Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 52. (23.12.1886)
- Date
- 1886-12-23
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- 202 Herr Dr. Wiener meint, wenn die zurüokgebliebenen Verwandten nur zufrieden sind, dann brauche man von Seiten der Religion die Leiche gar nicht zu bestatten. — Warum hat man aber dann den 15. Ab zum Festtag, zum Jubeltag erhoben! Die zurückgebliebenen Verwandten der Helden von Bethar waren ja gewiss, mussten ja zufriedeu dazu sein, dass die Leichen nicht beerdigt werden, wenn Rom, wenn Hadrian es so und nicht anders wollte?!! Und eine religiöse Pflicht, die Leichen zu beerdigen, existirte und existirt ja überhaupt nicht?! Was bedeutet dann die vierte Beuediction im Tischgebet?! הטוב ומטיב! Was der Jubel und die Fröhlichkeit am 15. Ab?! Was die Zusammenstellung vom ,Versöhnungstag“ und ״Beerdigungstag“?! Wer wird nicht schon aus dieser Aneinanderreihung und Zusammenstellung der genannten zwei Momente, die tiefe religiöse Bedeutung der ״Beerdigung“ erkennen! Wer aus all dem Gesagten nicht klar und deutlich ersehen, wie hoch und heilig Israel stets das Gebot der Beerdigung gegolten! Wie unglücklich sie sich fühlten, wenn sie ihre religiöse Pflicht den Todten gegenüber nicht erfüllen, und wie glücklich, von Begeisterung und Dankbarkeit gegen den הטוב והמטיב erfüllt sie waren, wenn sie das hochheilige biblische Gebot der ״Beerdigung“ erfüllen, bethätigen konnten!! — Ja! Dev Beerdiguugstag war für Israel stets zugleich ein Versöhnungstag, denn קבורה משום כפרה! — Wenn wir aber schon bei ברכת המזון Veranlassung zu derlei Erörterungen haben, wie erst bei der Verhandluug von תהיית המתים מן התורה! Hören wir da nicht wieder Ausdruck־־, wie ״agadische Discussion“ ״akademische, nicht ernst gemeinte Untersuchung“ an unser Ohr klingen? Und doch wissen wir, wie ernst, wie sehr ernst die Weisen es mit dem Glauben an die ״Auferstehung“ genommen! Und doch wissen wir, dass die Mischnah (Synhedrin 00a) lehrt: ״Wer da sagt, ״Auferstehung der Todten“ sei nicht biblisch begründet, der habe nicht Theil am ewigen Leben“, dass Maimonides (Hil. T’schubah 3b) sagt: Wer da leugnet die ״Auferstehung der Todten“, der findet auch nach dem Tode keine Sühne. Und da wären wir ja endlich bei unserem eigentlichen Thema, das wir besprechen wollten, — bei der ״Sühne der Todten“, angelangt. — — Man entschuldige unsere heutige Excursion auf ein anderes, wenn auch nahe verwandtes Gebiet; wir wollten bloss zeigen, wohin gewisse Redewendungen und Vorurtheile, die vor dem Richterstuhle der Wissenschaft keinen Augenblick bestehen können, fuhren müssen! — Unser gesch. Mitarbeiter, Herr Rabb. Dr, Kohu, hat uns inzwischen noch einen IV. Artikel eingesandt, nach dessen Abdruck wir Herrn Rabb. Dr. Wiener, dem das Verdienst gebührt, die Frage angeregt und zur Discussion gestellt zu haben, das längst verlangte Wort geben wollten. Inzwischen sendet uns jedoch Herr Dr. Wiener die nachfolgende vorläufige Erklärung zur Veröffentlichung zu; Sehr geehrter Herr College und Redacteur! Herr Rabb. Dr. Kohn wird doch wohl erst in einer spätem No. abschliesseu,* so bleibt mir, um nicht;כנם לדברי חברי und נבהל להשיב zu sein, nichts übrig, als erst dann zu erwidern. Doch fühle ich nicht blos das Bedürfniss, sondern auch die Pflicht, schon heute Folgendes zu bemerken und, weil es von der gegnerischen Seite ganz unbeachtet blieb, zu wiederholen, dass ich