Grundtendenz seines philosophischen Strebens ist, die wissenschaftliche Begründung des Theismus in Hinblick auf gewisse gegensätzliche Zeitströmungen zu unternehmen. Selbst da, wo er seine ästhetischen Anschauungen entwickelt, über die Nachahmung der Natur durch die Kunst, ist sein Denken von theologischen Gesichtspunkten beherrscht, und er hebt des öfteren hervor, dass die Natur nicht die vollkommenste Schönheit repräsentire, weil der Schöpfer in seiner Allweisheit dieselbe zurücktreten lassen musste vor dem Gedanken der Zweckmässigkeit. (״lieber die Httuptgnxndsätzed..schöne Künste u. Wissenschaften“. Eohr’sohe Ausg. S. 151 II. Bd.)*) Herr Goldhammer beginnt nun damit, dass er auf die mangelhafte Würdigung hinweist, die der Popularphilosophie und ihren Vertretern zu Theil geworden, nachdem durch den Kant’sohen Kriticismus *) Briefe über die Empfindungen (ö. Brief). ״Wie sehr würde der Schöpfer seinen Zweck verfehlt haben, wenn er nichts als Schönheit gewesen wäre“. eine gänzliche Umwälzung auf dem Gebiete der Philosophie hervorgerufen worden war. Wir können diesem Urtheile des Herrn Verfassers nur beipflichteu; wir hätten jedoch gewünscht, dass derselbe bei diesem Punkte länger verweilt und ein Gemälde der damals herrschenden geistigen Strömungen gezeichnet hätte. Der Herr Verfasser hätte darauf hinweisen können, dass der idealistischen Richtung der Leibnitz-WolfFsehen Philosophie die deutschen Freidenker mit den Waffen des Hohnes und des Spottes entgegengetreten waren, um nicht nur abergläubische Vorstellungen, sondern auch die von dieser Schule gelehrten ״Wahrheiten der natürlichen Religion“, die übrigens zum grossen Theil noch in lateinischen Compeudien niedergelegt waren, durch pantheistische und atheistische Lehren zu ersetzen. Diesen Erschütterungen des religiösen und sittlichen Bewusstseins, deren Folgen gar nicht abzusehen waren, traten die Populärphilosophen durch ihre in deutscher Sprache geschriebenen Schriften entgegen, in welcher sie die gedenkliche Begründung der theistischen Lehren unternahmen und hierdurch gleichsam die ״ Führer der Verirrten oder der Schwankenden“ in ihrem Zeitalter wurden. Die Popularphilosophie hat für den deutschen Volksgeist erlösend gewirkt und Mendelssohn ist einer der würdigsten Vertreter derselben nicht etwa, was das beabsichtigte Ziel selbst anbelangt, — das hatten Alle gemeinsam — sondern, was die Vielseitigkeit, die Schärfe und die Gründlichkeit der Untersuchungen betrifft, die er auf di? Be - antwortung und Beseitigung der aufgeworfenen Fragen und Zweifel wandte**). Selbst, wenn die deutsche Popularphilosophie kein anderes Ergebniss erreicht hätte, als die Befruchtung des religiösen Geistes, so wäre man noch keineswegs berechtigt, über dieselbe in vornehmer Weise abzuurtheilen oder gar über dieselbe den Stab zu brechen, da in dem geistigen Leben ן der Menschheit, wie die Geschichte lehrt, die Erscheinung gar oft zu Tage tritt, dass mit der Befruchtuug des religiösen Geistes auch die Grundläge für den Aufschwung des philosophischen Bewusstseins gegeben ist. ln der That folgt der Popularphilosophie, die sich mit den ״Wahrheiten der natürlichen Religiou“ beschäftigt״ die kritische Philosophie auf dem Fusse nach oder, wenn wir in I das Mittelalter zurückgehen, in welchem die Religion | als Kern und Stern der menschlichen Lebensthätigkeit erscheint, sehen wir die Scholastik erblühen, welche sich die denkende Betrachtung der religiösen Lehren zur Aufgabe macht und wer kann heute bestimmen oder angeben, zu welcher Blüthe philosophischer Erkenntniss dieses Streben geführt hätte, wenn die Freiheit der Forschung nicht in sehr enge Grenzen gebannt gewesen wäre. (Schluss tolgt.1 **) Von den Seelenkämpfen dieser Zeit entwirft uns Mendelssohn in dem 0. Briete über die Empfindungen ein sehr anschauliches Bild, eine Schilderung, die wir hier wörtlich folgen lassen, weil sie die Bedeutung der Popularphilosophie ins hellste Licht /.u setzen geeignet ist: ״Befrage unseren Freund, heisst es dort — der dir dieses Schreiben überreicht. Er weiss es, wie nahe ich einst dem völligen Verderben gewesen. Mein Fuss verlor sich von dem seligen Pfade der Wahrheit. Mich quälten wie höllische Furien grausame Zweifel an der Vorseliung, ja, Dir kann ich es ohne Scheu gestehen, an dem Dasein Gottes und an der Seligkeit der Tugend. Jetzt war ich im Begriffe allen schnöden Begierden den Zügel schiesseu zu lassen. Jetzt stand ich in Gefahr, wie ein Betrunkener in den unseligen Abgrund zu taumeln, darin die Sklaven des Dastcrs stündlich tiefer gleiten. Heran, Verächter der wahren Welt- Weisheit! heran seichte üenker! die ihr eine jede tiefsinnige Betrachtung für Unsinn haltet; rettet eine Seele aus dem Bachen des Verderbens! Bietet alle eure Seelenkräfte aut! Rathet! Was war zu thun? Sollte ich die aafsteigenden Zweifel in ihrer Geburt ersticken? Wodurch? Durch den Glauben? Ich Elender! ich versuchte es, allein kann das Herz glauben, wenn die Seele zweifelt?״ Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahm er, Magdeburg. Druck von D. L. Wolff, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig

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