Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 16 (1887)
- Issue
- N° 3. (13.1.1887)
- Date
- 1887-01-13
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
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Baben“, solcher בעלי תשובה, zeigen, die früher alle Gesetze und Gebote der Thora mit Füssen getreten, und mit einem Male ״fromm und gottesfürchtig“ ge• ,worden! ״Wozu“, fragt Herr Dr. Wiener, ״braucht denn der Todte Sühne? Versöhnungstag, Busse und Tod sühnen ja auch die allerschwerste Sünde? Allerdings! Aber wo sind sie denn, die reuigen, bussfertigen, nach ״Sühne lechzenden Menschen, die בעלי השובה?! Oder sollen wir etwa die Paar Worte, die der Sterbende gewöhnlich in halb bewusstlosem Zustande mechanisch nachsprioht für eine תשובה מעולה (S. Maimonid. 1. c.) ansehen? Und das ist der Hauptirrt hum des Herrn Dr. Wiener, dass er etwas voraussetzt, als selbstverständlich vor- \ aussetzt, was so selten, 80 ausserordentlich selten ן vorkommt, dass ein« der edelsten und höchsten Tugenden der Menschheit, duss er einen Seelenkampf, zu dem sittlicher Heroismus und moralisohe Biesenstärke gehört, als etwas so Kleinliches, Alltägliches, bei jedem ״Bettler an Moral und Religion* in Hülle und Fülle zu Findendes, «״sieht! כל הנביאים י*א נוצבאו אלא לבעלי תשובה sagt d.:r Talmud (Bei-achoth 34b). ״Der ״Reuige“ — בעל תשובה — isc nur ein Zuk unfts - Ideal der goftbegeisterten Propheten, in Wirklichkeit ist die ״Reue“ selten, gar selten zu finden. — — Ist aber keine Reue, keine volle, wahre Reue da, dann sühnt der Tod auoh nicht, denn der ״Tod ohne Reue“ sühnt (S. Tosafoth Sehebuoth 13 a) nur mit der Züchtigung und Strafe, die dem Sünder nach dem Tode zu Theil wird — דלא אמרי רבנן דמיתה ממרקת אלא עם הייסורין והריק שדנק אותו לאחר מיתה sagen Tosafoth 1. c., und wenn die Mischnah (Joma 85) sagt: Gebote und Verbote werden durch ״Busse“ gesühnt, sagen dieselben Tosafisten (Sehebuoth 12b s. v. לא ה), meint man nicht eine vollkommene Sühne, sondern die Strafe nach dem Tode wird dadurch eine geringere, mildere, als sie es ohne Busse geworden wäre! — Die Frage, die Herr Dr. Wiener in Bezug auf ״Sühne der Todten“ aufwirft, fasst aber ausser dem bereits Gesagten noch ein anderes Duzend halachischer Irrlhümer in sich, deren Erkenntniss auch den hochgeschätzten Collegen überzeugen werden, dass von einem Widerspruch zwischen der Talmud- Stelle Synhedrin (4<3 b) קבורה משום כפרה und derjenigen in Joma (85) מיתה ממררת gar keine Rede sein könne! Herr Dr. Wiener fragt: ״Versöhnungstag, Busse und Tod sühnen ja alle Sünden?! Allerdings! Aber der Versöhnungstag sühnt nach Mischnah und Gemara (C’rithuth 25—26) nur Sünden, die der Mensch nicht kennt, von denen er gar nicht weiss, dass er sie begangen; Sünden aber, die dem Menschen bekannt, von denen er bestimmt weiss, dass er sie begangen, werden durch den Versöhnuugstag nicht gesühnt. Nur Opfer, oder, in Ermangelung der Opfer, nur ״Reue“ vermag auch die dem Menschen bekannten Sünden zu sühnen. *) Wo ist aber die Reue?! Die תשובה מעולה?• Wenn wir uns am Versöhnungstag die Brust wund schlagen, und am Abend wieder dort anfangen, wo wir Tags zuvor aufgebört, ist das nicht 5!?טובל ושרץ בידו; .,Versöhnungstag, Reue und Tod sühnen ja die allerschwerste Sünde!“ Allerdings! Aber doch nur Sünden gegen Gott, nicht aber Sünden gegen Menschen. (S. Maimonid. H. Thschubah חטא שאיז מכיר בו אלא המקום הוא דיו״ב מכפר׳ t* .