Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 15 (1886)
- Issue
- N° 52. (23.12.1886)
- Date
- 1886-12-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M 52. Jüdisehes Jahrg. XY. Litteratur-Blatt. Zar Belearhtaag aller Jideithia and Jade« betreffende* lltterariRehea Fr* «eheiaaape■ aaf den Gebiete der Philo• asphle, Oeaebiehte, Etkaog-raphl«, Theo- (ogie, OrleaUUa, Exegeee, HowJIetlk, Lltanrih, Pidigoglk. Herausgegeben vos Rabbiner Dr. Moritz Italimer. 9Ttag3e-C>vn^, 23. Qnc&'m&az 1886. Biciu-r iltr.InidiliKtgea lättcraUr.neleh* der liedart •■־ xuiteaaadt werde■• Rnd•■ 1■ dieeeai Hlatte eingehende Heiprech■»». Bel Elaeendang raa awel Bereaeloaa• Kiemplaren erfolgt elanallge kurae Hratla-Iaeertloa. Das ״JMIsche Lttteratur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. 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Wenn aber die ״Beerdigung“ fragen wir nun, dem Judenthum so gleichgiltig ist, wie es Herr Dr. W. darstellt, wenn sie aller religio!וו״ Basis und Begründung entbehrt, wenn es dem Judenthum egal ist, ob verbrennen, ob beerdigen oder —gar nicht bestatten, wenn nur die ״zärtlichen Verwandten“4) damit einverstanden, denn nicht auf Gesetz und Religion, sondern ausschliesslich auf di« ״von den Flammen der Liebe durchglühten Verwandten“ kommt es nach der Ansicht des Herrn Dr. W. an, wie und ob man eine Leiche bestatten soll; wenn die .Beerdigung“ dem Jndenthum in keinerlei Weise religiös werth und heilig ist, wie kommen denn die Lehrer der Mischnal! dazu, eine neue Benediction zu creiren, dafür, dass die Leichen ״beerdigt“ worden sind? Und wenn wir schon die erste Hälfte der Benection begreifen, begreifen, wpi n sie nach der Bestattung Gott dafür dankten, dass die Leichen durch die Bestattung, der Fäulniss und Verwesiing im Angesicht der Lebenden entzogen wur len, was bedeutet aber der zweite Theil der Benediction? Warum dankten sie denn Gott dafür, dass es ihnen gestattet war, die Leichen zu beerdigen? Und *) Wir begreifen die Logik nicht, die Herr Dr. W. in No. •11 Anmerk entwickelt. Der Talmud sagt : CIC'Ö קבורה בדינא, die ״Beerdigung“ ist angoordnet, weil eine unbestattete Leiche den Angehörigen, der Familie zur Unehre gereicht. Daraus schlies»t Herr Dr. W. 1. c., wenn aber die Familie mit der Nichtbestattung einverstanden ist, dann ist gar nichts dagegen zu sagen. Also wenn die Gesetzgebung im Interesse des Volkes, das ja aus einzelnen ״Familien“ besteht, ein Gesotz giebt, wird 1min jede ein zelne Farni 1 ie besonders befragen: ״wie gefüllt Euch dieses Gesetz“? Die Religion gebietet ״Beerdigung“, dei 11 ״Nichtbestattung“ ist für die Familie eine Schande . . Kommt eine einzelne Familie und sagt, wir denken anders über die Sache, dann antworten wir einfach: ״Wir bedauern, wir können aut einen Dissidenten keine Rücksicht nehmen, das Gesetz hat die allgemeine abstracto und icht die einzelne concrete Familie im Auge“. wenn Hadrian einen grossen Scheiterhaufen angezündet, und die Tausende und Tausende von Leiohen nach heidnischer Sitte verbrannt, und die Asche der Verbrannten in eine gemeinsame Urne gegeben hätten, oder, was nach Herrn Dr. W. in jener unglücklichen Zeit noch viel passender gewesen wäre, wenn der ״Rest Israels“, die Zurückgebliebenen und Lebenden, in ihrem gerechten Schmerze, die Asche der nach Zehntausenden zählenden Verbrannten sich aul’s Haupt gestreut, — wie sich ja Herr Dr. Wiener (No. 45) die .Mischnah Taanith pag. 15 a so zurechtlegt — das wäre so eine dritte, neue Art der Bestattung nach Herrn Dr. Wiener, bei der man obendrein die kostspieligen Urnen ersparen würde, der Sohn verbrennt einfach Vater und Mutter und streut — als Zeichen der Trauer — die Asche der ״Heis -Geliebten“, auf das von Schmerz tiefgebeugte Haupt. — Wäre das nicht ״gemüthlich“?! Nicht echt, jüdisch?! Und namentlich, wenn die Mischnah Taauith pag. 15 a -- auf die wir noch zurückkommen — es gestattet, ja fast vorschreibt?!-Wenn also, mit einem Worte, die Helden von Betar verbrannt und nicht beerdigt werden wären, wäre es nicht dasselbe? Nicht vielleicht auch eine ״vornehmere“ Bestattung als die ״Beerdigung“? Und dafür, für etwas, was von religiösem Gesichtspunkte ganz gleichgültig, soviel Lob und Dank?! Dafür, eine neue Benediotion im Tischgehete für alle Zeiten und Ewigkeiten?! Ja! die Mischnah (Taanith 26 b) erzählt: ״Solche frohe und heitere Festtage, wie den 15. Aw und den Versöhnungstag, hatte Israel unter allen Tagen des Jahres nicht mehr!“ Dies erklärt, die Gemara: (Ibid. S. 30 b) Wenn die Israeliten am Versöhnu ng-'tag fröhlich waren, veranlasste sie dazu סליחה ומחילה DV, die ihnen gewordene Verzeihung und Vergebung, was geschah denn aber am 15. Ab? Das war der Tag שניתנו הרוגי ביתר לקבורה, wo es gestattet wurde, die Erschlagenen in Betbar zu beerdigen! . . . Hier werden also ״Versöhnungstag“ und ״Bcerdigungstag“ in einem Athem genannt, beide stimmten Israel freudig und glücklich, und die Bedeutung dieser zwei Tage sollte nicht in einem und demselben Boden, im Boden der Religion, des Judo 11t 1111ms, wurzeln?! Dass die Bedeutuug des Jom Kippur eine religiöse, in der Bibel genau lie/.eichn •te ist, das wissen wir, und die ״Beerdigung“ sollu׳ gar nicht Sache der Religion, sondern Sache ״d••!• Noth und des Verstandes“ sein, und die ״Beerdigung des Menscheu“ und das ״Verscharren des Hundes“ Einem Motive entspringen, auf einer und derselben Stufe stehen??! Wie kann man dann aber ״Versöhnung“ und ״Beerdiguug“ in einem Athem nennen?!! — —