Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 52. (23.12.1886)
- Date
- 1886-12-23
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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Werkes, in welchem das Verhältniss der Causalität zur Freiheit und das Wesen der Willensfreiheit zur Darstellung kommt, ein gedrängter und doch licht• voller Abriss des ganzen Seelenlebens: und wie wäre es auch möglich die Freiheit andere zu ergründen, da ihre Strahlen die entlegensten Winkel des Seelenlebens, wenn von solchen die Rede sein kann, durchdringen? Ob sioh alle, die über Willensfreiheit mitzusprechen sich für competent halten, mit dem Auf- Schluss: ״Freiheit ist keine Kraft, sondern eine Kategorie der Beurtheiluug“ zufrieden geben werden, glaube ich schon darum nicht, weil gerade im Punkte der Willensfreiheit so viele ein Uri heil sich erlauben, die gar nichts .davon verstehen. Und setzt es nicht fast die ganze Herbart’sehe Aesthetik um die von Herbart ausgehende Unterscheidung zwischen ästhetischer Beurtheiluug und Erkenntniss, die von Steinthal auf alle Beurtheiluug hinsichtlich des objectiven Ergebnisses ausgedehnt wird, klar zu erfassen?*) Die Steinthal’sche Theorie der Willensfreiheit beruht auf tiefgehenden psychologischen Forschungen und muss von jedem erst begriffen werden, ehe sie beurtheilt werden darf. — Eine Bemerkung sei mir hier gestattet, die vielleicht zur Theorie der Willensfreiheit nicht gleichgiltig sein dürfte. Ich glaube: ״Freiheit des Willens“, das ist schon eine Tautologie. Der Wille des .Menschen ist seine Freiheit; Wollen ist frei sein, und Freiheit des Willens ist nur identisch mit Wollen des Willens. Es kann nach meiner Ansicht nur von einer Freiheit des Menschen, von Freiheit des Willens aber nur im Sinne von Freiheit der Freiheit die Rede sein. Der Mensch ist das einzige Wesen, welches will, und das ist seine Freiheit. Mit dieser Definition, die im Wesentlichen mit der Steinthal’schen, sowie auch der Herbart’schen und der aller für diese Frage competenten Psychologen nicht, in Collision steht, sind alle Schwierigkeiten beseitigt, welche aus der Adjectivirung der Freiheit zum Nomen Wollen sich aller klaren Auffassung der Freiheit entgegenthürmen. Nicht minder eingehend und selbst dem priuzipiellen Gegner eine ungeheuere Fülle von Anregungen treffender, oft ergreifender Darstellungen bietend ist der 3. Theil, welcher ״die Darstellung der Ideen oder die Formen des sittlichen Lebens“ behandelt. Das ganze ethische Leben der Menschheit in den realen geschichtlichen Formen wird uns in oft liebenswürdigen Bildern vorgeführt. Denn das ist die eigenste Art Steinthal’s, dass er bei aller wissenschaftlichen Tiefe uns nie durch trockenen Ton ermüdet. Ein wahrhaft begeisterter Ton tritt uns namentlich überall entgegen, was die Religion berührt; freilich ist Steinthal’s Religion nicht die vulgäre. — Geradezu *1 Vgl. n. B. Enoyclopädie 11. Philosophie § •Sd liläj, die '2 Anmerk., wo Herbart. auch über die O bje c t i v i tiit des Aest,het,iseh en sich klar iiussert, dass damit nicht eine ״Realität des (Gegenstandes“ gemeint ist, sondern des blossen ״Gedankenbildes“ desselben: Die Objeetivität besteht in der Nothwendigkeit, mit welcher ein bestimmtes Gedanken b iId. ein bestimmtes ästhetisches Urtheil erzeugt, und mit welcher das Ged an kenbild von der objectiven Realität abhängt: nicht aber, dass dem ästhetischen oder gar ethischen Gefühl ein objectiv reales, und sei es auch nur tormales Correlat. ausserhalb des Subjects entspräche, denn auch das Formale ist ausser uns gegeben, also an sich real und nicht ideal. Auch ist Herbart weit entfernt, gleich Prot. Steinthal, i^Ethik S. 30) zu behaupten: Beurtheilung vermehrt nicht den Inhalt der Erkenntniss, sondern nur ״ästhetischeBeurtheilung“. Dagegen giebt es eine Menge Erkenntnisse, die durch Beurtheilung gewonnen werden. Aller