(אבל דידע בה לא מכפר(כריתות דף *ב״ו "ע״א ■י כל המתודה בדברים, ולא נמר בלבו לעזוב, דר* וד, בידו (יד החוקה ה׳ תשובה פ״ב ה־׳ס pen דומה לטובל II. 2). Da, schreibt die Halacha, nützt weder Versöhnungstag noch Reue, sondern wir müssen den Fehler wieder gut zu maohen suohen, und wenn wir unseren Nächsten auoh nur mit einem, Worte verletzt. Wie viele Sünden begeht aber der Mensch gegen seinen Nebenmensohen, die er nie gut macht, auoh nie gut machen will?! ״Versöhnungstag, Jleue und Tod sühnen ja auch die allerschwersten Sünden!“ Allerdings! Aber naoh der Ansicht sehr bedeutender Commeatatoren nur früher,vorz ei tigerTod,(S.יפה מראה על הירושלמי פיו־׳כ) , denn den gewöhnlichen Tod müssen ja auch die Frömmsten und Vollkommensten sterben, und warum sollte der dem Menschen zur Sühne gereichen? ״Versöhnungstag, Busse und Tod sühnen ja die allerschwersten Sündenen!“ Allerdings! Aber doch nur die vergangenen und nicht die künftigen Süuden! Nur die Sünden, die man begangen bis zum Versöhnungstag, nie aber die Sünden, die man begeht vom Versöhnungstag au und weiter? Wenn Jemand z. B. 7—10 Monate nach dem Versöhnungstag stirbt, kann der vergangene Versöhnungstag die in den letzten 10 Monaten begangenen Snden sühnen?! Ist es nicht geradezu komisch, in Folge dieses ״Hysteronproteron“, das sich Herr Dr. Wiener zu Schulden kommen lässt, den Talmud des Widerspruchs zu zeihen und dessen Wort als des ״Ernstes“ entbehrend hinzustellen?! Von dem seiner Frömmigkeit wegen berühmten Baba beu Buta erzählt die Mischnah (C’rithoth 25a): ״Er habe jeden Tag ein Schuldopfer אשם ך4לךי dargebracht, nur den ersten Tag nach Jom Kippur nicht. Den zweiten Tag aber nach dem Versöhnungstag, hielt er sioh schon für schuldig und der Sühne bedürftig. Sind wir aber besser a's der unsterbliche Baba beu Buta? Was nützt uns die Sühne des vergangenen Versöhnungstage«, wenn wir wieder von Neuem sündigen, und den kommenden Versöhnungstag nicht mehr erleben?! Tod ohne Versöhnungstag sühnt doch nicht?! — Versöhnungstag, Busse und Tod sühnen ja auoh die allerschwerste Schuld! Allerdings! Aber doch nicht diese drei allein! Es muss doch noch ein Viertes hinzukommen, warum verschweigt Herr Dr. Wiener "יסורין" die ״Schmerzen, Leiden“, duroh die Gott die Sünden der Menschen zu sühnen sucht?! Sollten diese ״Leiden“, wenn der Mensch von ihnen im Leben verschont geblieben, nicht zuweilen für die Sühne nach dem Tode aufgespart bleiben?! Maimonides (H. Theschubah VI. I) wenigstens lehrt: ״Es giebt, Sünden, die schon in dieser Welt bestraft werden; es giebt aber wieder andere, die erst dort, jenseits des irdischen Lebens, vergolten werden“!! Herr Dr. Wiener scheint überhaupt die Urquelle dieser ״Sühnenlehre“, den Jerusalemischen Talmud, übersehen zu haben, sonst hätte er gewiss nichts Widersprechendes in den zwei Talmudstellen (Synhedrin u. Joma) gefunden. Die Genesis der genannten Sühnenlehre ist nach dem jer. Talmud (Joma 77, ל״ט Edition Zitomyr) folgende: R. Jsmael findet in der h. Schrift vier verschiedene Verse, die in verschiedener Weise über Sühne uud Versöhnung sprechen. Wie sind diese vier Verse in Eiuklang zu bringen? Wir rubriciren, antwortet R. Ismael, alle biblischen Sünden in 4 Abtbeilungen uud zwar 1. לא .2 עשה חלול השב .4 כריתות ומיתות בי־ד .3 תעשה — für die Uebertretung von 1. (Gebote) genügt Reue — für 2. (Verbote) Reue und Versöhnungstag, für 3. (Tod- Sünden) Reue, Versöhnung und beiden, für 4. (Entweihung des göttlichen Namens) Reue, Versöhnungstag, Leiden und — Tod . . . Das sind die vier Rubriken, durch die man sich die vier genannten Verse zu