mit meinem Gutachten in der ״Flamme“ keine Propaganda machen, sondern nur erwirken wollte, wenn jemand — wegen eines unüberwindlichen horrors gegen die Beerdigung — feuerbestattet zu werden, den letzten Wunsch hat, ihm in keinem Betracht die letzten Ehren und seinen Aschenresten die Ruhe unter geweihter Erde zu versagen. In drei bis vier politischen Blättern, die man mir zugesandt und selbst in der ״Flamme“, die ja gerade für Feuerbestattung Propaganda macht, war als Uebersetzung aus dem ital. ״Vessillo Israelitico“ ausdrücklich mitgetheilt, dass das Livorner Rabbinat in sein9r Mehrheit zu dem Entschluss gelangt ist: ״Verbrannte sollen nicht zwischen den anderen Körpern, sondern in einer besonderen Abtheilung des Friedhofes beigesetzt werden.*)“ Ich erfuhr erst später, dass ein hebräischrabbinisches Gutachten unter dem Titel יענה באש von dem Livorner Rabbinat erschienen; es hat Monate gedauert und viele Weitläufigkeit verursacht, bevor ich in dessen Besitz gelangt bin und erst vor kurzem habe ich es gelesen. Es ist eine kleine dialektischscharfsinnige Abhandlung. Von Kabbalisten, die sich vom Jenseits wer weiss welche Vorstellung machen, kann voraussichtlich nicht anders als die Beerdigung zur Sühne empfohlen werden; darum soll diese, wie ich es auch von dem genannten Rabbinat erwartete, der Gemeinde streng ans Herz gelegt werden. Doch dürfen nach dem diesbezüglichen Gutachten dem Feuerbestatteten keine von den Riten verweigert und die Aschenreste unterschiedslos wie die der eigentlich Beerdigten beigesetzt, aber nicht Aschenkrüge ausserhalb des Grabes auf dem Friedhöfe aufgestellt werden, welchem letzteren Punkte ich vollkommen beipflichte. Aber man höre den Gruud des Rabb. für letztere Einschränkung משום בזיונא, aber nicht etwa, dass für die Verbrannten, sondern für die Beerdigten ein בזיון entstehen würde, man würde sie für weniger würdig und geehrt erachten, als die, deren letzte Reste in Urnen paradieren. Als ich bemerkte, dass מיונא nur bei gänzlichem Unbestattetlassen, aber nicht bei Feuerbestattung zutreffend sei, da diese gerade als das Vornehmere betrachtet und nach vielen Exegeten deshalb an deu jüdischen Königen vollzogen wurde, entgegnete Herr Dr. Hildesheimer, dass man auf diese Weise alle biblischen Gebote eliminieren könnte. Und doch steht das sonst so streng talmudische und zugleich kabbalistische Livorner Rabbinat in diesem Punkte auf meiner Seite. Hochachtungsvoll ergebenst Dr. Wiener. Litteraturbericht. Recenaionen. Allgemeine Ethik von 1 Jr. H. Steinthal, ausserordentlichem Professor etc. (Schluss.) Nach dieser Seite hin muss ich auch duroh das Studium des vorliegenden Werkes, der Ethik, trotz meine Bedenken gegen dieselbe, mich einen Schüler Steinthals nennen: auoh die Ethik ist eine ungeheure Schatzkammer der wichtigsten Aufschlüsse über die dunkelsten Räthsel des Seelenlebens. Auf dem Gebiete der Psychologie, da wühlt Prof. Steinthal im Golde herum, und er verschwendet, wenn es noth thut, ganze Barren, wo andere ein armseliges Almosen reichen. So ist der dritte Theil des vorliegenden *1 (icgen ein antisemitisches Blatt, das sich wie folgt geäussert hatte: ״Es ist uns vollständig gleichgiltig, ob sich aie daitschen (sic) Juden ▼ergraben oder verbronnen lassen, den Christen aber ist die durch die Grablegung ihres von den Juden (?) ermordeten Heilands geweihte Erde heuig“, schrieb ich damals eine kleine Philippika.