Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 6. (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 22 ״Hast du gehört“ fragt mau R. Elieser ben Asarja wahrend seiner Anwesenheit in Rom, von den ד•‘חליקי כפרה Vier verschiedenen ״Sühnemitteln“? Und ben Asarja antwortet: שלשה ד,ז ותשוב ה צם כל ״ א־ד'אהלEigentlich sind’s nur drei Sühnemittel, 1. Versöhnungstag, 2. Leiden, 3. Tod, denn das vierte: תשוב״ Reue, Busse soll ja eben durch jedes Einzelne der drei genannten Siihnemittel erst bewirkt und herbeigefuhrt werden 1“ Welch’ ein grosses herrliches Wort! Die ״Sühne“, lehrt ben Asarja, dürft ihr Menschen nicht ״dranssen“ suchen, denn es ׳ trägt jeder das edelste und heiligste Sühnemittel i n; sich. Dis Sülmevnittel, das allen Menschen getneiu- 1 sam, is: die innere Demuth, die innere Zerknirschung, die innere Erkenntniss ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit ... Zu dieser Erkenntuiss gelangt aber dar Mansch, erstens: durch den Versöhnungstag, durch die Qual und Pein, den der Jom Kippur mit sich führt. Und wenn dieser Tag nicht geholfen, dann helfen zweitens: die Leiden und Schmerzen, die Prüfungen und Bitterkeiten an den sonstigen Tagen des Jahres, und wenn ן diese Leiden auch k< in« Besserung kerbeigjführt, . daun hilft doch, gewiss drittens: der Tod. (.| מיתי מ בדקת) Der Tod, der Todestag, die Schrecken des ' Todes, die werden den Menschen gewiss von seinem Hochmuth und Dünkel heilen, denn ״vor mir beugt sich jedes Knie“ (Jesaja 45.21) erklärt der Talmud זה יום המיתה. das gilt vom Todestag. (NiddahSOb). Mit dieser Theorie konnten All!׳, aim und reich, 1 gelehrt oder unwissend, zufrieden sein. Was wollt ihr, Arme, Hilflose, Unglückliche, Unwissende? Sühne? Versöhnung? Nun, fasten am Jom Kippur könnt ihr Alle, Leiden und Prüfungen, wem bleiben sie erspart? Und den Todestag, den erlebt doch Jeder! Wir bemerken nur noch, dass sich der Wortlaut dieser Stelle im jerusaleinischen Talmud (1. c.) von dem im babylonischen wesentlich unterscheidet, und die Tosefta (Jom Kippurim S. 11)0 Edit. Zuckermandl) hat anstatt מלמד שמיתה ממרקת die Lesart מלמד שיום המיתה ממרק und das ist. die richtige Lesart, — denn nicht der Tod, weun er bereits eingetreten, sühnt, sondern der Todestag — die אימוות לוות die Schrecken des Todes, (Psalm 55.5), durch diese wird sich der Mensch seiner Ohnmacht bewusst, und er beugt in Demuth das Knie vor Gott, wenu er es auch iu seinem Leben sonst nie gethan . . . Also Ver sö hn u ngst ag, Leidens tag, (/יסודי בשאר ימורה השינה) und Sterbetag sind die drei Sühnemittel, durch die dem Menschen die Pforten der Reue (שובה!-!( und Busse erschlossen werden. Das ist die wahre Lösung und Deutung der, wie der Kundige, weiss, dunklen und schwierigen Talmud- Stelle: שרשה הן ותשובה צם כל אחד יארד! Während aber diese drei Sühnemittel nur individuell, ״vereinzelt“ wirken, denn Jeder hat ja seine eigenen Leiden und Schmerzen im Leben, Jeder seinen eigenen Sterbetag, seinen eigenen Todeskampf und selbstempfundeueTodesschrecken; giebt es, wieder Talmud (Synhedrin 40) lehrt-, ein viertes allgemeines Sühnemittel, wodurch Hunderte und Tausende zugleich mächtig ergriffen, im Innersten der Seele erschlittert, von der Nichtigkeit und Hinfälligkeit des Menschen in einer zur Demuth und Selbsterkeuntniss zwingenden Weise überzeugt werden, und das ist,: קב־רה das Siihnemittel der Beerdigung.*) * Wie wunder!)!