Pragmatismus der Geschichte ist lediglich Beurtheilung: alle Hypothesen sind Beurtheilungen denn Beurtheilung ist zu einem Subject das Prädicat suchen, oder in a - x ,las x doterminiron. erhaben 18t der ganze 4. Theil, welcher ״die'ethische Weltanschauung“ darstellt. Die Weltanschauung Steinthal’s erhebt sioh so sehr über das Gewöhnliche, dass er den Muth hat den Satz aufzustellen: die ganze unendliche Natur besitzt keinen Werth; Werth hat allein die Sittlichkeit! Die Lektüre dieses 4. Theiles muss jeden, er gehöre, welcher Richtung immer an, wahrhaft erheben. Hier tritt der grandiose Idealismus Steinthal’s im festen Gefüge eines wohlgezimmerten Systems mit Macht hervor. In Steinthal’s Brust wohnt nur die Eine ״Seele, die sioh gewaltsam hebt vom Duft“, und nur zu bewundern ist es, wie er bei solchem ethischen Idealismus in der psychologischen . Fo־׳'chung auch das Kleinste und Kleinlichste mit ״deroer Liebeslust“ umfassen und behandeln konnte. Der Duft des erhibensten Idealismus ist in diesem 4. Theile so berückend, dass ich mit Schmerz mich durch meine Bedenken von der reinen Seligkeit desselben ausgeschlossen sah. Allein ist es auch nioht mein Idealismus, so ist es doch — Idealismus, und dem Idealismus gehört die Zukunft. Das hat keiner überzeugender gezeigt, als Professor Steinthal gleich in der Einleitung der Ethik, S. 14. Die Stelle ist zu wichtig, als dass ich sie nioht hier zum Sohluss in extenso anführen sollte: ״Es wäre, scheint mir, keine überflüssige Frage, ob es möglich wäre, im Menschengesohlecht allen Idealismus zu vertilgen. Denn, meine ich, wenn sich ergeben sollte, dass dies in der That unmöglich sein dürfte, so müssen sich unsere Realisten fragen, ob dies nicht ein Beweis, un i dies nicht der sicherste Beweis sei, dass sie überhaupt auf falschem Wege sind. Meist dürfte man kein Bewusstsein davon haben, worauf min thatsächhch lossteuert. Vielmehr lassen sioh die entschiedensten Vertheidiger des Positivismus und der naturwissenschaftlichen Weltanschauung dadurch zu Iuconsequeuzeu verleiten, dass ihnen ein Schlupfwinkel entgeht, in welchem sich der Idealismus, kaum fassbar, aber mit entschiedener Macht, festgesetzt hat, und aus dem er der meohanischen Wissenschaft, seiner Gegnerin, einen fremden Glanz verleiht. . . . Loh meine die Sprache. An den Worten hat sich durch unzählige Geschlechter eine! ideale Gefühlsmasse aiigesammüt, welche mit dem 1 Ertönen des Sprachlautes in uns aus Gewohnheit! lebendig wird, obwohl wir mit den Worten nicht . mehr den Inhalt verbinden, den sie ehedem bedeuten.! So wie wir von Kampf und Sieg reden, ist ideales Gefühl wach; ״Kampf ums Dasein“ wirkt, wie wenn man sagte: Kampf um llerd und Altar! Spricht mau gar vou ״Zuchtwahl“, so ist ja ״Zucht“ sogar 1 ein religiöser Aus lruck, und ״Wahl“ nicht minder ' Beide erinnern an hohes Menschliches und die freie Gnade Gottes. Dieser Gefühlston, welcher au den! technischen Ausdrücken der mechanischen Natur- Wissenschaft bängt, führt irre; es lasst meinen, man habe an solchen Ansichten immer noch etwas, was | des Menschen Herz befriedigen mag, erwärmeu kann“, i Der tiefe Kenner des Seelenlebens und des Lebens ן der Sprache hat hier in der That dem fälschen Posi-! tivismus eine seiner Masken vom Gesichte gerissen,; die uns zum grossen Theile dessen Trostlosigkeit verhüllt. Prot. Steinthal hat damit die Gefahr aufgedeckt, welche der Wahrheit durch die fälsche, heuchlerisch volltönige Phrase droht, die von der Natur ist, dass sie auf eiuem Gebiete ihren ganzen vollen Iuhalt bedeutet, und welche nun auf einem andern Gebiete das Gegentheil ihres Inhaltes durch ihre anerkannte Autorität einschmuggeln soll. Steinthal’s tiefer Blick in das Herz der Sprache hat hier eine Seite aufgedeckt, die wohl manchen Positivisten stutzig machen und zum Nachdenken über den wahren Werth seines nüchternen Systems anregen wird. —