«• schön erklärt ״Base hi׳‘ das \V״r1 הבירה משים כפרד mit ■1•״׳ Worteבהטמנה זי שמורידיז :״ ומשפילין איתו בהחתי־ח! wie poetisch Kabbe״״״״*י ״״ indem <־r s״«t: מש־ום שמטמינין איתי בחחתיית ארץ והיא הכנצה גדולה ,שבהיותו ח• היה מישל צל בל מיני בצרי חיים Das ist der grosse, ethische, philosophische Gedanke, das die erhabene, jüdische Lehre, die in dem Worte ״ קבורה משום כפרהdie Beerdigung ist ein Sühnemittel der Menschheit“ enthalten ist — die ,.Beerdigung“ wirkt sühnend, läuternd, an die Allmacht Gottes und die Ohnmacht des Menschen mahnend, auf Alle, die da Zeugen des furchtbaren, grauenhaften Aktes sind, durch den ein Mensch in die öden, schweigsamen und ewig finsteren Tiefen der Erde — gebettet wird Die Beerdigung ist aber zugleich Symbol, dass der Todte sich im Leben seiner Niedrigkeit Gott gegenüber bewusst war, und die 1111sterbliche Seele, die ja auch nach dem Tode fortlebt, sich, auch im Augenblicke wo wirschmerzerfüllt das offene Grab umstehen, — מכי הוו צצרא דקברא פורתא ihrer Schwäche und Nichtigkeit Gott gegenüber bewusst ist, und deshalb gereicht sie, die ״Beerdigung“, nicht nur den Lebenden, sondern auch den Todten 7,ur Sühne, denn die uns mit Demuth und Reue erfüllende Wahrheit, die w i r Le benden im Augenblicke der Beerdigung erkennen, erkennt doch die unste bliche, von den Binden des S'aubes und lrrthum’s befreite Seele in noch viel höherem Masse, die ״Beerdigung“ ist daher ein Sühnemittel für die Lebenden, wie für die Todten. — Von diesem rationellen, ethischen Gesichtspunkte aufgefasst, gewinnen erst die dunklen Worte des Talmud (Synhedriu 4ti b) ihre wahre und volle Bedeutung. (Schluss tolgt.1 Beerdigung und Feuerbestattung in Bibel und Talmud. Von Rabbiner J)r. Wiener in Oppeln. (Fortsetzung.) Zweierlei ist in dem Artikel des Herrn Dr. Krakauer zu berichtigen: 1. Tosephot und Raschi ditleriren in der Interpretation des לא כל כמיינה durchaus nicht,ז nach der einen wie der anderen Autorität würde dem letzten Willen des Testators, wenn die Erben, die Verwandten damit einverstanden, Rechnung zu tragen sein. Ich will hierbei zugleich bemerken, dass es einestheils erst die Epigonen Muimuni, Nachmanides und Karo sind, die mit ihrem יבדונא דכולי צלמא statt wie Raschi und Tosephot mit [לקרובי oder למשפחתו kommen; anderntheils, dass, wie auch sonst bisweilen, hier die verschiedenen Schulen unter sich differieren, die Letzteren sind ja ספרדים, die Ersteren צרפתים, das ist auch ein Moment, das über manche Differenz in den Decisionen Aufschluss geben könnte. 2. Meint Hr. Dr. Kr., die Asche, womit nach der Mischnah Thaan. die Gesetzeslade oder gar die Gesetzesrollen selber bestreut wurden, müsse wohl von der Asche von Märtyrern herrühren, ( weil sonst nicht einzusehen sei, wie dieser Act mit dem dort vorgeschriebenen Fasten und Bussen im Zusammenhang stehe). Ich meine jedoch Asche dient ja auch sonst überall als Symbol der Vergänglichkeit alles Irdischen, was zur Erhöhung der Demüthigung, der Reue und Bekehrung der von Calnmitäten Hoimgesuchten dienen sollte, Asche vom Menschen, spricht zu diesem Zweck noch ausdrucksvoller. Nach einer Ansicht in der Gemara aber und der Tosseph. soll diese Asche an die im Geist gleich- .Diese furch! bareErniedrigung und Demi'ithiguug eines Menschen, eil■״ wir vor Tagen und Stunden noch als ״Herrscher und Rogioror“ aut Erden wandeln Rahen, und nunmehr in die fiustore (imlio, in die Tieten der Erden werten, stürzen müssen, dieser Alu!101• Beerdigung, wirkt so erschütternd, so ergreifend, so mächtig ernüchternd und demüthigend aut Alle die da חוו צצרא דקכרא (Synhedrin 17 b> diesen •fammer dos (irahes und Begrabonwerdens vor sich sehen, wie kein anderer Akt in der Welt. K.